Die große Verunsicherung

Das Medienjahr 2019 im Rückspiegel

Einen Tag vor Nikolaus war es so weit: Am 5. Dezember konnte Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, einen medienpolitischen Durchbruch vermelden: Die obersten Medienpolitiker, die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder, hatten sich auf den Entwurf eines Medienstaatsvertrags verständigt, der den Rundfunkstaatsvertrag ablösen soll (epd 50/19). Mit dem Medienstaatsvertrag wollen die Medienpolitiker endlich dem Medienwandel Rechnung tragen und Regeln für neue Akteure wie Onlineplattformen, soziale Netzwerke und Suchmaschinen schaffen. Für diese Angebote wurde der Begriff "Medienintermediär" erfunden, der im Vertrag definiert wird als "jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen".

Dreyer sagte, der Medienstaatsvertrag sei "die Antwort der Länder als Mediengesetzgeber auf die Digitalisierung der Medienwelt". Der Rundfunkstaatsvertrag stammt noch aus der Zeit, als in den 80ern das Privatfernsehen in Deutschland eingeführt wurde, 23 Mal wurde er seit 1987 überarbeitet.

Komplexes Gesetzeswerk

Gut zwei Jahre haben die Rundfunkreferenten am neuen Medienstaatsvertrag gearbeitet. Im Sommer 2018 hatten sie eine öffentliche Konsultation gestartet, bei der Interessierte online ihre Vorstellungen einbringen konnten. Rund 1200 Eingaben erhielt die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz damals, in einer zweiten Konsultation zur überarbeiten Fassung waren es 2019 noch einmal rund 100. Das neue Gesetzeswerk, mit dem die 2018 verabschiedete europäische Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste in deutsches Recht umgesetzt werden soll, muss noch in Brüssel vorgelegt werden (Notifizierung). Auch die 16 Länderparlamente müssen dem Staatsvertrag zustimmen. Wenn alles läuft wie geplant, soll das Gesetz im September in Kraft treten.

Medienintermediäre wie Google oder Facebook müssen dann die "zentralen Kriterien einer Aggregation, Selektion und Präsentation von Inhalten und ihre Gewichtung" publik machen und ständig verfügbar halten, dazu gehören auch "Informationen über die Funktionsweise der eingesetzten Algorithmen in verständlicher Sprache". Des Weiteren dürfen sie "journalistisch-redaktionell gestaltete Angebote" nicht diskriminieren. Verstöße gegen diese Regelungen können von den Landesmedienanstalten verfolgt werden. Ausgenommen von diesen Regelungen sind kleine Angebote, die im Durchschnitt von sechs Monaten weniger als eine Million Nutzer pro Monat erreichen, sowie E-Commerce-Angebote und Angebote, die ausschließlich privaten oder familiären Zwecken dienen.

So sehr Ministerpräsidentin Dreyer den neuen Medienstaatsvertrag als "modern, ausgewogen und zukunftsfest" lobte, so haben doch Experten Zweifel angemeldet, ob dies die richtige Antwort auf den Medienwandel ist. Der Medienforscher Lutz Hachmeister sprach im Deutschlandfunk von einer "Geröllhalde von Begriffen, die niemand mehr versteht". Er forderte, die Medienpolitik stärker mit Netz- und Digitalpolitik zusammenzudenken.

Neue Aufgaben für Landesmedienanstalten

Auch der Direktor des Hans-Bredow-Instituts in Hamburg, Wolfgang Schulz, sagte, ein neuer Denkansatz wäre notwendig, um der komplexen Medienrealität gerecht zu werden. In einer Stellungnahme des Hans-Bredow-Instituts (HBI) zu dem im Sommer 2019 veröffentlichten Gesetzentwurf kritisierten Schulz und Stephan Dreyer, hier werde die "Komplexität von öffentlichen wie individuellen Meinungsbildungsprozessen und die unterschiedlichen Rollen, Funktionen und Potenziale insbesondere von neuen Angebotsformen dafür" reduziert. Unter anderem kritisierten die beiden Medienrechtler, dass es schwer sei, die Begriffe Plattformen und Intermediäre voneinander abzugrenzen. Und sie warnten vor der Gefahr, dass durch das Gesetz nicht-mediale Inhalte diskriminiert werden könnten.

Anbieter von Telemedien und Intermediäre werden nach dem Gesetz verpflichtet, automatisiert erstellte Inhalte kenntlich zu machen. Auch diese Kennzeichnungspflicht für Social Bots erschien Schulz und Dreyer in ihrer Stellungnahme als Eingriff in die Meinungsfreiheit des Grundgesetzes kritikwürdig. Sie halten es nicht für "empfehlenswert, aktuellen kommunikativen Phänomenen jeweils durch neue Spezialregelungen zu begegnen, ohne dass die Risiken klar erkennbar oder empirisch nachweisbar sind". Der Einfluss der Social Bots auf die Meinungsbildung werde überschätzt, sagte Schulz dem epd.

Auf die Landesmedienanstalten kommen mit dem neuen Medienstaatsvertrag viele neue Aufgaben zu, was Zulassung und Aufsicht neuer Angebote angeht. Angesichts der derzeit meist sehr langwierigen Verfahren in den Medienanstalten wegen Verstößen gegen den Rundfunkstaatsvertrag fragen sich nicht nur Medienexperten, wie die Aufseher in Zukunft mit Ordnungswidrigkeiten bei Sozialen Netzwerken umgehen wollen und ob die Landesmedienanstalten überhaupt die Expertise dafür haben.

Die scheidende Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Cornelia Holsten, meinte zu der Frage, ob eine zentrale Aufsicht angesichts der wachsenden Aufgaben nicht sinnvoller wäre, zwar keck, sie fände es besser, wenn Google oder Facebook weiterhin 14 Landesmedienanstalten lobbyieren müssten statt nur eine zentrale Aufsichtsbehörde (epd 48/19), dem hielt der Medienforscher Lutz Hachmeister im Deutschlandfunk entgegen, Youtube, Twitter oder Facebook ließen sich "nicht von elf oder zwölf deutschen Medienanstalten regulieren. Da lachen die drüber, schicken ihre am wenigsten profilierten Anwälte - wenn überhaupt."

Monopolisierung des Kabelmarkts

Was die Ministerpräsidenten mit dem neuen Medienstaatsvertrag auch nicht in Angriff nahmen, ist die dringend notwendige Reform des Medienkonzentrationsrechts. Auf der Grundlage des derzeit geltenden fernsehzentrierten Rechts wäre eine Übernahme eines großen Medienunternehmens wie ProSiebenSat.1 durch Google, Facebook oder ein großes Telekommunikationsunternehmen möglich, ohne dass die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) dies prüfen könnte. Medienexperten, die Landesmedienanstalten und auch die KEK selbst hatten diese Reform wiederholt angemahnt, doch die Länder konnten sich offenbar nicht auf eine Neuregelung einigen.

Aber die Konzentrationstendenzen im Medienmarkt scheinen die Öffentlichkeit viel weniger zu beunruhigen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Erstaunlich geräuschlos ging die Übernahme von Unitymedia durch Vodafone vonstatten. De facto liegt damit ein Großteil des Kabelfernsehmarkts in Deutschland (von ein paar kleineren Unternehmen abgesehen) in der Hand eines einzigen Großkonzerns, der immerhin 14 der insgesamt 17 Millionen Kabelfernseh-Haushalte versorgt (epd 32/19). Zugleich ist Vodafone der größte Mobilfunkanbieter in Deutschland. Doch der Aufschrei der kritischen Öffentlichkeit blieb aus.

Kritiker wie der Mainzer Medienrechtler Dieter Dörr befürchten, dass der Konzern bald auch ins Inhaltegeschäft einsteigen wird und beispielsweise um attraktive Sportrechte mitbieten wird. Zwar hat das Unternehmen immer wieder dementiert, dass es solche Pläne habe, "aber das glaube, wer wolle", sagte Dörr (epd 30-31/19). Der Medienrechtler hatte bereits vor zwei Jahren vor einer "faktischen Remonopolisierung im deutschen Kabelmarkt" gewarnt (epd 5/17).

Er ist wieder da

Ironie der Geschichte: Als John Malone, zu dessen Konzern Liberty Unitymedia gehörte, Anfang des Jahrtausends sechs regionale Kabelnetze von der Telekom übernehmen wollte, an die rund zehn Millionen Haushalte angeschlossen waren, scheiterte er am Bundeskartellamt (epd 13/02). Nun hat sich Liberty aus dem deutschen Kabelmarkt zurückgezogen und ein anderer Monopolist hat übernommen. Weil die Europäische Union das Verfahren an sich gezogen hatte, kam das Bundeskartellamt in diesem Fall nicht zum Zug. Neben den 116 Milliarden Euro Umsatz des Mutterkonzerns von Google, Alphabet, nehmen sich die zehn Milliarden, die die Vodafone GmbH in Deutschland umsetzt, schon fast bescheiden aus.

Auch der Einstieg des italienischen Medienzars Silvio Berlusconi bei ProSiebenSat.1 im Mai erzeugte wenig Medienecho. Inzwischen hält Berlusconi über seine Firma Mediaset 15 Prozent der Anteile des deutschen Medienkonzerns und ist damit größter Anteilseigner (epd 49/19). In den 80er und 90er Jahren war der Medienunternehmer von deutschen Medienjournalisten noch als Gottseibeiuns und europäisches Pendant zu Rupert Murdoch porträtiert worden.

Ein Evergreen der medienpolitischen Debatte bleibt die seit Jahren diskutierte Reform des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Einmal mehr konnten sich die Ministerpräsidenten nicht einigen. Eng verbunden mit der Debatte um Auftrag und Struktur der Anstalten ist die Frage nach dem Rundfunkbeitrag. Das von einigen Ländern vorgeschlagene Indexmodell, nach dem sich der Rundfunkbeitrag automatisch gemäß einer zu berechnenden medienspezifischen Inflationsrate erhöhen sollte, konnte sich nicht durchsetzen (epd 50/19).

Wie Ende des Jahres durchsickerte, will die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) nun eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 Cent auf 18,36 Euro ab 2021 vorschlagen (epd 47/19). Dies bleibt weit hinter den Erwartungen und Bedarfsanmeldungen der Sender zurück. Vor allem die ARD sieht sich durch die Berechnungen der KEF, die ihren Bericht im Februar vorlegen will, zu weiteren Einsparungen gezwungen.

Der scheidende NDR-Intendant Lutz Marmor sagte dem epd, dass die Berechnungen der KEF eine deutliche Umverteilung der Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag von der ARD zum ZDF zur Folge hätten (epd 51-51/19). Dem NDR stünden demnach ab 2021 noch einmal deutlich höhere Kürzungen bevor als in den vergangenen Jahren. Marmor äußerte die Sorge, dass die Sparvorgaben innerhalb des Senderverbundes der ARD zu einer Entsolidarisierung führen könnten. Seine Intendantenkollegen rief er dazu auf, trotz allem das Erste und die Gemeinschaftsangebote zu stärken.

Die ARD-Anstalten hatten zu den Befürwortern des sogenannten Indexmodells gehört. Sie erhofften sich davon, dass die Diskussionen über die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen, die regelmäßig die Gegner der "Zwangsgebühr" auf den Plan rufen, weniger öffentlich und seltener geführt werden. Doch die Debatte, welchen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wir uns als Gesellschaft leisten wollen, wird weiter geführt werden müssen. Sie muss umso leidenschaftlicher geführt werden, je mehr politische Parteien wie die AfD oder einzelne Politiker die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks infrage stellen. Nur wenn die Gesellschaft einen Konsens darüber herstellen kann, dass sie sich dieses öffentlich-rechtliche System leisten will, wird es auch akzeptiert werden. Leider wird jedoch in den Sendern häufig der Fehler gemacht, dass sie die Akzeptanz mit der Einschaltquote der Programme verwechseln.

Keine Frage, das öffentlich-rechtliche System in Deutschland ist mit 19 Fernsehsendern und 67 Radiosendern, dem gemeinsamen Jugendangebot Funk und zahlreichen weiteren Internetangeboten üppig ausgestattet. Die Frage, ob diese Vielzahl tatsächlich notwendig ist, ist gestattet. Doch in der sich nun schon über vier Jahre hinziehenden Debatte über Auftrag und Struktur konnten die Ministerpräsidenten sich nicht dazu durchringen, Programme zu identifizieren, die sie für verzichtbar halten. Die Anstalten wiederum verweisen auf den staatsvertraglichen Auftrag, all diese Programme zu veranstalten und tun sich schwer damit, einzelne Angebote aufzugeben. So schieben sich Ministerpräsidenten und Intendanten seit Jahren den Schwarzen Peter hin und her.

Alte Dinge

Doch wie gesagt, der Spardruck lastet schwer auf den ARD-Anstalten, vor allem auf den kleineren. HR-Intendant Manfred Krupp beschrieb bei der Hauptversammlung der HR-Gremien Ende Juni die finanzielle Lage des HR als "dramatisch" (epd 27/19). Der Sender werde in Zukunft stärker priorisieren müssen, kündigte er an. Das könne auch bedeuten, alte Dinge aufzugeben und zu reduzieren.

Nur wenige Wochen später erfuhr die verblüffte Öffentlichkeit, was die Geschäftsleitung des HR aufzugeben bereit ist: HR2-Kultur solle zu einer Klassikwelle werden, "die attraktive Inhalte aus und für Hessen mit klarem Blick auf das Musikleben kompetent und lebendig präsentiert". Das Programm solle nicht "wortfrei" werden, "aber stärker um die Klassik als Hauptinhalt zentriert". Dafür sollten andere Kulturthemen stärker über die Informationswelle HR-Info, im Internet bei "Hessenschau.de" sowie in der "ARD Audiothek" ausgespielt werden. Auch sollten "Kulturinhalte" mit besonderem Fokus für die ARD-Audiothek und die ARD-Mediathek" entwickelt werden.

Auf Nachfragen hieß es aus dem Sender, die genaue Umsetzung der Beschlüsse solle nun "gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen und im Dialog mit den Gremien erarbeitet" werden. Der geplante Umbau sei jedoch kein Sparprogramm (epd 29/19).

Die hessische Kulturszene reagierte alarmiert. Der Eindruck, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender hier ein Herzstück seiner Identität leichtfertig zur Disposition stellt, rief viele Kritiker auf den Plan. Die "Frankfurter Rundschau" veröffentlichte zahlreiche Leserbriefe treuer Hörer des Kulturprogramms, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" füllte mehrere Medienseiten mit kritischen Reaktionen von hessischen Kulturschaffenden (epd 33/19). Auch Rundfunkräte zeigten sich besorgt darüber, dass ausgerechnet die kundige aktuelle Kulturberichterstattung und damit der Diskurs über die Kultur reduziert werden könnte.

In Content denken

Ende August wurde HR-Fernsehdirektorin Gabriele Holzner, im Interview nach den genauen Plänen befragt, kaum konkreter. Geplant sei, "Kultur für alle auf allen Ausspielwegen anzubieten", sagte sie (epd 38/19). Der Schwerpunkt des HR liege klar "bei der regionalen Kultur". Daher solle die Kulturberichterstattung auf "Hessenschau.de" ausgebaut werden. Die linearen Ausspielwege, also auch HR2-Kultur, sollten dann zu "Schaufenstern" werden, "in denen die digitalen Produkte je nach Passung ausgestrahlt werden". Der Sender wolle gemäß der Strategie "digital first" in "Content" denken "oder in Formaten und nicht in Sendeplätzen". Sie sagte allerdings auch, der Sender müsse "Etats umschichten".

Zur selben Zeit wurde dann auch noch bekannt, dass der RBB seine Kulturwelle ebenfalls umbauen will. Intendantin Patricia Schlesinger forderte, das Programm müsse "zeitgemäßer" werden. Sie verband den geplanten Umbau von Anfang an mit einer starken Kürzungsvorgabe: RBBKultur müsse eine Million des Programmetats von zehn Millionen Euro einsparen. "Wenn wir mit unserer Kulturwelle kontinuierlich jedes Jahr Zuhörerinnen und Zuhörer verlieren, machen wir etwas nicht richtig", sagte sie im Interview (epd 50/19). Kultur sei in Berlin "so präsent, so prall - es muss möglich sein, sie den Menschen in einer Form anzubieten, die sie mit Leidenschaft, auch schwelgend, annehmen". Ihre Vorstellung eines moderneren Programms skizzierte sie so: "Eine leichtere Ansprache, eine Ansprache, die nicht nur das Schwere der klassischen Musik betont, sondern auch die Freude am Schönen, ja sogar das Schwelgen zulässt."

Auch diese Ausführungen hören sich nicht so an, als ob ein kritischer Kulturdiskurs gewünscht wäre. Die Reformen und der Umgang damit zeugen von einer tiefgreifenden Identitätskrise der Öffentlich-Rechtlichen. Seit Jahren schon setzen sie die Einschaltquote fahrlässig mit Akzeptanz gleich und scheinen darüber zu vergessen, dass es ihre Aufgabe ist, "als Gegengewicht zu den privaten Rundfunkanbietern ein Leistungsangebot hervorzubringen, das einer anderen Entscheidungsrationalität als der der ökonomischen Anreize folgt", wie es das Bundesverfassungsgericht 2018 in seinem Urteil zum Rundfunkbeitrag formulierte (epd 40/18).

Das Gemeinwohl

Ausdruck dieser Verunsicherung war auch das sogenannte Framing Manual, das die ARD - wie im Februar bekannt wurde - bereits 2017 bei der Linguistin Elisabeth Wehling in Auftrag gegeben hatte. Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zitierten genüsslich aus dem Papier, in dem die Linguistin der ARD unter anderem empfahl, von "öffentlichen Medien" oder von "gemeinwohlorientierten Medien" zu sprechen statt von "öffentlich-rechtlichen". Sie warfen der ARD "sprachliche Manipulation durch die Hintertür" vor. Der "Tagesspiegel" schrieb gar von "Gehirnwäsche". Zeitungen, die selbst seit Jahren Framing betreiben, indem sie den Rundfunkbeitrag konsequent als "Zwangsabgabe" bezeichnen und auch sonst keine Gelegenheit auslassen, gegen den "Staatsfunk" zu hetzen, titelten: "So will die ARD uns umerziehen".

So war der Versuch, die ARD besser in der Öffentlichkeit zu verkaufen, gründlich nach hinten losgegangen. Das Papier konnte man aus vielen Gründen für misslungen halten, aber es als manipulatives Machwerk aus dem Sprachlabor eines totalitären Systems darzustellen, war dann doch zu viel der Ehre (epd 9/19).

Die Identitätskrise des öffentlich-rechtlichen Systems wurde zum Jahresabschluss noch einmal erschreckend deutlich in der unverständlichen Reaktion des WDR-Intendanten Tom Buhrow auf Proteste gegen das Kinderlied "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad", das ein WDR-Autor etwas überarbeitet hatte, wobei aus der "patenten Frau" eine "Umweltsau" geworden war.

Das Lied war erstmals in der Sendung "Satire Deluxe" im September zu hören gewesen. Kurz vor Weihnachten hatte eine Redaktion von WDR2 eine Version des Liedes mit dem WDR Kinderchor Dortmund aufnehmen lassen und das Video am 27. Dezember bei Facebook veröffentlicht. In den folgenden Stunden erlebte der WDR bei Facebook, aber auch am Hörertelefon eine Welle der Empörung, die dazu führte, dass das Video keine zehn Stunden nach Veröffentlichung gelöscht wurde. Ein Redakteur sagte in einer am Abend des 28. Dezember angesetzten Sondersendung bei WDR2, der Sender habe mehr als 15.000 Reaktionen auf das Video bei Facebook erhalten.

Ohne Wenn und Aber

Am Nachmittag des 28. Dezember meinte auch noch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), sich in die Debatte über das alberne Kinderlied einmischen zu müssen, und schrieb bei Twitter, der WDR habe mit dem Lied "Grenzen des Stil und des Respekts gegen über Älteren überschritten. Jung gegen Alt zu instrumentalisieren ist nicht akzeptabel."

Intendant Buhrow persönlich rief am Abend in der Call-in-Sendung an und sagte, er wolle sich "ohne Wenn und Aber" für das Video entschuldigen. Er fügte hinzu, er rufe aus dem Krankenhaus an, wo er am Krankenbett seines 92 Jahre alten Vaters sitze, und könne für ihn sagen: "Er ist keine Umweltsau." Damit nahm Buhrow das Kinderlied genauso persönlich wie einige der Kritiker, die sich beim WDR gemeldet hatten. Doch bei weitem nicht alle, die das Lied kritisierten, waren persönlich getroffene Seniorinnen: Wie Social-Media-Experten erläuterten, wurde der "Shitstorm" gegen den WDR von rechten Influencern angeheizt, die auch die Telefonnummer des Hörertelefons gepostet hatten. Am Ende gab es gar Morddrohungen gegen einzelne WDR-Mitarbeiter.

So wurde ein Quatschlied, das im September und November in der Sendung "Satire Deluxe" im WDR noch völlig unbeachtet gesendet worden war, plötzlich zum Prüfstein für die Meinungsfreiheit und für die öffentliche Debattenkultur. Satire- und Comedyautoren kritisierten, mit seiner völlig überzogenen Entschuldigung sei Buhrow den eigenen Leuten in den Rücken gefallen, und forderten den Rücktritt des Intendanten.

Der Autor Stefan Stuckmann schrieb in der "Zeit", in einer Zeit, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk "von Fake News, russischen Trollfarmen und modernen Informationskriegen" bedroht werde, sei es wichtig, für die Werte dieser Institution zu streiten und "das Brisante" zu verteidigen. Diese Werte seien: Aufklärung, Freiheit, "die gute Debatte, in der das Argument mehr zählt als das Gefühl". Für die ARD, deren Vorsitz Buhrow Anfang des Jahres übernommen hat, lässt die von Gefühlen gesteuerte Reaktion des Intendanten wenig Gutes erwarten.

Der Sound der CDU

Die Verunsicherung in den öffentlich-rechtlichen Sendern rührt auch daher, dass diese sich nach wie vor schwer damit tun, ihre Rolle in der neuen digitalen Medienwelt zu finden. Längst sendet ein Sender nicht mehr nur in die Welt hinein, doch der Dialog mit dem Publikum ist - wie nicht nur der Fall "Umweltsau" zeigt - ausgesprochen komplex - und nur selten schallt es aus dem Wald so zurück, wie man hineinruft. Nichts "versendet" sich mehr, im Netz der Netze bleiben alle Peinlichkeiten, Ausrutscher und Fehler für die Nachwelt erhalten. Zugleich zersplittert die Aufmerksamkeit der Nutzer immer mehr. Medien werden nur noch selten konzentriert genutzt, viele twittern neben dem Fernsehen lustige Bonmots oder checken die Facebook-Posts ihrer Freunde.

Hinzu kommt, und das gilt für alle Medien, dass diejenigen, die etwas mitteilen wollen, allen voran die Politiker, gar nicht mehr auf die Medien angewiesen sind. Ihre Botschaften können sie einfacher und ungestört durch kritische Fragen selbst im Internet verbreiten. In Berlin war in diesem Jahr zu beobachten, wie Ministerien und Parteien eigene Newsrooms aufbauten. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb ganz ungeniert im März davon, dass die Partei viel stärker als bisher "selbst News produzieren" müsse (epd 28/19), von denen klar sei: "So und nur so spricht die CDU. Ein eigener Sound über eigene Kanäle."

Und als wäre es damit nicht genug, wirkten die Enthüllungen des "Spiegel" über seinen Starreporter Claas Relotius in der Branche noch das ganze Jahr über nach. Im Dezember sendete Deutschlandfunk Kultur das Hörspiel "Fake Metal Jacket", das wie der passende Kommentar zum Abschluss des Relotius-Jahres wirkte: Ein Kriegsreporter spielt in Brandenburg den Bürgerkrieg in Syrien nach und produziert gemeinsam mit einem syrischen Flüchtling Videos mit vermeintlichen Bürgerkriegsflüchtlingen, die sich auf einem Schlauchboot einschiffen. "Die Redaktionen liebten mein Zeug", sagt der Journalist: "Es muss knallen. Und es knallt."

Routinen in Redaktionen

Das Hörspiel, das auf einem Buch von Sven Recker basiert, das schon im Sommer 2018 erschien (also Monate, bevor der "Relotius-Skandal" im "Spiegel" publik wurde), zeichnet nach, dass es vor allem auch die Strukturen in den Redaktionen sind, die solche Fakes begünstigen. Redakteure denken sich am Grünen Tisch Geschichten aus und fragen nach Protagonisten, die Reporter dann irgendwie beschaffen müssen. Dass auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht vor solchen Fakes gefeit ist, zeigte sich Anfang des Jahres im WDR: Eine Reporterin hatte Protagonisten über eine Komparsen-Website geworben und die Beziehungsgeschichte eines Paars mehrfach unterschiedlich dargestellt (epd 4/19).

Solche Fälle sind natürlich Wasser auf die Mühlen der "Lügenpresse"-Rufer. Umso wichtiger ist es, dass Redaktionen sorgfältig arbeiten, dass sie ihre Routinen hinterfragen und dass sie transparent machen, wie sie arbeiten. Einige beginnen nun, die Geschichten hinter den Geschichten zu erzählen und die Recherchewege publik zu machen. Wenn das das Ende des Star-Journalismus bedeutet, wäre es kein Verlust.

Aus epd medien 1-2/20 vom 10. Januar 2020