"Das wichtigste Argument ist gutes Programm"

Ein epd-Gespräch mit dem RB-Rundfunkratsvorsitzenden Klaus Sondergeld

Radio Bremen wird ab August die dritte ARD-Anstalt sein, die von einer Intendantin geführt wird. Vorgeschlagen wurde die ZDF-Redakteurin Yvette Gerner von einer Findungskommission, der der Rundfunkratsvorsitzende von Radio Bremen, Klaus Sondergeld, vorsaß. Sondergeld ist seit 2016 Rundfunkratsvorsitzender von Radio Bremen. Von 1990 bis 1999 war er Sprecher des Bremer Senats, anschließend war er Geschäftsführer der Bremen Marketing GmbH, die 2009 in der Wirtschaftsförderung Bremen aufging. Diemut Roether sprach mit Klaus Sondergeld über die Suche nach der neuen Intendantin, das "Framing-Manual", das die ARD bei der Linguistin Elisabeth Wehling in Auftrag gab, und die neuen Regeln für die Telemedienangebote der Öffentlich-Rechtlichen.

epd: Am 1. August wird Yvette Gerner als neue Intendantin das Amt bei Radio Bremen antreten. Der Rundfunkrat hat am 5. März dem Personalvorschlag der Findungskommission zugestimmt. Sie saßen auch der Findungskommission vor. Worauf haben Sie bei der Auswahl besonders geachtet?

Klaus Sondergeld: Wir haben besonders auf fachliche und persönliche Eignung geachtet. Wir haben nach jemandem gesucht, der sowohl journalistische Erfahrung hat, als auch mit Organisation und Produktion befasst war. Wir haben nicht nach dem reinen Verwaltungsdirektor gesucht und nicht nach der reinen Chefredakteurin, sondern nach jemandem, der oder die Querschnittserfahrung hat. Bei der persönlichen Eignung haben wir darauf geschaut, dass es jemand ist, von dem man Teamfähigkeit erwarten kann. Bei Radio Bremen gibt es ein gut miteinander arbeitendes Leitungsteam, das Jan Metzger aufgebaut hat. Wir suchten jemand, der sich einarbeiten und einfühlen kann und dann seine Linie entwickelt.

Zum Leitungsteam gehören der Programmdirektor Jan Weyrauch

Sondergeld: … und Brigitta Nickelsen, die Direktorin für Unternehmensentwicklung und Betrieb. Und eine Ebene darunter gibt es eine wichtige Crew, bestehend aus der Chefredakteurin Andrea Schafarczyk, dem kaufmännischen Verwalter Jan Schrader, dem Justiziar Sven Carlson, dem Personalchef Martin Niemeyer, den Leiterinnen von Intendanz und Programm-Management Heike Wilke und Bärbel Peters sowie der Kommunikation, bisher Michael Glöckner, neu Christina Del Din. Diese Truppe arbeitet hier reibungslos und gut zusammen.

Es fällt auf, dass Jan Metzger aus einer Familie stammt, in der es mehrere profilierte SPD-Politiker gab und gibt, die neue Intendantin ist SPD-Mitglied. Muss das in Bremen so sein, weil der Bürgermeister ein SPD-Bürgermeister ist?

Sondergeld: Das ist uns unterlaufen, aber nicht als Fehler. Wir haben jeder Kandidatin und jedem Kandidaten der engeren Wahl einen Fragebogen zur Vorbereitung geschickt, da stand nichts zur politischen Orientierung drin. Wir haben uns auch vorher in der Findungskommission nicht darüber unterhalten. Das war auch durch die Zusammensetzung der Findungskommission ausgeschlossen, die so vielfältig zusammengesetzt war wie der Rundfunkrat. Herr Metzger legt Wert darauf, keiner Partei anzugehören, und Sippenhaft gibt es bei uns nicht. Ich habe im Auftrag der Findungskommission Empfehlungen eingeholt und Tipps besorgt. Ich habe überhaupt nicht danach gefragt, ob jemand in einen schwarzen Karton gehört oder in einen roten Karton oder in einen grünen oder in einen gestreiften.

Radio Bremen ist die kleinste ARD-Anstalt, der Sender hat sehr wenig Geld und wird unter anderem über den ARD-internen Finanzausgleich finanziert. Zurzeit steht die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zur Diskussion. Sie selbst haben bereits gesagt, dass Radio Bremen unbedingt eine Erhöhung braucht. Wie hoch müsste die ausfallen?

Sondergeld: Erst einmal ist wichtig, wie hoch der Beitrag eigentlich im Moment ist. Wir zahlen als Beitragszahler nur 17,50 Euro im Monat, aber die Sender werden derzeit auch durch Beitragsrücklagen finanziert, die nach der Umstellung von der Gebühr auf den Beitrag gebildet werden konnten. Realiter liegt der Rundfunkbeitrag bei 18,35 Euro. Alle Überlegungen, wie hoch der künftige Beitrag ausfallen muss, müssen von diesen 18,35 Euro ausgehen. Die Frage ist auch, wie lang die nächste Beitragsperiode ist, ob sie verkürzt wird oder wieder vier Jahre beträgt. Dann wird man bei niedrigeren oder höheren Zahlen landen.

Einige Länder haben bereits signalisiert, dass sie bei 18 Euro eine Schallmauer sehen, die sie nicht überspringen können oder wollen.

Sondergeld: Das ist gegen das geltende Verfahren. Die Sender melden an, diese Anmeldung richtet sich nachvollziehbar nach den bekannten Kostensteigerungen, und die KEF stellt dann den Bedarf fest.

Was würde es für Radio Bremen bedeuten, wenn es keine Erhöhung gäbe? Gäbe es dann keinen "Tatort" aus Bremen mehr?

Sondergeld: Klar ist: Wenn es keine angemessene Erhöhung des Beitrags gibt und keine angemessene Fortführung des Finanzausgleichs, geht es bei Radio Bremen richtig ans Programm. An dem Knochen ist kein Fleisch mehr. Dann können wir uns überlegen, machen wir erst Bremen Eins zu und zwei Jahre später Bremen Vier oder machen wir gleich Bremen Zwei zu, denn Bremen Zwei kostet so viel wie Bremen Eins und Vier zusammen, aber es ist eigentlich das öffentlich-rechtliche Vorzeigeprogramm als Kultur- und Informationsprogramm. Da sind "Tatorte" eher kleinere Summen.

Die Ministerpräsidenten diskutieren zurzeit darüber, ob sie den Auftrag für die öffentlich-rechtlichen Anstalten neu formulieren. In der Diskussion ist eine Verengung auf Information, Bildung und Kultur. Hätten Sie damit ein Problem?

Sondergeld: Ich halte das für komplett falsch. Gerade in den heutigen Zeiten. Nicht erst seit der von Frau Wehling angestoßenen Debatte über Framing wissen wir, dass unsere Weltsicht durch Vorbilder, role models, Sprache und Darstellungsformen geprägt wird. Die "Lindenstraße" hat wahrscheinlich viel mehr zur Liberalisierung unserer Gesellschaft beigetragen als "Panorama". Das aufzugeben, halte ich für ganz verkehrt. Und wenn sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk zurückziehen muss aus einer Mischung, die normale Menschen erwarten, dass man sich unterhalten kann, dass man sich informieren kann, dass man sich auch ablenken kann mit dem Medienangebot, dann beginnt das Totenglöcklein zu läuten.

Eine der bundesweit bekannten Sendungen von Radio Bremen ist die Talkshow "3 nach 9", die zwei Bereiche abdeckt: Information und Unterhaltung.

Sondergeld: Sie will auf unterhaltsame Weise informieren. Ich war früher Wissenschaftsredakteur, und natürlich versucht man, auch Wissenschaft über unterhaltende Formen, über Vereinfachungen, Beispiele und Spiele zu vermitteln. Eckart von Hirschhausen hat einmal auf einem Podium erzählt, dass, ich glaube, sieben Leute ihm geschrieben hätten, dass sie ihm ihr Leben verdanken, weil er in seiner Show "Quiz des Menschen" gezeigt hatte, wie Erste Hilfe geht. Alle diese Möglichkeiten der Informationsvermittlung zu verbauen, ist doch blöd. Unsereins könnte versucht sein zu sagen, es macht mir nichts aus, wenn es Florian Silbereisen im Fernsehen nicht mehr gibt. Aber mein Rundfunkratskollege vom MDR, der den Bauernverband repräsentiert und viel im Land herumkommt, sagt, wir könnten vieles zumachen, nur nicht Florian Silbereisen. Dann sind die Leute enttäuscht und wenden sich von den öffentlich-rechtlichen Sendern ab. Es gab im letzten Jahr einen Unterhaltungsgipfel der ARD, bei dem sich die Unterhaltungsgrößen der Sender präsentiert haben, und ich war sehr beeindruckt von der Reflexion des eigenen Tuns, die da offenbar wurde. So viel Selbstkritik und Nachdenklichkeit wünscht man manchem professoralen Gutachtergremium.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht zurzeit stark in der Kritik. Es gibt die Neoliberalen, die sagen, der Markt soll es regeln, wir brauchen keine öffentlich-rechtlichen Medien. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als "Staatsfunk" denunzieren. Welche Rolle können die Gremien in dieser Diskussion spielen?

Sondergeld: Erst einmal sollten sie ihren Job tun. Das heißt, sie sollten darauf achten, dass das Programm ordentlich ist, denn das wichtigste Argument für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist gutes Programm. Und sie sollten den Macherinnen und Machern den Rücken stärken und hinter ihnen stehen. Und gelegentlich dürfen wir uns auch mal zu Wort melden - nach innen wie nach außen. Was der Vorsitzende der Gremienvorsitzendenkonferenz, der GVK, im Übrigen auch immer wieder tut.

Sollten die Gremien die Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht aktiver mit organisieren?

Sondergeld: Das ist ein Punkt, den wir in der GVK ansprechen müssen, inwieweit wir aktiver an die Öffentlichkeit treten. Es macht wenig Sinn, aus der ARD heraus einzeln tätig zu werden. Wenn, sollten wir das zusammen machen und vor allem den Vorsitzenden nach vorne schicken. Wir bei Radio Bremen sind die Kleinsten, es steht uns nicht gut an, wenn wir so tun, als wolle der Schwanz mit dem Hund wedeln.

Ich habe den Eindruck, zurzeit wird die Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hauptsächlich in den Zeitungen geführt - und da werden natürlich vor allem Verlegerpositionen vertreten.

Sondergeld: Wir weisen intern, auch bei den ARD-Hauptversammlungen, immer wieder darauf hin, dass es nicht anstößig ist, über sich selbst zu reden und sich selbst ordentlich darzustellen. Ich habe auch den Eindruck, die Leitungen der Häuser müssen nach innen den Leuten den Rücken stärken, dass sie sich solchen Anfeindungen selbstbewusster gegenüberstellen. Journalismus ist auch heute noch eher eine Lebensform als ein Beruf und man ist überzeugt von dem, was man tut. Und dann ist man völlig konsterniert, wenn jemand anderes das nicht so gut findet. Es ist wichtig, da mehr Selbstbewusstsein zu schaffen und die eigenen Leute darin zu bestärken, nicht erschrocken zurückzuweichen.

Die ARD hat vor zwei Jahren von der Linguistin Elisabeth Wehling ein "Framing-Manual" erarbeiten lassen, in dem sich die Sprachwissenschaftlerin mit Begriffen auseinandersetzt, die in der Debatte über die ARD häufig benutzt werden, und Vorschläge macht, welche Begriffe die ARD dagegen setzen könnte. Dass dieses Manual existiert, wurde erst im Februar publik. Wann haben Sie von dem Manual erfahren?

Sondergeld: Ich habe davon erfahren, als es bei "Netzpolitik.org" veröffentlicht wurde. Dann habe ich es mir besorgt.

Also im Februar. Aber das Papier ist ja schon zwei Jahre alt. Wurde in und mit den Gremien nie darüber gesprochen?

Sondergeld: Ich kannte es vorher nicht. Ich kannte die Autorin Wehling. Womöglich war ich einer von wenigen in der ARD, die ihr Buch gelesen haben, und war davon nicht so angetan.

Sie waren fast zehn Jahre lang Sprecher des Bremer Senats. Was haben Sie als professioneller Öffentlichkeitsarbeiter gedacht, als Sie das "Manual" gelesen haben?

Sondergeld: Ich will etwas grundsätzlicher anfangen. So wie Kirchen moralische Anstalten sind, denen man ihre eigenen Maßstäbe vorhält, so sind Qualitätsmedien, und öffentlich-rechtliche Medien zumal, Anstalten der Aufklärung im ganz grundsätzlichen Sinn. Aus der Aufklärung kommen die freie Presse und die Zensurfreiheit. Im täglichen Geschäft heißt Aufklärung Entlarven von Täuschungen. Was ist die Tatsache, wo werden wir vergackeiert? Dann dürfen wir uns nicht wundern, dass wir besonders kritisch angeguckt werden, wenn wir selber versuchen, Schönsprech zu organisieren. Unsere Redaktionen, unsere Sendungen kritisieren beliebig oft bei Unternehmen, bei Behörden Geheimhaltung und beklagen Intransparenz, und dann müssen wir um der Glaubwürdigkeit willen, wenn wir erwischt worden sind, sagen, okay, so ist das und das auf den Tisch packen. Durch diese Brille habe ich mir das angeguckt und vieles nicht recht verstanden.

Was würden Sie empfehlen, wenn man Sie nach einer guten Öffentlichkeitsstrategie für die ARD fragen würde?

Sondergeld: Eigentlich ist ja - vielleicht sogar angestoßen durch das Wehling-Papier - einiges Gutes in Gang gekommen. Mich ärgert nur, dass das "Public-Value-Kampagne" heißt. Warum brauchen wir wieder einen englischen Begriff, den ein Großteil unseres Publikums nicht versteht? Gemeinwohlkampagne! Warum muss die hervorragende Einrichtung, die wir für unsere Online-Angebote haben, Digital Board heißen? Ist das, ketzerisch gefragt, ein Brett oder ein Aufsichtsrat? Es ist also viel Gutes in Gang gekommen und die Kampagne ist auch gut. Aber wenn es um die Wortwahl geht, darf sie sich nicht entfernen von dem, was auf der Hand liegt. Das Wort Beitrag in Zweifel zu ziehen, weil es einen Zahlungsvorgang darstellt, halte ich für Blödsinn. Da zahlt jemand Geld und kriegt was dafür. Das kann ich nicht wegargumentieren und das soll man auch nicht. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem jüngsten Urteil darauf abgehoben, dass ich als Beitragszahler den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nutzen muss, aber die Chance, ihn zu nutzen, ist die Gegenleistung, die ich bekomme. Wir sind also in einem Leistungs-Gegenleistungs-Verhältnis, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich halte es auch für verkürzt, wenn wir nur noch von öffentlichen Medien reden, es sind öffentlich-rechtliche. Die Rechtsform ist die Bastion, auf der wir stehen. Die müssen wir mit Bedeutung aufladen durch gutes Programm und durch gutes Argumentieren, aber nicht durch Weglassen des Wortes "rechtlich". Öffentlich sind nach allgemeinem Verständnis auch RTL und Radio Energy, weil sie frei zugänglich sind. Nicht öffentlich ist Sky, dafür muss ich extra bezahlen oder in die Kneipe gehen. Das "rechtlich" ist das Unterscheidungskriterium, darauf müssen wir stolz sein und das müssen wir gut mit Bedeutung aufladen. Dann hat Frau Wehling auch empfohlen, von Fürsorge zu sprechen. Wenn Sozialarbeiter das Wort "Fürsorge" hören, sind die sofort auf dem nächsten Baum. Das ist 30er Jahre und Obrigkeit: Wehe, du tust nicht, was ich sage! Sorgfältig nachdenken bei der Wortwahl, das würde ich als grundsätzliche Empfehlung aussprechen.

Sie haben selbst immer wieder auf den drohenden Generationenabriss bei den öffentlich-rechtlichen Sendern hingewiesen. Was müssen ARD und ZDF tun, um noch mehr junge Leute zu erreichen?

Sondergeld: Funk ist ein großartiger Anfang. Das weist die Spur, wie man weitermachen müsste. Ich halte auch viel von der immer noch unkonkreten Idee, eine eigene Plattform zu entwickeln und für andere zu öffnen und davon wegzukommen, dass man auf Facebook, Instagram und Youtube angewiesen ist, um die jungen Leute zu erreichen. Man weiß ja auch nicht, was sich da in Zukunft entwickelt. Und wenn wir nichts Eigenes entwickeln, sind wir den anderen machtlos ausgeliefert.

Sie beziehen sich damit auf die Idee des ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm, eine europäische Plattform in Konkurrenz zu Youtube und Facebook zu entwickeln.

Sondergeld: Wie immer die dann aussieht. Und wenn Europa zu lange dauert, muss es eben eine deutsche Plattform sein.

Das ZDF hat kürzlich eine Kulturplattform gestartet. Ärgert es Sie als Rundfunkratsvorsitzender einer ARD-Anstalt, dass die Mainzer da wieder mal schneller waren?

Sondergeld: Nein. Das ist doch großartig, wenn einer voranmarschiert und ein Beispiel schafft. Und Föderalismus ist schwer, auch wenn es nur neun Anstalten sind.

Radio Bremen spielt mit Bremen Next eine Art Vorreiterrolle für junge Angebote. Radio Bremen ist auch beteiligt an "Wishlist", der Funk-Serie, die den Grimme-Preis erhalten hat. Braucht der Sender als kleine Anstalt für solche Projekte mehr Unterstützung von anderen ARD-Anstalten?

Sondergeld: Ich bin auch ein großer Fan des "Y-Kollektivs". Vieles, was Radio Bremen macht, ist kofinanziert oder finanziert von anderen, und Radio Bremen ist der Ideenlieferant. Das ist beispielhaft. Das funktioniert in der ARD sehr gut. Sich mit Partnern zusammenzuraufen, ist ja auch nicht verkehrt. Radio Bremen, insbesondere Programmdirektor Jan Weyrauch, hat gute Verbindungen in die anderen Anstalten. Wir sind da nicht Bittsteller, sondern Partner. Das ist eine gute Position.

Am 1. Mai soll eine Novelle des Rundfunkstaatsvertrags in Kraft treten, die den öffentlich-rechtlichen Anstalten vorschreiben wird, dass sie sich in ihren Online-Angeboten im Schwerpunkt auf Bewegtbild und Ton konzentrieren sollen. Was halten Sie als Aufsichtsorgan von diesem Gesetz? Ist das nicht ein Eingriff in die Programmfreiheit?

Sondergeld: Ich hadere wie der Intendant des Deutschlandradios nach wie vor mit dem Begriff "presseähnlich". Ein Medium zum Maßstab eines anderen Mediums in einem dritten Medium zu machen, ist schwer um die Ecke gedacht. Jetzt gibt es erst mal einen Kompromiss. Der hat ja auch Vorteile für die Öffentlich-Rechtlichen, insbesondere, was die Verweildauer in den Mediatheken angeht. Es hat den Vorteil, dass erstmals "Online first" gestattet ist, dass die Nutzung von Facebook und anderen Plattformen ausdrücklich gestattet ist. Es ist nach wie vor so, dass sendungsbezogene Angebote eigentlich ausgenommen sind von der Presseähnlichkeit, dann wird allerdings im Staatsvertragsentwurf noch mal hinterhergeschoben, dass auch da "nach Möglichkeit" Bewegtbild und Ton eingebunden werden sollen. Das ist ein bisschen widersprüchlich, aber das Digital Board der ARD ist der Meinung, man kann damit umgehen. Insofern ist man erst mal einen überflüssigen Streit los, und der Streit um Kaisers Bart wird ja nicht fruchtbarer, wenn der Bart immer länger wird. Wir sollten das als Zwischenstopp akzeptieren. Es hat alle Facetten eines Kompromisses. Keiner ist wirklich zufrieden, aber ein Kompromiss ist ein Handlungsgebot, kein Denkverbot. Und sowohl was den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als auch was die Nutzung von Telemedien angeht, haben wir noch viele Aufgaben des Weiterdenkens vor uns.

Der Staatsvertrag sieht auch vor, dass eine gemeinsame Schlichtungsstelle von Sendern und Verlagen eingerichtet werden soll, um strittige Fragen zu klären. Haben Sie sich in den Gremien schon einmal Gedanken gemacht, wer in eine solche Stelle reingehört?

Sondergeld: In den Gremien waren wir uns schnell einig, dass von uns da niemand reingehört, weil alles, was da beschlossen wird, unter Gremienvorbehalt steht. Die Entscheidungshoheit der Gremien wird nicht konterkariert. Alles, was dort als Kompromiss beschlossen wird, ist von solcher Relevanz, dass sich der Rundfunkrat damit anschließend befassen muss. Daher gehören wir da auch nicht rein.

Ist die Einrichtung dieser Schlichtungsstelle kein Affront für die Gremien?

Sondergeld: Nein. Es ist eine Schlichtungsstelle. Eine Schieds- oder Einigungsstelle, bei der ein für alle Parteien sofort verbindlicher Spruch herauskommt, wäre nicht gegangen. Das wäre die Entmachtung der Gremien gewesen. Aber das ist ja nicht der Fall. Alle waren klug genug zu sagen, da wird eine Empfehlung erarbeitet, und dann haben die Gremien darüber zu entscheiden. Das sollte im Übrigen nicht als Drohung missverstanden werden, sondern soll schlicht und einfach die Rechtslage beschreiben.

Aus epd medien 12/19 vom 22. März 2019