"Das Radio hat eine parasoziale Funktion"

Ein epd-Interview mit HR-Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer

Er ist einer der letzten seiner Art: Heinz-Dieter Sommer, seit 25 Jahren Hörfunkdirektor beim Hessischen Rundfunk (HR), geht Ende Juli in den Ruhestand. Der 64-Jährige hat beim HR zahlreiche Reformen verantwortet und neue Wellen gestartet, daneben war der ausgewiesene Kulturkenner auch als Hörspielautor tätig. Mit Ellen Nebel und Michael Ridder sprach Sommer, der seine journalistische Laufbahn als WDR-Redakteur in Bielefeld begann, über die umstrittenen Umbaupläne für HR2-Kultur, die Chancen des klassischen Radios im Wettbewerb mit Podcasts und Streamingdiensten sowie über das Glück, nicht Intendant geworden zu sein.

epd: Herr Sommer, eine Ära geht zu Ende, Sie waren 25 Jahre lang Hörfunkdirektor. Der HR steckt gerade mitten in einer Strukturreform, nach Ihrem Weggang wird es keine Hörfunkdirektion mehr geben. Was halten Sie davon?

Sommer: Dann kann es keiner mehr besser machen als ich, was sollte daran falsch sein? Im Ernst: Ich halte die generelle Linie in den ARD-Häusern, sich von den ausspielwegsbezogenen Organisationsformen zu crossmedialen Strukturen zu bewegen, für absolut richtig. Insofern finde ich die Entwicklung, wie sie bei uns jetzt mit einer Programmdirektion läuft, prinzipiell zukunftsweisend. Ob man das wie beim Bayerischen Rundfunk oder Südwestrundfunk in zwei Direktionen macht oder in einer Direktion wie auch beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, das ist eine Frage, die jedes Haus für sich selbst beantworten muss.

Die Anstalten wollen sich crossmedial aufstellen, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Dazu gehören auch die sozialen Medien. Wie froh sind sie, diesen starken Wandel nicht mehr aktiv begleiten zu müssen?

Sommer: Ich habe mein ganzes Leben lang, auch als Hörfunkdirektor, immer versucht, weiter den Kontakt in das ganz normale Alltagsgeschäft zu behalten. Ich habe für HR2 zahlreiche "Doppelkopf"-Sendungen gemacht, ich habe immer mal wieder von musikalischen Veranstaltungen berichtet, ich wurde von HR-Info als Beethoven-Experte bemüht, ich mache Hörspiele. Es gibt im Radio nichts, was ich nicht gemacht habe. Ich konnte mich auf etwas stützen, von dem ich wusste, dass ich es kann. Um meinem Ruf gerecht zu werden, nicht gerade bescheiden zu sein: Ich kann genau das richtig gut. Ich weiß aber nicht nur, was ich kann, ich weiß auch, was mir nicht liegt. Und was jetzt kommt, ist so anders an vielen Stellen, dass ich es mir völlig neu draufschaffen müsste. Instagram, Facebook, Twitter, Tiktok, Youtube - das kann ich nicht und - frei heraus - das will ich auch nicht. Ich weiß um die Bedeutung der sozialen Medien und die Verlagerung von der Massenkommunikation hin zur Point-to-Point-Kommunikation. Ich bewundere, was daraus entsteht, aber ich bin aus einer anderen Generation. Jetzt kommt etwas Neues, das sollen die machen, die es besser können.

Wenn künftig jemand Programmdirektor ist für Hörfunk, Fernsehen und das Internet und das alles aus einer Hand machen muss, geht dann nicht auch eine gewisse inhaltliche Tiefe verloren?

Sommer: Der derzeitige Wandel betrifft nicht nur die Organisationsformen, sondern auch die Kultur unseres Hauses. Ich habe mich immer als jemand verstanden, der die Rahmenbedingungen schafft. Der natürlich weiß, was ein Hörspiel oder ein Maghreb-Reporter braucht. Aber das muss man nicht in einer Direktion vereinen, das kann man auch darunter machen. Eine ausspielwegsbezogene Organisationsform führt immer zu einem Denken in Säulen. Im Hörfunk haben wir das schon früh verändert, als wir den aktuellen Desk ins Leben gerufen haben und den Reporterpool. Vorher hatte jede Welle ihren eigenen Reporterpool und ihren eigenen Ü-Wagen. Dann passierte es schon mal, dass bei einer Pressekonferenz in Wiesbaden drei HR-Reporter aufschlugen und zwei Ü-Wagen dastanden. Das zu ändern war eine der großen Reformen, die ich maßgeblich verantwortet habe. Und so ist es jetzt auch: Es kommt nicht darauf an, dass einer an der Spitze alles kann, sondern dass das gegenseitige Verständnis, die Selbstverantwortlichkeit und die Selbstständigkeit in einen guten Konnex miteinander kommen. Das verfolge ich gerne als Pensionär von außen.

Für heftige Diskussionen sorgten im vergangenen Jahr die Reformpläne für HR2-Kultur. Diese Pläne wurden zuerst intern verkündet und sickerten dann in die Öffentlichkeit. Zunächst sprach der HR von einer "Klassikwelle", später, nach massiver öffentlicher Kritik, ruderte man zurück. Was ist da schiefgelaufen?

Sommer: Die Kommunikation, ganz einfach. Da ziehe ich mir auch den Schuh an, selber einen gravierenden Fehler gemacht zu haben. Wir hatten bis dato in HR2 ein musikalisches Mischprogramm, der Anteil der klassischen Musik lag so bei 60 bis 70 Prozent. Die Idee dahinter war, dass wir mit einem Mischprogramm vielleicht eher eine breitere Hörerschaft erreichen, die nicht alleine auf klassische Musik setzt. Ich selber war da immer ein wenig skeptisch, denn wir wissen, dass Klassik-Freunde eher tradierter hören. Deshalb könnten wir mit einem Mischprogramm auch Hörer verlieren. Natürlich geht es nicht immer nur um die Quote. Aber wenn die Aufwendungen für ein Programm in einem exorbitanten Gegensatz dazu stehen, wie das Programm genutzt wird, kommt die Frage nach der Verantwortung gegenüber dem Beitragszahler und danach, ob wir dieses Verhältnis noch rechtfertigen können, zwangsläufig auf. Das ist eine Frage, dir mir übrigens auch in den Gremien öfter gestellt wurde und die ich auch völlig legitim finde. Die Arbeitsgruppe, die sich mit der Neuausrichtung der Kulturberichterstattung hin ins Digitale beschäftigt hat, hatte für HR2 Vorschläge gemacht, die auf ein passgenaues Musikprofil hinausliefen, damit die Hörerinnen und Hörer wissen, was sie erwartet. Wir haben dann untersucht, welche Chancen es in Hessen für die verschiedenen Musikrichtungen gibt, und festgestellt, dass es ein ganz erhebliches ungenutztes Potenzial an ausschließlich klassikorientierten Hörern gibt. Dieses Potenzial wird von anderen ausgeschöpft, zum Beispiel von BR-Klassik. Deshalb soll das Musikprofil innerhalb des Gesamtangebots von HR2 künftig eindeutig von der Klassik dominiert werden. Es war aber ein Kommunikationsfehler, dabei von einer "Klassikwelle" zu sprechen, da hätten bei mir alle Alarmglocken läuten müssen. Denn damit wurde etwas völlig anderes assoziiert, als es gemeint war.

Es geht bei der Reform von HR2 allerdings nicht nur um ein verändertes Musikprofil, sondern auch darum, dass ein Teil der Kulturberichterstattung ins Netz verlagert werden soll. Wie begründen Sie diesen Schritt?

Sommer: Der Kulturbegriff ist extrem weit gespannt. Es gibt Menschen, die sich für Kulturangebote interessieren, die im bisherigen Programm von HR2 keine Rolle gespielt haben. Wir haben festgestellt, dass es in der Verknüpfung der verschiedenen Angebote hier im Haus nicht gelungen ist, ein eindeutiges, synergetisch ausgerichtetes Angebot zu entwickeln, mit dem wir mehr Menschen erreichen können. Die neue Kultur-Unit ist ja nicht ausschließlich digital aufgestellt, sie wird neben HR2 genauso auch HR-Info und das HR-Fernsehen beliefern. Damit vollziehen wir das nach, was wir bereits mit der Hessen-Unit gemacht haben. Die Kultur-Unit ist ein sehr logischer und konsequenter Schritt, und es wird thematisch bestimmt nicht der letzte Bereich sein, den wir so positionieren. Das Radio von früher vergleiche ich gerne mit einer Universität. Es gab das erste Programm des Hessischen Rundfunks, das zweite Programm des Hessischen Rundfunks und es gab HR3 und HR4. In diesen Gefäßen stand der Kirchenfunk neben dem Landfunk, neben der Politik, neben der Wirtschaft. So wie in einem Hörsaal erst die Philosophen dran sind, dann die Religionswissenschaftler und dann der Zahnmediziner. Für jede dieser Sendungen beim Radio war früher eine Hauptabteilung zuständig, und diese Hauptabteilungen redeten nicht miteinander. Aber eine Produktwelle, wie wir sie heute haben, muss als Gesamtkunstwerk gesehen werden. Diese Ablösung von der alten Struktur hin zu einer Wellenstruktur hat sich in den vergangenen 25 Jahren komplett ausgeprägt. Und jetzt sind wir an dem nächsten Schritt, der zur Verknüpfung der klassischen linearen Ausspielwege mit den digitalen Ausspielwegen führt.

Gibt es schon konkretere Pläne für die Verlagerung der Kulturberichterstattung ins Netz?

Sommer: Die Kultur-Unit hat sich an die Arbeit gemacht, wir haben ein fünfköpfiges Team mit sehr unterschiedlichen Charakteren und Kompetenzen. Die denken auch schon über digitale Kulturprodukte nach, aber ich war da nicht mehr so richtig involviert, was auch an der Corona-Krise lag, die viel Zeit gebunden hat. Ich habe Vertrauen in die Kollegen, dass das gut läuft. Ende August sollten die Pläne in einem Stadium sein, dass man sie vorstellen kann.

Sie haben die Medienforschung angesprochen und gesagt, es gebe ein ungenutztes Potenzial an Klassik-Hörern in Hessen. Die Zahlen der Media-Analyse vom Frühjahr bestätigen dies, die Tagesreichweite von HR2 ist im Sendegebiet gesunken, das stand auch so in Ihrer Pressemitteilung. Verschwiegen wurde darin allerdings, dass die Zahl der Hörer bundesweit deutlich gestiegen ist. Woran liegt das? Ist der bundesweite HR-Hörer weniger konservativ?

Sommer: Nein, das liegt an der Befragung. Das ist ein hinreißendes Beispiel dafür, wie die Methode funktioniert. Die Media-Analyse beruht auf einer telefonischen Erinnerungsbefragung. Dabei wird den Befragten eine Reihe von Programmen genannt und gefragt, ob sie davon schon einmal etwas gehört haben. Der bundesweite Wert spiegelt letztlich die bundesweite Debatte über HR2 wider. Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, die nie HR2 hören, haben sich durch die entsprechende Befragung erinnert, etwas von HR2 gehört zu haben. Das hat unsere These im Grunde bestätigt. Der bundesweite Wert ist aber nicht nur fragil, sondern auch nicht entscheidend für uns. Wir machen Radio für Hessen und nicht für die Bundesrepublik.

Da gab es aber auch mal andere Zeiten, in denen gerade die ARD-Radios einen bundesweiten Anspruch hatten…

Sommer: Moment, da müssen Sie zwei Dinge unterscheiden. Wir haben durchaus darüber nachgedacht, ob wir als ARD-Anstalten gemeinsam Angebote entwickeln können für die Förderung von DAB. Das wurde uns dann durch die Protokollnotiz zum Staatsvertrag 2004 untersagt. Das ist etwas völlig anderes, als das eigene Programm auf das jeweilige Sendegebiet zu beziehen. Es gibt Wilderer, wie ich sie manchmal flapsig nenne, die ganz gerne einen gewissen Overspill in andere Sendegebiete haben. Aber die Fokussierung war für uns gerade hier in Hessen ein absolutes Ziel. Als ich als Hörfunkdirektor anfing, hatte das damalige SWF3 eine Reichweite im Rhein-Main-Gebiet von nahezu zehn Prozent. Das konnte auf keinen Fall so bleiben. Wir sind als HR umgeben von lauter Freunden: Im Westen liegt der WDR, im Norden und Osten der NDR und der WDR. Die Bayern haben die längste gemeinsame Grenze mit uns und strahlen kräftig rüber, der SWR war schon immer stark und hat tolle Frequenzen. Es war nicht nur FFH-Chef Hans-Dieter Hillmoth, ein exzellenter Radiomacher, der mir und uns das Leben schwer gemacht hat.

Welchen Wert haben denn die bundesweiten Zahlen der Media-Analyse überhaupt für regionale Radios?

Sommer: Sie bringen mich überhaupt nicht weiter. Die bundesweiten Zahlen sind für die Werbung wichtig.

Mancher in Niedersachsen hört mehr HR als NDR.

Sommer: Das ist völlig richtig. Ich erzähle Ihnen dazu eine Anekdote. Ich hatte im vergangenen Jahr eine kleine Operation am Herzen. Als der Pfleger mich in den OP schiebt, läuft klassische Musik, ausgerechnet "Der Gang zum Richtplatz" aus der Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Und als ich den Professor frage, ob das eine CD ist, sagt er mir, dass sei BR-Klassik. Morgens und am Wochenende höre er HR-Info, aber bei der Arbeit laufe BR-Klassik. Allerdings habe er schon gehört, dass der HR das bald ändern wolle... Natürlich kenne auch ich viele Menschen in Niedersachsen oder auch in Nordrhein-Westfalen, die den HR hören. Allerdings ist das gemessen an der Gesamthörerzahl, die nochmals gesunken ist, ein kleiner Anteil, zumal Sie ja noch den Befragungseffekt dazu rechnen müssen. Intendant Manfred Krupp und ich hatten bei der letzten Media-Analyse aufgrund der öffentlichen Diskussion einen deutlich besseren Wert für HR2 erwartet. Das Ergebnis hat uns stark gewundert.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Sommer: Letztlich hat die Media-Analyse unsere Befunde bestätigt. Wir sind ja auch nicht die einzigen, denen es so geht - nehmen Sie die Büchersendung beim NDR, das "Zeitzeichen" beim WDR. Bestimmte Dinge haben sich gravierend verändert. Spotify fängt jetzt an mit Podcasts, das ist spannend. Wir waren früher diejenigen, die mit den jungen Wellen Popmusik groß gemacht haben. Das ist vorbei, da sind die Rezeptionswege völlig andere geworden. Ich musste erst lernen, wie wichtig der Youtube-Kanal für unser HR-Sinfonieorchester ist, dass wir dort inzwischen 170.000 Abonnenten und 60 Millionen Abrufe haben. Was ist für das Orchester der Zukunft wichtiger bei der Verbreitung? Das klassische Radio, die CD - oder vielleicht der Youtube-Kanal in hervorragender digitaler Qualität? Irgendwann verlangt das auch einen neuen Typus von Redakteur. Ich brauche nicht mehr allein den Redakteur, der sich "nur" mit der Musik auskennt. Bei Facebook werden zum Beispiel alle möglichen Fragen zu den Mitgliedern des Orchesters gestellt - und zwar auf Englisch, Spanisch, Japanisch oder Koreanisch. Der künftige Redakteur oder freie Mitarbeiter muss natürlich nicht sieben Sprachen sprechen können, aber er muss mit dieser neuen Kommunikationsform souverän umgehen können.

Zum Thema Podcasts: Denken Sie, dass das klassische Radio noch eine Chance hat neben diesem sehr stark individualisierten Konsum, zu dem ja auch Musikstreamingdienste und anderes gehören?

Sommer: Wenn man kritisch hinschaut und sich etwa die Abrufzahlen der ARD-Audiothek anschaut, dann entdeckt man natürlich im Moment Sachen wie den Drosten-Podcast des NDR, der alle Grenzen sprengt. Aber die anderen Beiträge - das sind ja überwiegend linear ausgestrahlte Sendungen, die dann zusätzlich als Podcast ausgespielt werden - haben ehrlich gesagt eine sehr überschaubare Reichweite. In den vergangenen zehn Jahren gab es ständig neue Hypes und Booms, bei denen ich immer zu Vorsicht und zum Abwarten geraten habe. Wir haben zuletzt festgestellt, dass die jüngere Hörerschaft teilweise zurückkommt. Die landen nicht alle bei den Streamingdiensten. Denn das Radio ist nach wie vor die einzige Chance, eine primäre Tätigkeit auszuüben und sich sekundär über das Hören einen akustischen Raum zu verschaffen, der eine direkte Ansprache bietet. Das Radio hat eine parasoziale Funktion. Diese wird auch von jüngeren Menschen geschätzt. Ich glaube also, dass das Radio eine große Chance hat. Die Frage ist nur, welche Form des Radios. Und da wird man schauen müssen, ob bei Wortangeboten wie etwa dem Hörspiel das lineare Angebot noch die Perspektive hat wie früher. Dasselbe gilt für den haptischen Tonträger. Audioverlage stellen beispielsweise fest, dass bei ihnen die Downloadzahlen exponentiell steigen. Das gilt vor allem für Produkte, die der Nutzer nicht so sehr nebenbei hören will. Zeit- und Ortssouveränität sind da die entscheidenden Punkte. Es gibt natürlich Dinge, die im Radio keinen Platz mehr haben. Als ich hier anfing, haben wir noch die Wasserstandsmeldungen verlesen. Das würde heute nur noch abschrecken. Das Deutschlandradio hat die Verkehrsmeldungen gestrichen - und es hat dem Sender offenbar nicht geschadet.

Was Sie gerade gesagt haben, spricht ja eigentlich gegen einen hohen Anteil an Wortbeiträgen. Wenn ich nebenbei konsumiere, will ich nette Musik und ein bisschen Moderation, keine länglichen Analysen.

Sommer: Ob jemand etwas zu sagen hat, bemisst sich ja nicht nach der Zahl an Minuten. Denn sonst müssten wir uns ja an Fidel Castro und Mao Tse-tung und Stalin orientieren, die stundenlang am Stück gesprochen haben. Wichtig ist, dass das, was gesendet wird, im Kontext des Gesamtkunstwerks Radio funktioniert. Die Sendung "Wir hören Dich", die in allen sechs HR-Wellen gleichzeitig ausgestrahlt wird, untermauert beispielsweise unseren Anspruch, dass wir von Jung bis Alt alles beieinanderhaben, dass die Generationen aufeinanderprallen, dass sie miteinander reden. Das ist viel wirkungsvoller, als wenn in einer Welle um 18 Uhr ein Kommentar läuft. Der gezielte Formatbruch, den wir an dieser Stelle machen, ist manchmal der Weg, um Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema zu schaffen.

Waren Sie als kulturaffiner Mensch und Hörspielautor manchmal vom Mainstream genervt, den Sie auf Kanälen wie HR3 senden mussten?

Sommer: Nein, im Gegenteil. Es hat mir Spaß gemacht, ich fand es faszinierend und eine große Herausforderung. Es ist schwerer, ein Programm wie HR3 zu machen als ein Programm wie HR-Info. Bei HR-Info habe ich eine ganz klare journalistische Agenda, die ich bearbeite. Viele Dinge sind da Muss-Themen, an denen man gar nicht vorbeikommt. So wie die EU-Ratspräsidentschaft. Bei HR3 hingegen müssen Sie diesen Aspekt auch irgendwie noch reinkriegen - aber das ist im Rahmen eines solchen Programms gar nicht so leicht. Deswegen habe ich auch immer einen sehr großen Respekt vor den Kollegen von FFH in Bad Vilbel gehabt, weil die in dieser Hinsicht wirklich ziemlich gut sind.

Die Verbreitung von DABplus in Deutschland läuft weiter schleppend, die Privatsender ziehen allenfalls halbherzig mit. Was glauben Sie, wird das noch was?

Sommer: Im Jahr 2009 haben wir beim HR die Mittelwelle endgültig abgeschaltet. Das heißt, diese tradierten Übertragungswege zeichnen sich dadurch aus, dass sie immer noch bei vielen Menschen eine Rolle spielen. Ein Switch, der für die kommerziellen Sender immer mit erheblichen Kostenfragen verbunden ist, passiert da nicht einfach auf Knopfdruck. Der große Vorteil von DAB, mal abgesehen von der Klangqualität, ist, dass es für die Betreiber wegen der geringeren Energiekosten eine sehr viel effizientere Art der Übertragung ist. Bei normalen Haushaltsgeräten sagt man, es dauert eine Generation, bis sich neue Formen durchsetzen. Legt man das zugrunde, dann bin ich bei DAB guter Hoffnung. Natürlich ist es so, dass die Durchsetzung von DAB durch politische Rahmenbedingungen deutlich gefördert werden könnte. Eine Schlüsselfrage ist die nach einem Abschaltdatum für UKW. Ich habe vorhin bewusst die Mittelwelle erwähnt, weil auch die nicht sofort abgeschaltet wurde, aber UKW sich trotzdem durchgesetzt hat - allerdings hat das Jahrzehnte gedauert.

Sie wollten 2002 mal HR-Intendant werden, unterlagen Helmut Reitze aber hauchdünn mit 14 zu 15 Stimmen und sind dann Hörfunkdirektor geblieben. An welchen Punkten waren Sie in der Zeit danach vielleicht auch froh, dass es nicht geklappt hat mit dem Intendantenjob?

Sommer: Das kam relativ schnell, aus einem ganz einfachen Grund: Intendant ist noch mal ein Packen Verantwortung mehr. Intendant bedeutet, ganz anders in der Öffentlichkeit zu sein, auch was die Beobachtung durch dieselbe angeht. Fragen Sie aber mal in Hessen, wer der HR-Hörfunkdirektor ist - da antworten sicher neuneinhalb von zehn Leuten: Hörfunkdirektor, was ist das? Die Belastung und Herausforderung des Intendantenamtes sind eine ganz andere. Natürlich hätte ich das gerne gemacht. Aber ich bin sehr schnell über den Punkt hinweggekommen, an dem es geschmerzt hat, und habe dann zu meinem großen Glück die Situation gehabt, dass Helmut Reitze mir viel Freiraum gegeben hat. Das hat sich auch deutlich niedergeschlagen in den Sachen, die wir gemacht haben. Das war toll. Es gab daher keinen Grund für mich, darüber nachzudenken, ob ich den HR verlassen soll.

"Was jetzt kommt, ist so anders an vielen Stellen, dass ich es mir völlig neu draufschaffen müsste."

"Es war ein Kommunikationsfehler, von einer 'Klassikwelle' zu sprechen, da hätten bei mir alle Alarmglocken läuten müssen."

"Es ist schwerer, ein Programm wie HR3 zu machen als ein Programm wie HR-Info."

Aus epd medien 30-31/20 vom 24. Juli 2020