Das Radio entfesseln

Audio-Programme bieten Orientierung und Struktur

epd Die Medien verändern sich. Rundfunk wird über das Internet verbreitet, und durch die vielen Möglichkeiten, Sendungen zeitversetzt in Mediatheken oder bei Abrufdiensten zu nutzen, verändern sich auch die Hör- und Sehgewohnheiten. Was bedeutet das für das Radio? Und was für die Programmmacher? Wollen die Hörer überhaupt noch ein Programm, das ihnen 24 Stunden am Tag Information, Musik, Gespräche und zwischendurch vielleicht sogar Hörspiele und Features bietet? Brauchen Programme noch eine Dramaturgie und feste Sendezeiten? Gemeinsam mit dem „Dokublog“ von SWR2 fordern wir dazu auf, über die Zukunft des linearen Radios nachzudenken. Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue ist überzeugt, dass die Menschen auch weiterhin ein Programmangebot nutzen werden, das Einordnung, Sortierung und eine Dramaturgie bietet und so Struktur schafft. Die bisherigen Beiträge unserer Reihe erschienen in epd 30-31, 33, 45, 47, 48/17, 7, 9, 12, 24/18, 34, 44, 51-52/19, 10, 32, 39/20, 2, 11 und 15/21.

epd „Ein Heulen kommt über den Himmel. Das ist früher schon geschehen, mit diesem aber lässt sich nichts vergleichen.“ Und die A 38 bei Halle in Sachsen-Anhalt Richtung Westen, ziemlich frei, Sonntagnachmittag. Es wurde ein ungeplantes und unbeabsichtigtes Experiment: Rund fünf Stunden Autofahrt lagen vor dem Fahrer und er hatte sich vorgenommen, „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon zu hören. Ein phantastischer Roman als phantastisches Hörspiel. Eines von den fünf Lieblingsbüchern, die man auf die berühmte einsame Insel mitnimmt.

Ein Heulen kommt über den Himmel. Die Geschichte von Tyrone Slothrop und der V2-Rakete. 1944/1945 in London, in Deutschland, wann auch immer, wo auch immer. Franz Pätzold als Erzähler, Golo Euler als Tyrone Slothrop, Bibiana Biglau als Katie und und und ... Töne, Geräusche, Stimmen, diese wunderbar bewegten Stimmen, die die Sprachbilder Pynchons zum Glühen und zum Verglühen bringen.

Ein Hörspiel. Und es ergreift von Kilometer zu Kilometer mehr Besitz vom Fahrer. Töne, Geräusche, Stimmen, hypnotische Texte, Krieg, Schutt, Gewalt. Nach gut 100 Kilometern Hören und Fahren, der Harz ist in Sicht, gibt der Fahrer auf und beendet das Experiment. Die Töne haben gewonnen, die Aufmerksamkeit für LKW, Tempobeschränkungen und Verkehrszeichen ist gleich Null. Die CD aus dem Schacht, Stille, neue Konzentration.

Das bewegende Radio

Was kann Radio, was bedeutet Radio, wie tief wirkt die Hörwelt, wenn wir uns auf sie einlassen, wo ist in dieser unübersehbaren Vielfalt unserer Medienwelt der Platz und der Raum für Audio?

Erste Schlussfolgerung aus dem kleinen Experiment. Auch rund 100 Jahre nach seiner Erfindung und nach unzähligen Häutungen und Veränderungen kann Radio weiter zu uns durchdringen. Durch die Ohren in den Kopf, in die Seele und in den Körper. Die Töne, Geräusche und Stimmen nehmen ein, ziehen Aufmerksamkeit auf sich, lassen sich nicht abschütteln oder ignorieren als kaum wahrnehmbares Begleitgeräusch. Physik trifft auf Mensch, mit weitreichenden Folgen. Inszenierung trifft auf Mensch, und das ist tatsächlich besonders auffällig.

Nora Gomringer hat in ihrer wunderbaren Liebeserklärung an das Radio (epd 39/20) treffend bemerkt: „Das ist die Stärke des Radios, denn es beteiligt und ist doch ein höchst künstlerisches Medium. In seiner Künstlichkeit kann es Räume eröffnen, in denen Kunst ernst genommen wird und ästhetisches Urteil sogar Folgen hat.“

In frühen Gemälden von Radiohörern sehen wir den Menschen hochkonzentriert, in sich versunken, Töne suchend, aufmerksam, still und bewegt zugleich.

Radio bewegt, und das mit Tönen, Geräuschen, Sprache. 1938 bedeutet eine weitere Wegmarke, eine Häutung. Eine kriegerische Zeit. Krieg und Kriegsangst. In Mitteleuropa terrorisiert Deutschland seine Nachbarn, macht mit der Kriegsangst Machtpolitik, Österreich, das Sudetenland. Europa unter höchster Anspannung. Im fernen Asien heißer Krieg, China und Japan, die Bombardierung chinesischer Großstädte. Dann der Abend des 30. Oktober 1938. Das frühe Radio war vor allem Musik, an diesem Abend lief für die Hörer von CBS in New York und New Jersey Ramos Raquello und sein Orchester aus dem Meridian Saal des Park Plaza in New York, gespielt wurde „La Cumparsita“.

Nach wenigen Minuten: „Wir unterbrechen diese Musik für eine Sondersendung von International Radio News!“ Was folgte, klingt wie eine klassische Nachrichtensendung, wir würden Sie heute „Brennpunkt“ nennen. Es wurde von merkwürdigen Explosionen auf dem Mars berichtet und von der Landung von Marsianern auf dem Gelände einer Farm in New Jersey. Es folgten Interviews mit Korrespondenten, Generälen, Farmern, Politikern. Nur mit den Marsmenschen nicht. Aber sonst das ganze Programm, die gesamte Bandbreite dessen, was Breaking News des Jahres 2021 auch aufbieten würden. Insgesamt vier Mal wurde in der Sendung darauf hingewiesen, dass es sich um eine Fiktion handelte.

„Radio fake scares nation“ titelte die New Yorker „Daily News“ später und behauptete, eine Massenpanik mit Selbstmorden und Millionen Schockopfern sei die Folge gewesen. Eine Legende, die sich bis heute hartnäckig hält. Eine derartig massive Reaktion scheint neuen Forschungen zufolge eher ein Fake einiger Zeitungen gewesen zu sein, die das neue Medium Radio für Gefahr und Konkurrenz hielten.

Ein Radiosender als Angriffsziel

Aber Orson Welles und seine Inszenierung von „Krieg der Welten“ hatte ohne Zweifel einen Nerv getroffen: Töne, Geräusche und Stimmen bewegten die Hörerinnen und Hörer tief, verbanden sich mit Sorgen, Ängsten und der Furcht vor dem Krieg an sich. Hitler selbst nutzte im April 1939 das Radioereignis im fernen Amerika zu einer wütenden Attacke auf die Presse und die Medien, denen er vorwarf, mit der Kriegsangst künstlich Panikmache zu betreiben. Nur ein halbes Jahr später überholte die Wirklichkeit Fake, Inszenierung und Hörspiel. Deutsche Soldaten und nicht Marsmenschen griffen Polen an, nicht der Krieg der Welten, sondern der Weltkrieg begann. Der Radiosender Gleiwitz war ein erstes Ziel.

Eine Radiosendung als bewegendes Ereignis. Die hundertjährige Geschichte des Radios ist auch eine Geschichte der großen Radiomomente, in denen viele Millionen Menschen das Gefühl hatten, selbst Anteil am Ereignis zu nehmen, Teil des Ereignisses selbst zu sein. Und dieser Moment, diese Ahnung löst für sich schon Bewegung und Emotion aus. Die Geschichte des Radios ist die Geschichte großer Gefühle. Und auch von ihrem Missbrauch.

Und heute? Auch wenn das Radio weiterhin stark genutzt wird, bei der medialen Vermittlung eines bewegenden Ereignisses hat das Fernsehen gewonnen. Die neuen Möglichkeiten, mit kleinsten Geräten Liveberichte von Katastrophen, glücklichen Fügungen und Unvorstellbarem zu senden und zu sehen, haben das Radio ohne Bild an den Rand gedrängt. Die Fähigkeit, bewegende Momente live und überall zu vermitteln, hat das Radio weiterhin. Allerdings fordert es viel, von den Machern wie vom Publikum. In solchen Momenten ist Radio alles andere als Nebenbei und Nebenher.

„Du kleiner Kasten, den ich flüchtend trug ... Versprich mir, nicht auf einmal stumm zu sein.“ So beschwor Bert Brecht einst das Radio aus dem Exil. Der Schlüssel für den massenhaften Erfolg des Mediums Radio war und ist das relativ einfache und mobile Endgerät, der kleine Kasten, schon lange vor dem Siegeszug des multimedialen Smartphones. Und diese Mobilität und die unkomplizierte Nutzung haben nicht nur die Reichweite der Radioangebote erhöht, sondern auch ihre Nähe zu den Hörerinnen und Hörern verstärkt. Das gilt bis heute.

Das nahe Radio

Die Musterwohnung mit Medienzentrale im Wohnzimmer und zahlreichen Peripheriegeräten oder Smart Speakern ist nicht die Regel. Etwa vier Radiogeräte sind im Durchschnittshaushalt zu finden, das können sein: Stereoanlage im Wohnzimmer, Küchenradio, Badezimmerradio, Arbeitszimmerradio, Kinderzimmerradio - diese alle eventuell sogar per WLAN vernetzt, und natürlich inzwischen auch die Radio-App, das Radio im Auto nicht zu vergessen. Radio ist überall, überall ein kleiner Kasten.

Die Geräte werden weiterhin fleißig gekauft, UKW-Geräte weniger, DABplus- und Internetradios eher mehr. Ein Gang durch die Verkaufsetagen der Elektronikmärkte zeigt, dass Radiogeräte weiterhin produziert und angeboten werden, von schlicht bis premium. Die gesetzliche Pflicht zum Einbau einer digitalen Radioeinrichtung in die Neuwagen seit dem Jahreswechsel wird ohne Zweifel die Digitalisierung der kleinen Kästen weiter beschleunigen.

Hinzu kommt der Siegeszug der Kopfhörer. Ob kabelgebunden oder per Bluetooth, das Angebot ist unüberschaubar geworden, was Quantität wie Qualität angeht. Aus dem Hilfsmittel, das die Nachbarn vor unerwünschten Tönen bewahren oder früher Walkman, Discman oder iPod die aufwendigen Lautsprecher ersparen sollte, ist ein akustisches Gut geworden, das einen eigenen Markt gebildet hat. Geschlossen, halbgeschlossen, offen, in ear, on ear, over ear, ein bis fünf Treiber, mit oder ohne Kopfhörerverstärker, mehr Bass oder weniger, in allen Preisklassen bis hin zum Gegenwert eines Kleinwagens: Der Kopfhörer ist das Sinnbild der Audio-Renaissance.

Während die medizinisch bedingten Hörgeräte immer winziger werden, werden die Kopfhörer immer größer. Während der Lärmpegel telefonierender Zeitgenossen in Bus und Bahn immer quälender wird, wird die Anzahl der Reisenden ohne Kopfhörer immer kleiner. Die neue Kopfhörergeneration bringt uns Radio und Musik tief in Gehörgang, Kopf und Bauch, das Radiohören wird nahe und sehr direkt. Die neuen Audioformate, wie die Podcasts, die nicht nur Dubletten des linearen Radioprogramms sind, sind sich dieser enormen Nähe bewusst. Die Perspektive dieses Radios ist die Kommunikation zwischen dem einzelnen Radiomacher und der einzelnen Hörerin, das Du ist bei dieser sehr nahen Form der Radioproduktion fast unumgänglich. So nah lässt man sonst kaum jemanden an sich heran.

Das zugängliche Radio

„Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne.“ So präsent der Siegeszug der Kopfhörer im öffentlichen Leben ist, den Max Kuttner 1927 besang, so verdrängt und ignoriert ist die Frage des Zugangs zum Radiosignal. Das ist alles andere als eine technische oder wirtschaftliche Frage. Wer stellt mit welchen Mitteln und innerhalb welcher gesetzlicher und ökonomischer Regeln die Ausstrahlung und Verbreitung der Radioprogramme sicher?

Wegen der großen Bedeutung der elektronischen Massenmedien war die Distribution von Radio- und Fernsehprogrammen viele Jahrzehnte staatliche, halbstaatliche oder öffentlich-rechtliche Domäne. Die Privatisierung dieses Zwischenreichs hat eine Sphäre des emsigen Wirtschaftens geschaffen, die die einen als Dschungel, die anderen als einträgliches Geschäft betrachten. Die Vielfalt der Angebote, vor allem aber die Vielfalt der Meinungen, Informationen und Programme, die eine demokratische Meinungsbildung ermöglichen sollen, darf aber nicht dem Kalkül der finanziellen Interessen von Gatekeepern der analogen, terrestrischen oder digitalen Verbreitung unterworfen werden.

Bei dem Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht im Juli 2018 spielte der freie Zugang zu den öffentlich-rechtlichen Angeboten eine wichtige Rolle. In den vergangenen Jahren hat man als Radiomacher durchaus zwiespältige Erfahrungen sammeln müssen. Ob bei der Verbreitung über Kabel bis hin zur klassischen Ausstrahlung über UKW, war auf einmal die Drohung der technischen Abschaltung der Programme gegenwärtig, manchmal auch mehr als nur die Drohung. Letzteres, weil man sich über finanzielle Details nicht einig war. Und auf die rettende Kavallerie der Landesmedienanstalten oder der Länder, die die Pflicht zur Verbreitung durchsetzen könnten, warten die Betroffenen bis heute.

Wer nun auf die angeblich goldene 5G-Zukunft hofft, wird vermutlich rasch mit finanziellen Vorstellungen der Netzbetreiber konfrontiert werden, die ihre Milliardeninvestitionen mittelfristig nachvollziehbarerweise refinanziert sehen wollen. Broadcasting ist derzeit nicht das, was die 5G-Phantasie zum Leuchten bringen kann, aber alle Beteiligten sollten sich schon einmal frühzeitig damit beschäftigen, was durchschnittlich drei Stunden Radionutzung pro Kopf und pro Tag für die 5G-Abdeckung mit Antennen im ganzen Land, für das Datenvolumen der Nutzer und die Streamingkosten für die Sender bedeuten wird. Eines ist schon klar: Günstig und unkompliziert wird das nicht. Vom wenig nachhaltigen Energieverbrauch wollen wir an dieser Stelle mal nicht reden.

Das persönliche Radio

„Die Abschaffung des klassischen Radios wäre traurig! Das Schöne am Radio ist ja, dass es einfach läuft und ich von Dingen erfahre, über die ich bisher noch nicht nachgedacht habe!“ (Junge Hörerin in: Online-Potentialstudie Deutschlandradio 2020). Die Digitalisierung und der technologische Fortschritt haben vor allem die Medienwelt und damit auch unser Verhältnis zur Welt insgesamt verändert.

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, schrieb Niklas Luhmann 1995. Diese Entwicklung ist ambivalent und spürbar vielschichtig. Auf der einen Seite kommen wir dem alten Traum von der globalen Kommunikation immer näher. Erinnert sich noch jemand daran, dass einst Zeitungen aus den USA erst ein paar Tage später bei uns in Europa ankamen? Oder dass es bei großen Ereignissen oder gar Katastrophen in fernen Ländern viele Tage bis Wochen dauerte, bis uns Bilder, Töne und Informationen erreichen konnten?

Die sozialen Netzwerke, die mit ihrer Schnelligkeit und Aktualität eine künstliche Nähe erzeugen, haben diese Bewegung beschleunigt. Wir haben alle das Gefühl, dass wir weltweit verknüpft sind. Welchen Blick sich die weltweite Community auf diejenigen gönnt, die wegen ihrer Lebensumstände, ihrer Armut oder auch wegen der in ihrem Leben herrschenden Repression und Zensur abgehängt sind, das ist eine andere Frage.

Das große globale Kommunizieren, das große digitale „Wir“ stellt aber auf der anderen Seite die Frage nach dem digitalen „Ich“. Ich bin der Mittelpunkt meines Kommunikationsnetzes, alle Informationen fließen in meinem PC oder Smartphone zusammen, ich bin der Knotenpunkt der unterschiedlichen Schalt- und Funkkreise. Die Fülle der Informationsangebote fordert Ordnung und Überblick. In dieser Dialektik zwischen global und individualistisch muss jedes Medium seinen Platz suchen.

Das Radio wirkt deshalb nur auf den ersten Blick anachronistisch und überholt. Seine linearen Programme sind auch Ordnungsangebote, Sortierungen, die durch ihre Struktur, Dramaturgie und Inszenierung Einordnung und Orientierung ermöglichen. Gerade in der Pandemiezeit, in der der Alltag und der Tagesablauf der Menschen durcheinandergerüttelt wurden, Arbeit, Schule und Lebensvorsorge aus ihrem gewohnten Rhythmus kamen, war das klassische Radioprogramm mit seinem strengen Nachrichtengerüst, seiner jeweils eigenen Musikfarbe, seinen vertiefenden Informations- und Unterhaltungsformaten ein wichtiger persönlicher und vertrauter Tagesbegleiter.

Die harschen Reaktionen auf (vorübergehende) Änderungen vertrauter Programmschemata in der Corona-Zeit verraten, dass das täglich gewohnte Programmangebot als eigenes und ganz persönlich abgerufenes Angebot wahrgenommen wird. Klar, das Programm wird von anderen gemacht, aber seinen Sinn bekommt es erst im Moment des Hörens.

Die digitalen Audioangebote über Audiotheken oder andere Plattformen verstärken diesen persönlichen Fokus. Playlists, die eigenen Podcast-Abos, die Empfehlungen mit Lieblingssendungen, Meistgehörtem und Meistgeschätztem verbinden sich zu einem sehr persönlichen Audioprogramm, dessen Kompilator der einzelne ist. Gesprochenes Wort und Töne haben es bisher sehr schwer in der Welt der Suchmaschinen, in der die Audio-Erkennung schlicht nicht vorgesehen war und ist.

Medium des Dialogs

Fieberhaft arbeiten Sender und Wissenschaft an Algorithmen und Metadaten. Wir Öffentlich-Rechtlichen müssen dabei besonders beachten, dass die Logik unserer Algorithmen nicht die platte Spiegelung der bisherigen Mediennutzung und Themenpräferenz sein kann. Wir dürfen keine neuen Echoräume entwickeln, in denen die Hörerinnen und Hörer immer und immer wieder auf sich zurückgeworfen werden.

Aber in der Personalisierung der Audioangebote liegt die Zukunft. Für sensible Gemüter nicht immer auf subtile und zurückhaltende Weise, der personalisierte Medienmarkt ist laut, penetrant und aufdringlich. Daneben wird auch das persönliche Kuratieren immer wichtiger, die transparente und beratende Unterstützung bei der Auswahl. Noch ist die Tatsache aber in den Redaktionen nicht tief verankert, dass die Journalisten dem Publikum ihre Texte und Audios auch näherbringen müssen.

Radio und Audio haben in dieser globalen Welt der Kommunikation aber noch einen weiteren Trumpf. Sie haben eine lange Erfahrung in Sachen Dialog. Das Miteinanderreden ist auf dem digitalen Audio-Weg einfacher als der Austausch von Meinungen auf den Leserbriefseiten oder die kurzgehaltenen Aussagen vor den Kameras. Dass Fernsehen nahe am Menschen ist, ist eine gewagte Behauptung. Die Hemmschwelle, sich öffentlich zu äußern, ist bei denen, die solche öffentlichen Diskussionen nicht gewohnt sind, im Radio wesentlich niedriger. Obwohl die Stimme selbst sehr persönlich ist, fühlen sich Gesprächspartner vor dem Mikrofon des Hörfunks geschützter.

Bis diese reiche „Partizipationserfahrung“ tatsächlich für die digitale Welt erschlossen wird, ist es noch ein weiter Weg. Aber es wäre eine Chance, das mediennutzende Individuum und die globalen Netzwerke auf kreative Weise zueinander zu bringen. Nichts völlig Neues. Der polnische Schriftseller Tadeusz Peiper schrieb 1927: „Durch das Radio hat sich in der Welt der Maschine ein Platz aufgetan für eine Welt, in der man für sich sein kann ... Der Kopfhörer macht aus dem Radioapparat die Maschine der Träume ... Die Einsamkeit des Rundfunkhörers wird mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein gekoppelt.“

Das vielfältige Radio

Es gehört zu den Mirakeln und Abstrusitäten mancher medienpolitischer Vorstöße, gerade in dieser medialen Gegenwart das Fusionieren oder die Abschaffung von öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogrammen zu fordern. Wir kennen diesen Typ „Medienexperten“ aus Parteien, Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft, der die Schimäre einer uferlosen, redundanten und höchst überflüssigen Flut beitragsfinanzierter Radioprogramme beschwört und dann meist die Abschaffung der Programme fordert, die er selbst nicht hört.

74 öffentlich-rechtliche Programme und 274 private gibt es in Deutschland, jedes Angebot hat sein Publikum, und da jeder den Rundfunkbeitrag zahlt, hat auch jeder mit Recht Anspruch darauf. Immer wieder hat das Verfassungsgericht die Bedeutung von Vielfalt und publizistischem Wettbewerb gerade für den demokratischen Diskurs betont, besonders für den öffentlich-rechtlichen Sektor.

Lange Zeit war die begrenzte Zahl der reichweitenstarken UKW-Frequenzen das Nadelöhr für neue Radioideen. DABplus und das Internetradio erweitern nun den Zugang für den Radiomarkt für Öffentlich-Rechtliche und Private. Bei beiden ist das Bewusstsein inzwischen sehr ausgeprägt, dass die Zukunft nicht durch Verdrängung oder gar Abschaffung der Konkurrenz, sondern nur durch eigene Programmideen und besonders spannende Angebote gesichert werden kann. Da ist die Branche selbst um Meilen weiter als der eine oder andere „Experte“ oder Wettbewerbsökonom. Und weil Radio und Audio ein sehr viel jüngeres Publikum erreichen, ist Vielfalt und Kreativität an dieser Stelle auch sehr hilfreich, um gerade die unter 30-Jährigen mit zeitgemäßen Audioformaten anzusprechen und für das Gesamtangebot eines Senders zu gewinnen.

Nicht überall in den Sendern ist das Bewusstsein besonders ausgeprägt, welche Bedeutung gerade Audio und Radio für die Relevanz des Gesamtportfolios hat. Radio und Audio sind mehr als Distributionswege zweitverwerteter O-Töne.

So ist das bei den gegenwärtigen Mediendebatten: Man startet mit der Faszination der wunderbaren neuen und alten Medien und landet im Wettbewerbsrecht. Es ist eine gefährliche und unwürdige Entwicklung, die mediale Gegenwart nur noch in abstrakt-ökonomischen und regulativen Dimensionen zu diskutieren, von der fahrlässigen Einschränkung der Presse- und Rundfunkfreiheit mal ganz zu schweigen. Der knallharte ökonomische Kern von Google, Facebook oder Amazon darf nicht davon ablenken, dass deren großer globaler Erfolg durch die Verheißung von Träumen und deren Erfüllung gefördert worden ist, jeden Tag und immer wieder.

Radio und Audio haben die Substanz, die Erfahrungen und die kreativen Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, zu begeistern, zu berühren, ihnen auf fundierte Weise Orientierung anzubieten und auch in ihre Traum- und Wunschwelt hineinzuwirken. Die Kraft des Radios gilt es immer wieder zu entfesseln, bei allen Risiken und Nebenwirkungen, auch zwischen den Enden der Parabel.

Aus epd medien 25/21 vom 25. Juni 2021

Stefan Raue