Das Imperium der Wölfe

Reichelt, Döpfner und die toxische Führung

Hat Julian Reichelt seinen Job als „Bild“-Chefredakteur deshalb verloren, weil der Springer-Konzern in den USA expandieren will? Diese Frage stellt sich, seit in der „New York Times“ ein Artikel erschien, der eine der schwersten Krisen in der Geschichte des Hauses Axel Springer auslöste. Die Zeitung präsentierte neue Recherchen, aus denen hervorging, dass Reichelt seine Macht gegenüber jungen Mitarbeiterinnen missbraucht (epd 42/21). Über Vorwürfe, dass Reichelt aus sexuellen Motiven Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt habe, hatte der „Spiegel“ bereits im März berichtet. Auch „Die Zeit“ trug Recherchen bei. Springer leitete eine Compliance-Untersuchung ein, die aber nicht zu einer Abberufung Reichelts führte (epd 11, 14/21). Nachdem der „New York Times“-Artikel erschienen war, dauerte es nicht einmal 24 Stunden, ehe sich der Springer-Vorstand zu diesem Schritt entschied. René Martens beleuchtet die unterschiedlichen Facetten dieses bemerkenswerten Vorgangs.

epd „Was Angestellte über Reichelt erzählen, erinnert an einen mittelalterlichen Königshof“, schrieb der „Spiegel“ im März. Es blieb weitestgehend folgenlos. Am 17. Oktober erschien in der Online-Ausgabe der „New York Times“ eine große Story über Springer und den „Bild“-Chefredakteur - zwei Tage, bevor der deutsche Konzern meldete, den Kauf des US-Nachrichtenunternehmens Politico abgeschlossen zu haben; ein entscheidender Schritt bei dem Vorhaben Springers, die USA zum wichtigsten Markt zu machen. Zuvor hatte Springer 2015 das Portal „Insider“ (vormals „Business Insider“) erworben und 2016 die Marktforschungsfirma Emarketer. 2020 kam die Mehrheit am Wirtschaftsnewsletter „Morning Brew“ hinzu.

Am 18. Oktober wurde Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Wesentlich zur Entwicklung der Personalie trugen Recherchen des Ippen-Investigativteams bei, die zunächst nur in der „New York Times“ erwähnt wurden, auf Geheiß des Verlagspatriarchen Dirk Ippen aber nicht in den Medien der Regionalzeitungsgruppe erscheinen durften (epd 42/21 und Meldung in dieser Ausgabe).

Neuer journalistischer Ethos

Aus deutscher Sicht ist unter anderem die Art bemerkenswert, mit der sich die vier Redakteurinnen und Redakteure des Ippen-Investigativteams gegen ihren Verleger zu Wehr setzten. Am Tag von Reichelts Amtsenthebung erschien beim „Spiegel“ ein umfangreicher Artikel, in den sie ihre monatelange Recherchen, für die sie von Ippen bezahlt worden waren, einfließen ließen. Dass sie mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen in Kauf nahmen, weil es für sie über allem stand, den Leidensgeschichten der von Reichelts Gebaren betroffenen Frauen an die Öffentlichkeit zu bringen, zeuge „von einem womöglich neuen journalistischen Ethos, der in seiner Unbedingtheit die Medienbranche in Deutschland verändern könnte“, kommentierte „Zeit Online“.

Auch die zur Ippen-Gruppe gehörende „Frankfurter Rundschau“ bewies Mut: Sie veröffentlichte ein Interview mit den vier Investigativjournalisten, in dem diese darüber berichteten, warum sie ihre Recherche nicht in den Medien des eigenen Hauses veröffentlichten konnten und warum sie einen erheblichen Teil davon in Kooperation mit der Konkurrenz vom „Spiegel“ publizierten.

Wie ungewöhnlich die Beschäftigung mit dem Machtmissbrauchskomplex rund um Reichelt für das Ippen-Team war, stellte Juliane Löffler, die Hauptrechercheurin, gegenüber dem NDR-Medienmagazin „Zapp“ heraus: „Prinzipiell ist es immer so, dass bei 'MeToo'-Geschichten die Angst vor mutmaßlichen Tätern sehr groß ist. In dem Fall gab es eine besonders große Angst vor Julian Reichelt als Person.“ Ihr Team habe daher Sicherheitsvorkehrungen getroffen, unter anderem habe es „ein Security-Briefing“ gegeben für „alle Quellen, mit denen wir gesprochen haben“. Einige der Betroffenen hätten „dafür gesorgt, dass sie zu dem Zeitpunkt, als wir Springer erstmals mit den Vorwürfen konfrontiert haben, nicht in der Stadt waren“. Im Rahmen von Recherchen in der Medienbranche sind solche Maßnahmen normalerweise nicht vonnöten.

Solche Details werden die US-amerikanischen Leser, die durch den Artikel der „New York Times“ erstmals genauer über die Verhältnisse in der Springer-Welt informiert wurden, weniger interessiert haben. Die in der „Bild“-Gruppe unter Reichelt herrschende „Harem-Kultur“ („Neue Zürcher Zeitung“) dürfte bereits für viele von ihnen irritierend genug gewesen sein - etwa für die Fondsanleger der in New York ansässigen Beteiligungsgesellschaft KKR, die Springers größter Anteilseigner ist, und für die Abonnenten der „Politico“-Newsletter aus der Politik- und Finanzwelt, die bis zu sechsstellige Dollarsummen pro Jahr für exklusive Informationen zahlen und möglicherweise kein gutes Gefühl dabei gehabt hätten, wenn dieses Geld auf den Konten unzivilisierter Deutscher landet.

Somit schien es dem Springer-Vorstand um den Vorsitzenden Mathias Döpfner, der seit 2016 auch Präsident des Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ist, angezeigt zu sein, mit der Trennung von Reichelt zumindest den Eindruck zu erwecken, dass man bereit ist, bei „Bild“ andere Herrschaftszeiten anbrechen zu lassen.

Nicht zuletzt dürfte das auch mit Blick auf potenzielle neue Politico-Mitarbeiter geschehen sein. In den USA und beim europäischen Ableger - an dem Springer bereits seit 2014 zu 50 Prozent beteiligt war - will Politico demnächst zusätzlich zu den bisher insgesamt 900 Beschäftigten weitere 100 Leute einstellen. „Aber wer arbeitet in den USA gerne für eine Firma, von der man beim Lesen der 'New York Times' den Eindruck bekommt, dass sie toxische Vorgesetzte duldet?“ - das fragte die „Süddeutsche Zeitung“ unter Bezug auf Äußerungen eines Anwalts, der sich mit dem Politico-Kauf durch Springer „beschäftigt“ habe.

Keine überzeugende Erklärung

Der „New York Times“ zufolge soll Springer im Rahmen einer quasi klandestinen Operation auch geplant haben, den Politico-Konkurrenten Axios zu kaufen - und dann beide Unternehmen zu fusionieren und den CEO von Axios, der einst im Unfrieden von Politico geschieden war, als neuen Chef des Gesamtunternehmens zu installieren. Dieser Aspekt spielt in der Debatte in Deutschland eine untergeordnete Rolle, weil Axios hier kaum bekannt ist. In den USA dagegen sei „die Axios-Sache vielen sehr bitter aufgestoßen“, sagte die frühere „Spiegel Online“-Geschäftsführerin Katharina Borchert, die heute im Silicon Valley arbeitet, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Anders verhielt es sich mit der zuerst von der „New York Times“ verbreiteten Einschätzung Döpfners, Julian Reichelt sei „wirklich der letzte und einzige Journalist, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt“, während fast alle anderen zu „Propaganda-Assistenten“ geworden seien - ein Affront unter anderem gegen die große Mehrheit der Journalisten aus BDZV-Mitgliedsunternehmen.

Die Passage stammt aus einer privaten Textnachricht Döpfners an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre. In einem Rundbrief an die deutschen Zeitungsverlage schrieb Döpfner am 22. Oktober über diese SMS: „Es gibt so etwas wie ein emotionales, provokantes, irrationales und spontanes Innenleben einer bilateralen Unterhaltung unter vermeintlich sich vertrauenden Leuten. Außenstehende werden das zwangsläufig gar nicht oder bestenfalls falsch verstehen.“ (vgl. Meldung in dieser Ausgabe) Überzeugend wirkt die Erklärung nicht, weil sich Döpfner in der Vergangenheit öffentlich ähnlich geäußert hat wie in der privaten Nachricht.

Im Oktober 2019 etwa nahm Döpfner in einem länglichen Beitrag für die „Welt“ das rechtsextremistische Attentat von Halle als Ausgangspunkt für einen stream of consciousness zum „Systemversagen der offenen Gesellschaft“. In populistisch-raunenden Tonfall griff er schon damals unter anderem die Mitarbeiter anderer BDZV-Mitgliedsunternehmen fundamental an: „Deutschlands Politik- und Medieneliten schlafen den Schlaf der Selbstgerechten und träumen den Wunschtraum der Political Correctness.“ Er schimpfte über „eine mediale Elite, die Dinge zu oft eher beschwört und beschreibt, wie sie sein sollten, als zu beschreiben, wie die Lage ist. Die Haltung oft über Fakten stellt. Und so aus Rücksicht auf die gute Absicht ihre wichtigsten Wirkungsgrundlagen schwächt: Glaubwürdigkeit und Vertrauen.“

Bereits damals agierte Döpfner also ganz und gar nicht wie der oberste Interessenvertreter der Verlagsbranche, doch Kritik aus Kreisen des BDZV war dazu nichts zu vernehmen. Im September 2020, rund ein Jahr nach Döpfners recht wirrem Beitrag für die „Welt“, wurde der Springer-Vorstandschef auf der BDZV-Delegiertenversammlung einstimmig als Präsident wiedergewählt (epd 38/21).

Konflikte innerhalb des BDZV

Seine aktuellen Auslassungen zu Journalisten als „Propaganda-Assistenten“ rufen zumindest bei einigen aus dem BDZV Kritik hervor. Thomas Düffert, CEO der Madsack-Mediengruppe und einer der vier Stellvertreter Döpfners im BDZV-Präsidium, sagte: „Auch in privaten Diskussionen“ dürfe „kein Zweifel an der Integrität und Unabhängigkeit der Redaktionen der Zeitungsverlage aufkommen“, vielmehr müssten „diese gerade gegen derartige Vorwürfe verteidigt werden.“

Carsten Lohmann, Geschäftsführer des „Mindener Tageblatts“, zeigte sich gegenüber dem Deutschlandfunk-Medienmagazin „@mediasres“ „schockiert“ über Döpfners politische Betrachtungen - auch wenn er sie „nur im privaten Bereich“ formuliert habe. „Ich finde, dass jemand, der oberster Repräsentant der Tageszeitungen in Deutschland ist, mit so einer Aussage nicht mehr haltbar ist.“ Das BDZV-Präsidium hat für den 24. November eine Sitzung zu dem Fall anberaumt.

Jetzt, wo Döpfner angezählt ist, werden auch andere Konflikte innerhalb des Verbandes öffentlich wieder stärker sichtbar. Der Mindener Verleger Lohmann etwa kritisiert nicht nur die Position, die Döpfner in seiner vielzitierten privaten Textnachricht verbreitete, sondern auch die von dem Präsidenten repräsentierte Verbandspolitik: Der Zeitungsverlegerverband Nordrhein-Westfalen sei „viel näher an ihren Mitgliedsunternehmen“ dran als der BDZV, „nicht nur geografisch, sondern auch inhaltlich“, kritisierte Lohmann. Auch dem Verband Deutscher Lokalzeitungen, „der sich ja ausdrücklich für die Interessen der kleineren Verlage einsetzt“, fühle sich sein Haus mittlerweile stärker verbunden als dem BDZV. Man kann das so interpretieren, dass der BDZV derzeit eher die Interessen der größeren Verlage vertritt.

In welchen Sphären sich Döpfner als BDZV-Präsident bisher bewegte, verdeutlichte er bei einem Verbandskongress am 28. September, zwei Tage nach der Bundestagswahl. „Eine Regierungspause können wir uns nicht leisten“, konstatierte er in seiner Rede mit Blick auf „Digital Markets Act“ - einen Gesetzesentwurf der Europäischen Kommission zur Regulierung digitaler Plattformen, bei dessen Verhandlung „Deutschland mitreden“ müsse. Die Rede warf die Frage auf, ob der BDZV-Präsident seine kreative Kraft dafür aufwenden sollte, die Selbstverständlichkeit zu dramatisieren, dass es nach einer Wahl, bei der sich die Stimmenverteilung signifikant geändert hat, einige Wochen Zeit für die Bildung einer neuen Regierung braucht.

Ramponierter Ruf

In seinem aufgrund der Causa Reichelt aufgesetzten Rundbrief an die Verlage schrieb Döpfner zum Thema Regierungswechsel: „Der BDZV steht vor den Herausforderungen durch eine neue Aufstellung im Bundestag und in der Bundesregierung. Wir müssen und wir werden gemeinsam alle Anstrengungen unternehmen, auf die für uns notwendigen medienpolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinzuwirken.“

Aus Sicht großer Teile des Verbands dürfte es eine der Stärken Döpfners gewesen sein, dass er bei der scheidenden Bundesregierung auf für den BDZV „notwendige Rahmenbedingungen“ hinwirken konnte, wie er sein Wirken selbst recht freimütig beschreibt. Da es in der wahrscheinlich entstehenden Ampelkoalition neue Ansprechpartner für medien- und wirtschaftspolitische Fragen geben wird, spräche aus Sicht des BDZV aber einiges dafür, einen neuen obersten Interessenvertreter an die Lobbyfront zu schicken. Unabhängig davon, dass Döpfners Ruf nun ramponiert ist.

Zur Beschädigung seines Rufs hat Döpfner durch sein Agieren nach der Trennung von Reichelt auch selbst noch beigetragen. Da wäre nicht nur die pseudo-elaborierte Exegese seiner SMS an den Schriftsteller Stuckrad-Barre zu nennen. Schwerer fällt noch ins Gewicht, dass er in einem an die Springer-Mitarbeiter gerichteten Video, dem ein gewisser Selfie-Charme nicht abzusprechen ist, zu erkennen gab, „hinter dem Fall Reichelts eine Verschwörung zu wittern“, wie es es die „tageszeitung“ deutete. „Im Hintergrund wirkten Männer, die erkennbar das Vorgehen organisierten“, raunte Döpfner über die Aufdeckung von Reichelts Fehlverhalten in dem Video. Erst zwei Tage später, in einer weiteren Botschaft an die Mitarbeiter, gab Döpfner zu, man hätte den Chefredakteur früher von seinem Posten entfernen müssen.

Bernd Gäbler, Professor für Journalismus an der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld, sagte in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk, er vermute, Döpfner werde nicht noch einmal für den Posten des BDZV-Präsidenten kandidieren. Das wäre aber für kaum einen der Beteiligten eine befriedigende Lösung, denn die nächste Wahl findet erst 2024 statt.

Missbräuchliches Verhalten

So notwendig die Kritik an dem Vorstandsvorsitzenden aus vielen Gründen ist: Dass der Fokus der Berichterstattung zur „Springer-Affäre“ („Spiegel“) nun zumindest vorerst auf der Person Döpfner liegt, hat auch einen Nachteil. Die konkreten Verfehlungen Reichelts drohen etwas aus dem Blick zu geraten - und damit auch die Strukturen, in denen diese Grenzüberschreitungen möglich wurden.

Denn: Dass Julian Reichelt seinem missbräuchlichen Verhalten gegenüber Frauen auf spektakuläre Weise zum Opfer gefallen ist, könnte eigentlich ein Ausgangspunkt sein für vertiefende Recherchen zu ähnlichen oder zumindest entfernt vergleichbaren Fällen in anderen Medienhäusern. Die ersten Veröffentlichungen zu Reichelts Fehlverhalten im März hatten die Autorinnen Eva Hoffmann und Pascale Müller bereits zum Anlass für entsprechende weitergehende Recherchen genommen, sie erschienen im Mai 2021 im Fachblatt „Medium Magazin“. „Toxische Führungskultur, Sexismus und andere Formen der Diskriminierung sind in deutschen Medien weit verbreitet“, schrieben Hoffmann und Müller damals. Es sei falsch, die Debatte auf das Unternehmen Axel Springer zu reduzieren.

Der in München ansässige Verein Gender Equality Media versucht die Debatte gerade in eine ähnliche Richtung zu lenken - mit einem am 25. Oktober veröffentlichten offenen Brief „an die deutschen Verlage und Redaktionen“. Im dem Schreiben, dessen Begleittext mit der leicht martialischen Headline „Der Kopf von Reichelt reicht uns nicht“ versehen ist, stellt die Organisation fest: „Die Zusammensetzung der Führungsebene und Redaktionen bildet nicht unsere Gesellschaft in all ihren Facetten ab.“ Um journalistische Qualität zu gewährleisten, bedürfe es jedoch „diverser und gleichberechtigter Perspektiven und Repräsentanz unterschiedlicher Lebensrealitäten“. Feststehende Hierarchien, veraltete Arbeitsstrukturen und toxische Konkurrenzkämpfe behinderten aber viele Journalistinnen und Journalisten in ihrer Arbeit und bei ihrem beruflichen Aufstieg. Erforderlich sei „eine Reevaluation innerhalb der Redaktionen“. Das betreffe mehrere Fragen - „über was berichtet wird, wer darüber entscheidet und letztendlich, wer in welcher Position in der Redaktion sitzt“.

Dass im System „Bild“, dessen Hauptrepräsentant lange Julian Reichelt war, auch Frauen bisher weit kommen konnten, ist unbestritten. Waren sie fast ganz oben angelangt, standen sie bisher aber vor Hindernissen: 2018 zog Tanit Koch, die damalige Chefredakteurin der „Bild“-Druckausgabe, im Machtkampf mit ihrem Vorgesetzten Reichelt den Kürzeren (epd 6/18). Aktuell wurde Alexandra Würzbach, die zuletzt neben Reichelt gleichberechtigte Chefredakteurin war, zurückgestuft - die Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“ ist in der Chefstruktur der „Bild“-Gruppe nun Reichelts Nachfolger Johannes Boie unterstellt.

Dass es, um es mit den Worten von Gender Equality Media zu sagen, nicht nur auf den „Kopf von Reichelt“ ankommt, hat auf ihre Weise in der vergangene Woche Tanja Rest deutlich gemacht. In der „Süddeutschen Zeitung“ beschrieb sie, was die Männergarden, die sich hinter Julian Reichelt und dem früheren österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz gesammelt hatten, gemeinsam haben: „Das Treiben der Leitwölfe ist vergleichsweise gut ausgeleuchtet. Die sich unterwerfenden Prätorianerwölfe operieren dagegen meist namenlos im Halbschatten.“ Es sei völlig undenkbar, dass „ein solches System ohne das alles absichernde Treiben der Prätorianerwölfe“ existieren könne.

Reichelt ist zwar weg, aber die - wenn man denn so will - „Prätorianerwölfe“ bleiben. Und sie werden einen Teil ihres Einflusses auch nach dem Verlust des „Leitwolfs“ behalten. Das System Reichelt ist, so gesehen, zwar geschwächt, aber nicht verschwunden.

Aus epd medien 43/21 vom 29. Oktober 2021

René Martens