Das große Rauschen

Journalismus zwischen Propaganda und Polarisierung

Journalisten zitieren von Jahr zu Jahr immer mehr Tweets in ihren Texten - zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler Gerret von Nordheim, Karin Boczek und Lars Koppers Ende 2018 in einer Studie der TU Dortmund (http://u.epd.de/1ff1). Was als Beitrag zu mehr Interaktion und Partizipation gelobt werden kann, birgt aber auch Gefahren: Journalisten können durch Social Media ein verzerrtes Gefühl für Relevanz bekommen, außerdem fördert die Vernetzung mit Kollegen und Eliten die Zementierung traditioneller Sichtweisen. Gerret von Nordheim fordert Journalisten daher in seinem Gastbeitrag auf, es sich gut zu überlegen, ob sie den Kurznachrichten-Dienst für ihre Berichterstattung nutzen wollen.

 

Wenn sich bei einer Funkübertragung der Empfang verschlechtert, beginnt die Leitung zu rauschen. Das Zuhören wird anstrengender, das Gelingen der Kommunikation unwahrscheinlicher. Die Propagandisten des 21. Jahrhunderts bedienen sich dieses Prinzips - Propaganda ist heute genau das: Rauschen. Sie lärmen mit Empörung und Desinformation.

 

Die erwünschten Effekte sind Zweifel und Abstumpfung. Was ist noch wahr, was hat noch Wert, wem kann man noch glauben und vor allem: Macht es überhaupt noch Sinn, sich zu informieren? Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Relativismus - in zahlreichen Studien wurde gezeigt, dass immer mehr Menschen davon betroffen sind (http://u.epd.de/1frb).

 

Die Folgen sind weitreichend: In einer lärmenden Welt, die das Konzept des Faktischen obsolet erscheinen lässt, werden Entscheidungen zunehmend auf der Basis von Gefühlen getroffen. Die politische Meinung ist heute seltener Resultat argumentativer Auseinandersetzungen und häufiger und unverhohlener eine Frage der Identität - der Zugehörigkeit und der Abgrenzung. Polarisierung und Relativismus bedingen sich.

 

"Flood the zone with shit"

 

Während es den Feinden der Demokratie früher darum ging, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, geht es ihnen heute also darum, die Bildung einer öffentlichen Meinung im Keim zu ersticken. Es ist durchaus möglich, folgert der US-amerikanische Politikwissenschaftler David Karpf in einem kürzlich erschienenen Artikel, dass Desinformation eine Demokratie unregierbar mache, ohne dabei auch nur eine Wahlentscheidung beeinflusst zu haben (http://u.epd.de/1frc). Das Ziel moderner Propagandisten sei nämlich nicht, öffentliches Wissen zu beeinflussen - sondern demokratische Normen, also die Werte, die unser gesellschaftliches Miteinander prägen.

 

Die Friedens- und Konfliktforscher Maik Fielitz und Holger Marcks sprechen in diesem Zusammenhang von Praktiken eines neuen Faschismus, dessen ultimatives Ziel es sei, den Einzelnen soweit zu verunsichern, dass er an seiner Wahrnehmung von Realität zweifle (http://u.epd.de/1frd). Die Bedingungen und Regeln moderner Online-Kommunikation spielen den "digitalen Faschisten" dabei in die Hände: In vordigitalen Zeiten wäre es schlicht nicht möglich gewesen, die gesamte Öffentlichkeit mit "shit" zu fluten, wie es Steve Bannon 2018 formulierte.

 

Bannon war nicht nur Chefredakteur des einflussreichen rechten Online-Mediums "Breitbart News" und Berater Donald Trumps - er ist bestens vernetzter Vordenker demokratiefeindlicher Medienstrategien und gerngesehener Gast auf den Konferenzen populistischer Parteien. Es lohnt sich daher, genau auf den Kontext zu achten, in dem er seine Shit-Strategie formulierte: "Die Demokratische Partei ist unwichtig", so Bannon, "die wahre Opposition sind die Medien. Um mit ihnen fertig zu werden, muss man die 'Zone' mit Shit überfluten." Im Original: "flood the zone with shit".

 

Das Zitat ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert: "Die Medien" stellen für Bannon die größte Bedrohung dar, sie sind gefährlicher als jeder politische Gegner. Die Strategie der flutartigen Entladung toxischer Inhalte ist kein Selbstzweck - sie zielt direkt auf die Schwächung "der Medien". Bannons Adressaten wissen nur allzu genau, welche Medien er hier meint: dieselben, die Donald Trump regelmäßig als Produzenten von Fake News diskreditiert - journalistische Medien, die eine kritische Meinungsbildung ermöglichen, allen voran CNN, "New York Times" und "Washington Post". Sie sind zu bekämpfen - nicht in der Öffentlichkeit, im System oder in den Köpfen, sondern in der "Zone". Eine Wortwahl, die ans Militärische erinnert, an Grabenkämpfe und Stellungskrieg. Sie deutet auf die Herkunft der Bannon'schen Strategie - sie stammt aus dem Waffenarsenal autoritärer Regime.

 

Sean Illing, Autor der US-Nachrichtenseite "vox.com", bezeichnete Wladimir Putin jüngst als Erfinder des strategischen Rauschens, als einen Pionier der "zone-flooding philosophy": Putin nutze die Staatspropaganda als Nebelmaschine im Dienste der Desinformation und erzeuge damit gerade genug Misstrauen, um zu verhindern, dass sich in der Öffentlichkeit ein kohärentes, mobilisierendes Narrativ bilden könne (http://u.epd.de/1fre). Nicht nur im eigenen Land: Wissenschaftler beschrieben jüngst, wie die Kreml-nahe Internet Research Agency (IRA) - quasi eine Rausch-Behörde - vorgeht, um die Medien zu manipulieren.

 

In ihrer Studie "The Wolves in Sheep's Clothing" (Die Wölfe im Schafspelz) zeigten Josephine Lukito und Kollegen, wie US-Journalisten regelmäßig auf gefälschte Tweets der Internet Research Agency hereinfielen und sie als Vox populi, als Stimme des Volkes, in ihrer Berichterstattung aufgriffen (http://u.epd.de/1frf). Auffällig war, dass die Manipulatoren auch hier keine spezifische Agenda verfolgten - mal gaben die IRA-Twitterer vor, Trump-Fans zu sein, ein anderes Mal waren sie Linke oder setzten sich für die LGBT-Bewegung ein. Dabei verwendeten die Propagandisten kaum Energie darauf, tatsächliche Falschinformationen zu verbreiten. Es ging ihnen vielmehr darum, den Zusammenhalt einer ohnehin polarisierten Gesellschaft mit extremen Meinungen zu schwächen.

 

Unheilvolle Synergie

 

Die unheilvolle Synergie zwischen der journalistischen Affinität für Twitter und Populismus zeigt sich auch an anderer Stelle: Wir konnten am Institut für Journalistik der TU Dortmund in einer Studie zeigen, dass Journalisten von Jahr zu Jahr mehr Tweets in ihren Texten zitieren (http://u.epd.de/1ff1). Insbesondere in den vergangenen Jahren - im Kontext populistischer Themen - stieg die Zahl der Twitter-Referenzen rasant. Die journalistische Vorliebe für reißerische Meinungen sei eine Achilles-Ferse, warnt die Studie von Josephine Lukito - bösartige Akteure könnten diese Schwäche leicht für ihre Zwecke nutzen.

 

Plattformen wie Twitter sind heute Dreh- und Angelpunkte des Handelns staatlicher und rechtsextremer Medienmanipulation. Auch und vor allem, weil dieselben Plattformen in den vergangenen Jahren zu einem unentbehrlichen Werkzeug für Journalisten geworden sind. Noch vor zehn Jahren gaben drei Viertel aller deutschen Journalisten an, sie würden soziale Medien selten für professionelle Zwecke aufsuchen. Heute hat sich das Bild gewandelt: Laut einer Cision-Umfrage nutzen mittlerweile 82 Prozent der Journalisten in Deutschland soziale Medien mindestens wöchentlich für ihre Arbeit, 72 Prozent jeden Tag, 25 Prozent mehr als drei Stunden täglich (http://u.epd.de/1frr).

 

Der Anteil der Journalisten, die überhaupt keinen oder nur sehr geringen Gebrauch von den Plattformen machen, ist zwischen 2014 und 2017 von 26 auf 16 Prozent gesunken. Journalisten nutzen sie, um schnell an Information zu gelangen, die Konkurrenz zu beobachten und sich ein Bild von der gesellschaftlichen Stimmung zu machen. Vor allem Twitter ist Stimmungsbarometer und Themenlieferant: Der Microblogging-Dienst ist die Lieblingsplattform der Journalisten. Das Beispiel der russischen Internet Research Agency zeigt, wie leicht diese Praxis zu manipulieren ist.

 

Verzerrtes Gefühl für Relevanz

 

Tatsächlich bewerten aktuelle kommunikationswissenschaftliche Studien den journalistischen Umgang mit Twitter kritisch. Während Forscher zu Anfang des Jahrzehnts Twitter zumeist euphorisch als wichtige Innovation begrüßten, als Kanal der Interaktion und Partizipation, sehen sie heute vermehrt Gefahren: Die Plattform, auf der eine vergleichsweise kleine, elitäre Gruppe aktiv ist (nur zwei Prozent der Deutschen nutzen täglich Twitter, die wenigsten davon posten selbst), vermittle Journalisten ein verzerrtes Gefühl für Relevanz, die Vernetzung mit Kollegen und Eliten führe obendrein nicht zur Öffnung, sondern im Gegenteil zur Zementierung des traditionellen (männlich gefärbten) Elite-Fokus.

 

Wie unbedarft Journalisten mit Twitter-Quellen umgehen, zeigte eine Studie der Journalismusforscher Shannon McGregor und Logan Molyneux aus dem Jahr 2018 (http://u.epd.de/1frs). Die Wissenschaftler konnten in einem Experiment zeigen, dass Twitter die Relevanzbewertung von US-Journalisten entscheidend beeinflusst: Redakteure, für die Twitter Teil der alltäglichen Arbeitsroutine ist, schätzten Tweets und Überschriften einer Nachrichtenagentur als gleichermaßen relevant ein. Besonders überraschend für die Wissenschaftler: Selbst anonyme Tweets ohne Links und Kontext hatten einen Nachrichtenwert für die Journalisten.

 

Ihr Fazit: Die Praktiker nutzen ihre Twitter-Timeline als "shortcut to determine what is newsworthy" - als schnellen Weg, um Relevanz von Themen zu bewerten. Journalisten gebrauchen Twitter also vor allem in einer indirekten, latenten Form. Manipulationen werden daher nur in Ausnahmefällen explizit sichtbar, wie im Fall der Internet Research Agency - sie äußern sich unter Umständen eher implizit durch Verschiebungen bei Themen-Agenden oder Framing und bleiben daher zumeist unentdeckt.

 

Für Populisten und Propagandisten ist dieses Setting ein ideales Umfeld. Sie analysieren die Sicherheitslücken im journalistischen System genau, um sie für ihre Zwecke zu nutzen.

 

"Suche Dir die richtigen Gegner"

 

Ein Zeugnis dieser Strategie aus Deutschland ist das 2017 geleakte "Handbuch für Medienguerilla" (http://u.epd.de/1frt). Die neunseitige Handreichung einer rechtsextremen Gruppierung beginnt ganz im Sinne Bannons mit einer Einführung in die Strategie des "Shit-Posting": "Suche Dir die richtigen Gegner", heißt es dort - der richtige Gegner, das sei beispielsweise die "Fake-News-Mischpoke", also Accounts des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, des "Spiegels" oder von "Correctiv". Sie gelte es in Diskussionen zu verwickeln, zu beleidigen und zu provozieren. Am besten im Rudel als "virtuelle Armee", mit Freunden oder selbstangelegten Zweit- und Drittaccounts. Hier wird eine Illusion von Quantität geschaffen - wenige hundert Accounts türmen sich zu Scheinriesen.

 

Zur Absprache konzertierter Angriffe - sogenannter Raids - werden geschlossene Messenger-Gruppen empfohlen. Mit anderen Accounts sollen parallel gezielt "Wackelkandidaten" angesprochen werden, um sie auf die eigene Seite zu ziehen: "…seid freundlich und witzig mit einer Prise Ironie. Reicht ihnen die Hand."

 

Welche Wirkung ein erfolgreicher Raid entfalten kann, war Ende vergangenen Jahrs unter dem Hashtag #Umweltsau zu beobachten. Der Fall veranschaulichte exemplarisch:

 

1. Wie polarisierende Social-Media-Themen von Journalisten aufgegriffen werden.

 

2. Wie rechte Akteure die journalistische Vorlage für ihre Zwecke nutzen.

 

3. Wie Journalisten das rechte Rauschen multiplizieren und dafür auch reichweitenstarke klassische Kanäle nutzen.

 

Was war passiert? Der WDR hatte das Video eines Kinderchors veröffentlicht - der Text des dargebotenen Liedes kritisierte auf satirische Weise das wenig umweltbewusste Verhalten fiktional überzeichneter Karikaturen älterer Mitmenschen (epd 1/2, 3, 6/20). Der Urheber des Videos bediente damit den köchelnden Frame eines vermeintlichen Generationenkonflikts, der schon Tage zuvor aufgrund eines Fridays-for-Future-Tweets ("Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei") entstanden war und seitdem die Twittersphäre polarisierte.

 

Rechte Akteure hatten das Thema also schon vor Veröffentlichung des WDR-Videos als mögliche Chance entdeckt, Empörung zur Schau zu tragen und sich darüber offensiv mit "Wackelkandidaten" zu solidarisieren. Ihre schnelle und strategische Reaktion wird so erklärlich. Umso unerklärlicher allerdings, dass der Raid den WDR offenbar gänzlich unvorbereitet traf. So schwappten die Empörungswellen der sozialen Medien auf die öffentlich-rechtlichen Webseiten, ins Radio und ins Fernsehen - die "Tagesschau" berichtete, es gab eine Sondersendung im Hörfunk. Das Thema war schließlich omnipräsent, das Rauschen nicht mehr zu überhören.

 

Insbesondere der letzte Punkt, die intermediale Rauschweiterleitung, wird in ihrer Wirkung weithin unterschätzt. Die Logik des digitalen Faschismus ist parasitär, der gehackte Journalismus verbreitet sie wie der Wirt den Virus. Die Forscher Lars Willnat und David H. Weaver fanden heraus, dass keine andere Gruppe von Journalisten in den USA Social Media intensiver als Ideenlieferant für neue Storys nutzt als TV-Journalisten (http://u.epd.de/1fru). Sie folgerten, es sei sehr wahrscheinlich, dass das Fernsehen auch durch den konstanten Import von Social-Media-Inhalten zu einer Plattform für Sensationen und Polarisierung geworden sei.

 

Isomorphismus wird dieser Prozess in der Forschung genannt - die sukzessive Anpassung der einen Institution an die dominante Logik einer anderen. Logan Molyneux and Shannon McGregor befürchten in diesem Kontext eine journalistische Selbstauflösung im digitalen Raum: "Suicide by a thousand Tweets" - ein Selbstmord mit tausend Tweets (http://u.epd.de/1frv). Mit jedem zitierten Post übertrage Journalismus der Plattform Glaubwürdigkeit. Dies erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass Eliten (Politiker, Prominente et cetera) Twitter künftig als direkten Kanal für ihre Statements nutzen. Dadurch werde die Plattform wiederum zunehmend unentbehrlich für Journalisten - ein fataler Feedbackloop. Parallel leide die journalistische Glaubwürdigkeit durch die zunehmende Orientierung am Nachrichtenfaktor Twitter.

 

Journalisten sollten sich daher zweimal überlegen, ob sie den Kurznachrichten-Dienst für ihre Berichterstattung nutzen wollen.

 

Biotope für Demokratiefeinde

 

Tatsächlich scheint es an der Zeit, kritisch zu hinterfragen, ob Journalismus überhaupt vermittelbar ist auf Plattformen, die sich aufgrund ihrer ökonomischen Rationalität als ideale Biotope für Demokratiefeinde aller Art erwiesen haben (von anderen Problemen wie mangelndem Datenschutz ganz abgesehen). In den Redaktionen deutscher Medien spielt dieser Gedanke offenbar keine Rolle, nicht einmal in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Auch hier dominiert offenbar das Narrativ: Wer gegen eine offensive Präsenz auf den Kanälen der dominanten Plattformen ist, stemmt sich gegen den Fortschritt und ist gegen Partizipation.

 

Digitaler Journalismus ist auf bedenkliche Weise zum Synonym geworden für Youtube, Instagram, Facebook, Tiktok und andere Netzwerke. Als gäbe es keine Alternativen: Der Journalist Matthias Eberl machte unlängst darauf aufmerksam, dass der dezentrale Mikroblogging-Dienst Mastodon noch immer von keiner einzigen deutschen Nachrichtenredaktion bespielt werde (http://u.epd.de/1frw). Wünschenswert sei überdies ein Gesamtkonzept, um alternative Plattformen gezielt aufzubauen und Nutzer dahin umzusiedeln. Ideal wären laut Eberl allerdings "Aktionen, bei denen Medienhäuser gemeinsam alternative Plattformen fördern".

 

Ideen für solche Facebook- und Twitter-Alternativen gibt es einige: Der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch fordert seit Jahren den Aufbau öffentlich-rechtlicher Plattformen, sogenannter Public Open Spaces. Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister wirbt für ein "drittes System" neben privatem und öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um die Abhängigkeit von US-amerikanischen Konzernen zu reduzieren. Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks, plädiert seit 2017 für den Aufbau einer europäischen Plattform - um nicht zur "digitalen Kolonie" großer US-amerikanischer Internet-Konzerne zu werden (epd 41/18). Worauf warten wir also? Das Rauschen wird lauter.

Aus epd medien 7/20 vom 14. Februar 2020

Gerret von Nordheim