Böse Wölfe, gute Wölfe

Eine Verteidigung des Konzepts der Framing-Analyse

epd Das "Framing-Manual", das die Linguistin Elisabeth Wehling im Auftrag der ARD verfasst hat, ist im Spätwinter auf viel Kritik gestoßen (epd 8, 9/19). Auch die Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Herrmann hält das Papier für nicht gelungen, sie verteidigt aber in ihrem Gastbeitrag das Konzept der Framing-Analyse als Instrument kritischer Wissenschaft. Dieses könne Journalisten helfen, ideologische Zuschreibungen im öffentlichen Diskurs zu erkennen, schreibt Herrmann, die eine Professur für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hat.

Das Konzept des Framing ist in Verruf geraten. Schuld daran ist eine etwas merkwürdige Debatte. Es ging um ein zwei Jahre altes Arbeitspapier der ARD, das im Februar dieses Jahres an die Öffentlichkeit gelangte. Um es vorwegzunehmen: Das Paper war wirklich nicht gut. So etwas kommt vor.

Auch die Vorstellung von Framing, die in diesem Papier vertreten wird, hat Schwächen. Deshalb aber gleich das gesamte Konzept des Framings über Bord zu werfen, wäre ein großer Fehler. Mit diesem Begriff sind nämlich durchaus unterschiedliche Ansätze verknüpft. Sie können sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, die Dynamik öffentlicher Debatten zu verstehen. Das ist gerade für Medienschaffende und insbesondere für Journalistinnen und Journalisten wichtig. Denn die Analyse des Framing kann offenlegen, was im öffentlichen Diskurs oft unbemerkt als Ideologie verborgen ist. Wer sich solche Frames bewusstmacht, kann sie leichter entkräften und muss sie nicht fortschreiben.

Framing ist der Rahmen, der unserer Wahrnehmung einen Zusammenhang gibt, uns Ereignisse oder Beobachtungen in einer bestimmten Weise interpretieren lässt. Dieser Einschränkung entkommen wir nicht, wir framen immer. Nur so können wir unsere Wahrnehmungen einordnen, sie kategorisieren und ihnen einen Sinn geben. Damit ist aber auch immer eine Interpretation oder Deutung der Ereignisse verbunden. Es kann wichtig sein, sich diese Deutung bewusstzumachen, um auch anderes denken zu können.

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Debatte um Flüchtlinge der vergangenen Jahre. Allein schon der üblicherweise in diesem Zusammenhang benutzte Begriff Flüchtlingskrise enthält eine weitgehende Interpretation: Er behauptet, dass die Ereignisse unsere Ordnung überforderten. Zum Vergleich: Welche Dynamik wäre in Gang gesetzt worden, hätten wir hätten 1989/90 ständig von einer Wiedervereinigungskrise geredet? Schon einzelne Worte können eine sehr weitreichende Interpretation der Wirklichkeit in Gang setzen: Wer etwa von Flüchtlingsströmen oder einer Flüchtlingswelle spricht, ruft den Deutungsrahmen einer Naturgewalt auf, die nicht zu stoppen ist.

Framing aber steckt nicht nur in Worten. Es kann beispielsweise auch durch die Art und Weise der Darstellung transportiert werden. Im Oktober 2015 widmeten die wichtigsten Nachrichtensendungen des Fernsehens weit mehr als die Hälfte ihrer gesamten Sendezeit dem Thema Flüchtlinge. Genaugenommen ging es oft nicht um die Flüchtlinge selbst, sondern um die innenpolitische Debatte zum Thema, insbesondere um die beständigen Angriffe Horst Seehofers auf die Kanzlerin. Ganz unabhängig vom Inhalt aber transportierte die schiere Menge der Berichterstattung ein Zuviel, das mit dem Thema Flüchtlinge verknüpft wurde. Die Menschen vor dem Fernseher fühlten sich von der Dauerberieselung über eine ergebnislose Debatte überfordert. Auch wer, wie die meisten Deutschen, im Alltag nichts mit Flüchtlingen zu tun hatte, krisenfrei und unverändert weiterlebte, konnte ein Gefühl der Überforderung erfahren. Es wurde durch die Performance, durch die massive Berichterstattung hervorgerufen.

Journalistinnen und Journalisten können die öffentliche Debatte in solchen Fällen in der Regel nicht einfach verändern. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Aber sie können ansprechen und bewusstmachen, was eigentlich gerade transportiert wird, sie können ideologische Begriffe und auch den performativen Charakter der öffentlichen Kommunikation offenlegen. Eine so verstandene Framing-Analyse steht in der besten Tradition eines aufklärerischen und kritischen Journalismus.

Komplexes Geschehen

Die Neurolinguistin Elisabeth Wehling, die das umstrittene Arbeitspapier für die ARD verfasste, greift viele dieser Aspekte sinnvoll auf. Sie konzentriert sich insbesondere auf die Analyse einzelner Begriffe und zeigt daran, wie Bedeutungsrahmen funktionieren. Das Problem bei Elisabeth Wehlings Ansatz ist das dahinterliegende erkenntnistheoretische Konzept. Es stammt aus der Naturwissenschaft. In positivistischer Weise geht es von einem klaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang aus: Immer wenn A eingesetzt wird, passiert B. Immer wenn ich Salzsäure auf Zink gieße, entsteht Zinkchlorid. Der Ausgang vieler naturwissenschaftlicher Experimente ist in dieser Weise eindeutig und vorhersagbar. Man kann aus einer Ursache erklären, warum etwas geschieht.

Aber Sprache, die menschliche Kommunikation, funktioniert nicht auf diese Weise. Auf A folgt keineswegs immer B. Kommunikation ist ein komplexes Geschehen, die Entstehung von Sinn und Bedeutung lässt sich nicht einfach vorhersagen. Man kann auch nicht eine Bedeutung einzelner Wörter oder Sätze isolieren, wie es für neurowissenschaftliche Messungen nötig wäre. Framing entsteht immer in einem Kontext, der veränderbar ist. Das Wort Sonne kann sengend und tödlich beschrieben werden oder das Glück des herannahenden Frühlings anzeigen. Der Begriff kann als Metapher oder ironisch erscheinen. Begriffe können anders verstanden werden, als sie gemeint waren, sie können sich in ihr Gegenteil verkehren. Das kann Sprache. Salzsäure kann das nicht.

Sprache, Kommunikation, Texte stehen in einem Zusammenhang von Erfahrungen, Kontexten, kulturellen und individuellen Hintergründen. Elisabeth Wehling misst als Neurolinguistin die Aktivität von Gehirnregionen bei bestimmten Begriffen. Die menschliche Kommunikation lässt sich auf diese Weise nicht erfassen. Die Entstehung von Sinn und Bedeutung lässt sich nicht aus eindeutigen Ursachen erklären, man kann sie nur in ihrer Dynamik nachvollziehen und analysieren. Man kann im besten Fall verstehen, was passiert.

Technisches Verständnis von Sprache

Grundlegend für die verschiedenen Zugänge ist ein erkenntnistheoretischer Unterschied, der sich etwas pauschal als Erklären in den Naturwissenschaften und Verstehen in den Geisteswissenschaften beschreiben lässt. Was Wehling misst, sind Korrelationen, gleichzeitig auftretende Phänomene. Es ist eine gewagte Interpretation, daraus Ursachen für bestimmte Phänomene abzuleiten. Das verdeutlicht ein berühmtes Beispiel: Gleichzeitig mit der Zahl der Störche ging auch die Geburtenrate zurück. Will man daraus ableiten, dass der Storch die Babys bringt? Das mechanistische, geradezu technische Verständnis von Kommunikation und Sprache, das den neurolinguistischen Versuchen zugrunde liegt, führt in die Irre. Und so mündet die im Ansatz richtige Analyse von Wehling in viel zu einfache Rezepte, die den Kritikern jetzt aufgestoßen sind.

Ein zu einfaches Rezept ist der Ratschlag: "Nutzen Sie nie, aber auch wirklich nie, den Frame Ihrer Gegner." Denn jede Wiederholung verfestige Frames in unseren Köpfen. Das mag in vielen Fällen durchaus zutreffen - ist aber doch in der hier vertretenen Absolutheit eine zu einfache Vorstellung. Demnach müsste eine der berühmtesten Reden der Rhetorik, die Rede des Antonius in Shakespeares Drama "Julius Caesar", ein kompletter Fehlschlag sein: "Brutus ist ein ehrenwerter Mann", wiederholt Antonius in seiner Rede immer wieder wie einen Refrain den Frame der Gegner - um ihn erfolgreich ad absurdum zu führen. Man könnte auch sagen: Er macht in der Rede seinen Zuhörern bewusst, dass der Frame in ihren Köpfen - Brutus sei ein ehrenwerter Mann - verhindert, dass sie erkennen, dass Brutus ein Verräter ist. Antonius gibt damit ein Beispiel dafür, wie im besten Fall die Frame-Analyse funktioniert: Sie zeigt uns, welche Deutungsmuster wir an die Welt anlegen. Indem sie uns bewusstwerden, können wir sie gegebenenfalls korrigieren. Dafür kann es mitunter nicht schaden, den Frame des Gegners zu wiederholen, um ihn mit rhetorischem Geschick zu entkräften.

Auch die Vorstellung, man könne neue Frames beliebig konzipieren und durch beständige Wiederholung in den Köpfen verankern, greift zu kurz und verrät ein mechanistisches Verständnis von Kommunikation. Sprache ist immer mit Affekten, individuellen und kulturellen Hintergründen verbunden, die tief verankert sind und sich nicht beliebig verändern lassen. Daran muss ein Frame andocken können, um seine Wirkung zu entfalten. In der Schweiz gab es vor Jahren eine interessante Studie zur Ansiedlung von Wölfen: Naturschützer redeten mit Engelszungen, um das schlechte Image des Wolfes zu verbessern, führten Argumente und Beispiele an, um den Wolfsframe zu verändern. Allein: Es half nicht.

Die Naturschützer machten aber eine interessante Beobachtung: In der italienischsprachigen Schweiz stießen die Wölfe in der Bevölkerung auf viel weniger Widerstand als in der deutschsprachigen Schweiz. Das rief Wissenschaftler der Universität Zürich auf den Plan, die schließlich eine Erklärung fanden: In der deutschen Schweiz ist das schlechte Image des Wolfes durch Grimms Märchen geprägt, der Wolf frisst Zicklein und Großmütter. In der italienischen Schweiz hingegen hat der Wolf ein durchaus positives Image, das sich im Mythos von Romulus und Remus spiegelt, die von einer Wölfin gesäugt wurden. Die Wissenschaftler rieten den Naturschützern, die Menschen über diesen Zusammenhang aufzuklären, ihnen bewusstzumachen, dass Grimms Märchen unbewusst auch in den Köpfen der Erwachsenen nachwirken. Das Wissen darum könne den Märchen-Frame in seiner Wirkung einschränken.

So funktioniert die Framing-Analyse im Sinne einer kritischen, nicht affirmativen Wissenschaft. So hat sie der Urvater des Framing-Begriffs gemeint, der Soziologe Erving Goffman. Sein Ziel war es, dass wir die Rahmen erkennen, nach denen wir unsere Alltagserfahrungen einordnen und verstehen. Dann, so Goffmann, sei es möglich zu analysieren, welche Schwachpunkte unsere Frames womöglich haben. Die Framing-Analyse ist ein aufklärerisches Konzept, sie will problematische Sinnzuschreibungen dekonstruieren. Und damit ist das Konzept wertvoll für den Journalismus. Es kann beispielsweise Schemata aufdecken, durch die Ideologie und Rassismus unseren öffentlichen Diskursen eingeschrieben sind. Nicht nur in Zeiten des Rechtspopulismus ist dies eine wichtige Aufgabe des Journalismus einer demokratischen Gesellschaft.

Aus epd medien 17/19 vom 25. April 2019

Friederike Herrmann