Aus der Not geboren

Von der Ultrakurzwelle zum digitalen Radio

"Was bedeutet die ultrakurze Welle?", fragte der neue Informationsdienst epd/Kirche und Rundfunk in seiner ersten Ausgabe, die am 21. Januar 1949 erschien. In einer kurzen, nur zehn Zeilen umfassenden Nachricht wurde erklärt, dass demnächst in Hamburg ein Ultrakurzwellensender den Versuchsbetrieb eröffnen werde. Deutschland, so heißt es in der Meldung, werde, "da seine ihm in Kopenhagen zugeteilten Wellen nicht ausreichen, bestrebt sein müssen, in den Bereich der freien Frequenzen auszuweichen".

Das Stichwort Kopenhagen bestimmt ebenso wie die "UKW-Frage" in den ersten Jahren die Berichterstattung von epd/Kirche und Rundfunk. In der Ausgabe 5 vom 14. März 1949 ist die Rede von der "Revolution im Äther" und der "deutschen Rundfunkkrise". Bei der Wellenkonferenz in der dänischen Hauptstadt, an der das besetzte Deutschland nicht teilnehmen durfte, wurde 1948 entschieden, dass das Land deutlich weniger Frequenzen erhalten sollte als zuvor. Jeder deutschen Besatzungszone wurden nur jeweils zwei Mittelwellenfrequenzen zugeteilt, eine Langwellenfrequenz wurde nicht an Deutschland vergeben. In den deutschen Medien wurde das als Konsequenz der Niederlage im Zweiten Weltkrieg interpretiert, epd/Kirche und Rundfunk schrieb am 2. Januar 1951, für den deutschen Rundfunkhörer sei "Kopenhagen so etwas Ähnliches wie im Gebiet der allgemeinen Politik der Name Morgenthau".

Der Wellenplan wurde also auf eine Stufe gestellt mit den 1944 bekanntgewordenen Plänen des damals in den USA amtierenden Finanzministers Henry Morgenthau, der geschrieben hatte, nach dem Krieg müsse die Industrie in Deutschland zerstört und das Land in ein Agrarland verwandelt werden. Der Morgenthau- Plan wurde in den USA schnell verworfen, kam den Nazis in den letzten Kriegsmonaten aber für ihre Propaganda gegen die Alliierten sehr gelegen.

Kurt Magnus, ab 1953 der Vorsitzende des Verwaltungsrats des Hessischen Rundfunks, schrieb noch 1955, der Kopenhagener Wellenplan atme "in seiner Auswirkung für Deutschland den Geist der Demontage".

"Verlustbilanz im Aether"

In der Tat kam es nach dem Inkrafttreten des Kopenhagener Wellenplans in der Nacht auf den 15. März 1950 in Deutschland zu einer erheblichen Umstellung. In epd/Kirche und Rundfunk war am 27. März von einer "deutschen Verlustbilanz im Aether" die Rede: "Wer den Zeiger einmal durch den gesamten Wellenbereich hindurchdreht, wird zuerst summarisch feststellen, dass eine ausserordentliche Vermehrung der fremdsprachigen Sender im Aether über dem deutschen Raum zu verzeichnen ist."

Vor allem im süddeutschen Raum gab es Probleme, Stuttgart musste sich eine Frequenz mit Riga teilen, München mit Athen. "Ein wirklich sauberer Rundfunkempfang" sei in Süddeutschland "teilweise unmöglich geworden", hielt epd/Kirche und Rundfunk fest.

Doch die Not machte erfinderisch. Der erste UKW-Sender in Europa wurde am 28. Februar 1949 in München in Betrieb genommen. Bereits 1950 starteten die öffentlich-rechtlichen Anstalten die ersten Programme, die nur über UKW übertragen wurden. Die Zahl der UKW-Hörer sei noch "mikroskopisch klein", schrieb epd/Kirche und Rundfunk im Mai 1950. Doch der Fachdienst hat die Möglichkeiten der neuen Technologie früh erkannt. Bereits im Juni 1951 zeigte er sich überzeugt, "dass die gesamte deutsche Rundfunkorganisation auch, ja sogar massgeblich unter dem Blickwinkel der UKW-Versorgung gesehen werden muss".

"Ein Zauberschlüssel"

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 600.000 UKW-Empfänger in Betrieb. Die Idee des über UKW verbreiteten "Zweiten Programms" habe schnell Boden gewonnen, stellte epd/Kirche und Rundfunk fest: "Dem NWDR, der im April und Mai 1950 mit seinen Zweiten Programmen Nord und West begann, folgten im August der Bayerische, im Oktober der Hessische und im November der Süddeutsche Rundfunk." 1951 wurden bereits fünf Zweite Programme ausgestrahlt.

Weitsichtig schrieb der Informationsdienst damals: "Die Notlage des Kopenhagener Wellenwirrwarrs hat den deutschen Rundfunkleuten einen Zauberschlüssel in die Hand gegeben." In dem Bericht wurde bereits die neue föderale Rundfunklandschaft skizziert: "Die Ultrakurzwelle ist in Wahrheit nicht nur der Weg zum zufriedenen Rundfunkhörer, sondern auch zu einem legitimen Länder- und Landschaftsrundfunk." Sogar "für eine private Rundfunkinitiative" sah epd/Kirche und Rundfunk den Weg offen.

"Der deutsche Vorsprung"

Die jungen öffentlich-rechtlichen Sender rührten in den 50ern kräftig die Werbetrommel für die neue Technologie. Im Sendegebiet des Hessischen Rundfunks warb der "UK Willi", ein freundlich wirkender untersetzter Herr mit Hut, dessen Brille und Statur an Heinz Erhardt erinnerten, für die neuen Emfpangsmöglichkeiten.

Bereits 1960 vermeldete dieser Fachdienst den "Siegeszug" der neuen Technologie. Bald nach der Einführung in Deutschland seien andere europäische Länder gefolgt, "wenn sie auch den deutschen Vorsprung nie eingeholt haben".

Ganz anders war die Situation in den 90er Jahren, als in Deutschland der Aufbau des Digitalradiostandards DAB (Digital Audio Broadcasting) in Angriff genommen wurde. Für den Umstieg auf das Digitalradio sprachen ähnliche Argumente wie einst für die Einführung der Ultrakurzwelle: Die Technologie ist auf lange Sicht für die Sender kostengünstiger und auch energieeffizienter. Der Empfang ist stabiler und die Klangqualität besser. Und die Digitalisierung ermöglicht mehr Vielfalt im Radiomarkt. Die zusätzlichen digitalen Kapazitäten können von neuen Anbietern genutzt werden.

Doch die ersten DAB-fähigen Geräte waren unverhältnismäßig teuer. Alle Jahre wieder wurde vor der Funkausstellung verkündet, diese Messe werde nun endlich den Durchbruch für DAB bringen, doch bis Anfang 2002 waren bundesweit gerade mal 15.000 DAB-Empfangsgeräte verkauft worden. 2003 erwog die ARD sogar den Ausstieg aus dem Digitalradio, nachdem der Senderverbund und das Deutschlandradio in den zehn Jahren davor an die 200 Millionen Euro in die neue Technologie investiert hatten. Die Wellen, die die öffentlich-rechtlichen Sender zur Erprobung des digitalen Radios neu geschaffen hatten, wurden sehr zum Unmut der privaten Konkurrenz nach und nach über UKW verbreitet.

Erst 2011 kam wieder Bewegung in die Radiolandschaft, als man sich entschied, auf den neuen Digitalstandard DABplus umzustellen. Seither gibt es endlich auch mehr Digitalradios in den Elektronikläden zu kaufen, 2017 waren immerhin 17 Prozent der Haushalte mit einem digitalen Radiogerät ausgestattet. Doch hatte man zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch geplant, die Ultrakurzwellen-Übertragung in Deutschland bereits 2015 zu beenden, scheint inzwischen auch das neu angepeilte Abschaltdatum 2025 nicht mehr realistisch.

"Murks und Unvermögen"

Der Medienjournalist Jürgen Bischoff bilanzierte 2016 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Die Geschichte des Digitalradios in Deutschland ist keine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen, sondern eine von Murks und Unvermögen, ein an sich sinnvolles System in den Markt zu bringen."

Während Deutschland bei der Einführung von UKW in Europa in den 50ern aus einer Mangelsituation heraus eine Vorreiterrolle einnahm, hinkt es 60 Jahre später bei der Umstellung auf die digitale Radioverbreitung hinterher. In der Schweiz entfällt bereits ein Drittel der Radionutzung auf DABplus, die neue Technologie wird dort fast genauso stark genutzt wie UKW. In Großbritannien hört bereits mehr als die Hälfte der Briten Radio über digitale Verbreitungswege. In Norwegen wurde die UKW-Verbreitung im Jahr 2017 eingestellt. Die Schweizer wollen spätestens 2024 so weit sein.

Die neue Vielfalt bereitet paradoxerweise den Privatsendern die meisten Sorgen: Sie haben sich die Märkte aufgeteilt und sehen ihr funktionierendes Geschäftsmodell durch neue Anbieter gefährdet. Der Privatsenderverband Vaunet gehört daher seit fast zwei Jahrzehnten zu den größten Bremsern bei der Einführung der neuen Technologie und konzentriert seine Kräfte darauf, die "Zwangsdigitalisierung" zu verhindern.

Vielleicht würde es helfen, den Blick noch einmal zurückzurichten auf die Anfänge von UKW. Auch damals gab es viele Widerstände. Auch damals warnte die Rundfunkindustrie vor den hohen Kosten des Experiments. Es war maßgeblich der technische Direktor des NWDR, Werner Nestel, der den Ausbau der neuen vorantrieb.

Natürlich veränderte sich die Rundfunklandschaft mit der neuen Technologie grundlegend: "Die deutschen Hörer wußten bald in Hamburg nicht mehr, was die Sender in Berlin oder Stuttgart ausstrahlten", schrieb epd/Kirche und Rundfunk 1960.

UKW war damals der Schlüssel zur föderalen Gestaltung des Rundfunks in Deutschland. Inzwischen ist es - auch dank des Internets - wieder möglich, in Bayern den NDR zu hören und in Hamburg den Saarländischen Rundfunk. Ganz abgesehen von den Tausenden Rundfunksendern aus aller Welt, die zusätzlich empfangen werden können. Die Konkurrenz ist also längst da. Umso wichtiger wird es für die Radiosender in Zukunft sein, sich auf das zu besinnen, was sie unverwechselbar macht. "Die besten Hits von heute" ist dann wohl nicht mehr das richtige Rezept.

Von Diemut Roether