ARD-Sender ziehen sich aus Kinokoproduktionen zurück

epd Das Verhältnis zwischen Kino und Fernsehen ist kompliziert. Die Fernsehsender zahlen seit Jahren in die Kino- und Medienförderung ein, zugleich erhalten Produktionen und Koproduktionen der Sender Geld aus den Fördertöpfen. Gelegentlich beschweren sich vor allem Cineasten über den Einfluss der Fernsehfilmdramaturgie auf den Kinofilm. Dennoch ist die Koproduktion von Kinofilmen durch Fernsehsender wichtig für die Branche, denn ein Film, der nicht von einem Sender koproduziert wird, hat wenig Aussicht auf Förderung, schreibt unser Autor René Martens. Und seit Anfang des Jahres mehren sich die Anzeichen, dass sich große ARD-Sender mehr und mehr aus der Kinokoproduktion zurückziehen.

epd Kinokoproduktionen gehören für die deutschen Fernsehsender seit Jahrzehnten zur gelebten Praxis. Beim WDR zum Beispiel kamen bislang in der Regel auf 20 bis 30 Projektanträge pro Jahr sechs beschlossene Finanzierungen. Die Entscheidungen fällten die Fernsehfilmredaktionen in halbjährlich stattfindenden Runden, branchenintern Kinokoproduktionssitzungen genannt. Das ist jetzt beim WDR zumindest vorerst Geschichte. Als im Januar 2022 in Köln zum zweiten Mal in Folge die Kinokoproduktionssitzung ausfiel, nahm der Regisseur Dennis Todorovic („Sascha“; „Schwester Weiß“), der auch Professor für Stoffentwicklung an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf ist, dies zum Anlass für einen Buchbeitrag. Für ein Projekt mit dem Arbeitstitel „Five songs for the patriarchy“ hatte er selbst einen Finanzierungsantrag für die Sitzung beim WDR gestellt.

In dem Text, erschienen Ende Juli in dem vom Filmbüro Nordrhein-Westfalen herausgegebenen Band „Achtung, Achtung, hier spricht das Filmbüro! 42 Jahre unabhängiger Film“, geht er unter anderem auf das Schreiben ein, das der WDR nach dem Ausfall der Sitzung schickte. Der Sender sehe sich „unter den Umständen und der digitalen Transformation“ gefordert, „das bisherige Entscheidungsverfahren zu überprüfen und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen“, zitiert Todorovic. Sein Fazit: „Für Filmschaffende in unserer förderabhängigen Branche ist das natürlich besonders bitter. Wer wie ich schon mal einen kleinen Kinofilm ohne Senderbeteiligung gestemmt hat, der weiß, wie sich die heiße Herdplatte anfühlt, und möchte sie eigentlich nie wieder anfassen.“

Ungeschriebenes Gesetz

Hätte die Sitzung im Januar stattgefunden und die Runde seinen Antrag bewilligt, hätte er mit einer Koproduktionssumme von voraussichtlich 500.000 Euro rechnen können, sagt Todorovic dem epd. „Five songs for the patriarchy“ liege vorerst „auf Eis“, sagt er. Zwei Länderförderungen hätten nach dem Ausfall der WDR-Runde eine Beteiligung abgesagt. Dass die Filmförderungen der Länder nicht in ein Projekt einsteigen, wenn die Zusage eines öffentlich-rechtlichen Senders fehlt, ist ein ungeschriebenes Gesetz - auch wenn die Förderer auf dem Papier unabhängig entscheiden.

Todorovics Offenheit ist ungewöhnlich. „In der Branche ist Angst verbreitet - gegenüber den Redakteuren und den Förderern. Gegenüber Redakteuren geben sich Filmemacher bei öffentlichen Diskussionen oft geradezu unterwürfig. Dabei sind sie doch die Kreativen, sie haben die Karten in der Hand“, sagt Ellen Wietstock, Herausgeberin des filmpolitischen Informationsdienstes „Black Box“.

Dabei wäre angesichts der Kinomüdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen eigentlich lauter Protest angebracht. 2017 beauftragten oder beteiligten sich die ARD-Landesrundfunkanstalten und die Degeto noch an insgesamt 34 Kinospielfilmen, 2020 und 2021 dagegen nur noch an jeweils elf - das geht aus einer Auswertung der Datenbank „Crew United“ hervor. Ein weiteres Beispiel: Laut dem vom WDR für das Jahr 2020 veröffentlichten Bericht zu „Auftrags- und Koproduktionen mit unabhängigen und abhängigen Produzent*innen“ (der für 2021 liegt noch nicht vor) sank die jährliche Finanzierungssumme des Senders für Kinofilme von 8,4 Millionen Euro 2016 auf 3,38 Millionen 2020 - wobei man aber berücksichtigen muss, dass der Bericht nur Projekte erfasst, bei denen der WDR die Federführung hatte.

Auf die Frage des epd, warum derzeit keine Kinokoproduktionssitzungen stattfinden, schreibt Alexander Bickel, Leiter des WDR-Programmbereichs Fiktion: „Die Pandemie hat leider zu vielen Verzögerungen in der Finanzierung und damit zu zahlreichen Produktionsverschiebungen im Bereich Kino geführt. Dadurch sind unsere Kinoetats für dieses und das kommende Jahr durch bereits bewilligte Projekte belegt. Sobald abzusehen ist, dass und wann diese Projekte realisiert werden und wir wieder über freie Etats verfügen können, wollen wir natürlich auch wieder in Stoffsitzungen über Projekte entscheiden.“

Man kann aber nicht sagen, dass die audiovisuelle Produktion wegen der Pandemie stark eingeschränkt worden wäre. Insgesamt seien „die Investitionen der größten Auftraggeber“ in den Jahren 2019 bis 2021 stabil geblieben, so die Marktforschungsfirma Goldmedia in einem von der Filmförderungsanstalt (FFA) beauftragten Gutachten zu den „Auswirkungen der Entwicklung der Plattformökonomie auf audiovisuelle Produktionen in Deutschland vor dem Hintergrund einer möglichen Investitionsverpflichtung“. Bei der ARD stiegen die Ausgaben 2020 demnach sogar auf 857,1 Millionen Euro (2019 waren es noch 845,4 Millionen).

Aber die insgesamt steigenden Budgets wanderten „als Folge des Streamingbooms“ vermehrt in die Produktion serieller Formate für VOD-Plattformen„, wie Goldmedia wenig überraschend konstatiert. Die Investitionen in Kinofilme in Deutschland sanken laut der Studie dagegen 2020 um mehr als 50 Prozent auf insgesamt rund 300 Millionen Euro. Damit liege Deutschland “deutlich hinter Großbritannien und Frankreich". In Großbritannien wurden laut dem Gutachten 2020 immerhin noch 1,5 Milliarden Euro in Kinofilme investiert.

Kulturpolitischer Beitrag

Todorovic stellt in seinem Buchbeitrag mit bitterem Sarkasmus fest: „Unter dem großen Druckbeschleuniger Covid möchte nun wirklich der gesamte Nachwuchs (alle unter 50) lieber nur noch Streamingdienste bedienen und lediglich ein paar Babyboomer im Fernsehen scheinen unbeirrt Programm für ihre Elterngeneration (!) zu machen. Und nun verabschiedet sich also auch das Fernsehen vom Kino. Noch vor den letzten Zuschauern.“

Aber ist das Modell „Kinofilm mit Senderbeteiligung“ tatsächlich ein Auslaufmodell? Barbara Biermann, Leiterin der Hauptabteilung Fiktion und Familie beim SWR, sagt dazu: „Die Sorge, dass die Fernsehanstalten in diesem Bereich nicht genug machen, besteht ja schon länger. Aber für den SWR kann ich nicht bestätigen, dass in den letzten zwei Jahren eine Verschiebung zu Lasten der Kinokoproduktionen stattgefunden hat.“ Als Ende Juni „Nicht ganz koscher - Eine göttliche Komödie“ mit dem Fritz-Gerlich-Preis ausgezeichnet wurde, teilte der koproduzierende Bayerische Rundfunk in einer Pressemitteilung mit, er verstehe seine „redaktionelle und finanzielle Beteiligung“ als „wichtigen kulturpolitischen Beitrag“.

Und WDR-Manager Bickel betont, in der Mediathek seien Kinofilme „mit ihrer besonderen Handschrift, mit Themen, Perspektiven und Erzählweisen, die es in der linearen Primetime weniger gibt, ein Angebot mit hoher Strahlkraft“. Diese „Strahlkraft“ wird aber kaum den von Todorovic skizzierten Braindrain von Kreativen und technischen Fachkräften aus dem Kinofilm zu den Serien mildern. Schließlich sind Serien aufgrund ihres größeren Produktionsvolumens finanziell reizvoller.

Zudem lässt sich die von Bickel vertretene Haltung kaum in Einklang bringen mit der fehlenden Wertschätzung der öffentlich-rechtlichen Sender für den Kinofilm, die in anderen Bereichen des Programms auch jenseits der Koproduktionspolitik zum Ausdruck kommt. „Das Fernsehen sollte dem Kinofilm als eigene Gattung wieder eine höhere Bedeutung beimessen“, sagt Ellen Wietstock. Sie denkt an ein regelmäßiges Format, das dafür sorgt, dass die Namen maßgeblicher Filmemacher ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gelangen. „Dass sich die Leute zum Beispiel sagen: Ah, Christian Petzold hat einen neuen Film gemacht. Da sollte ich vielleicht reingehen.“

Mehr Geld für Serien

Eine „ernstzunehmende Kinosendung“ gebe es im Fernsehen schon seit vielen Jahren nicht mehr, kritisiert Wietstock. Solch eine Sendung müsse kein Magazin sein: „Warum schafft man nicht ein Format, in dem man regelmäßig vier, fünf Leute über Filme diskutieren lässt?“, fragt sie. So etwas zu produzieren, sei doch relativ kostengünstig. Nach diesem Prinzip funktioniert tatsächlich die Sendung „Filmgorillas“ mit Steven Gätjen, die vom ZDF für die Mediathek produziert wird und am Freitag nach Mitternacht auch im Hauptprogramm zu sehen ist.

Die sinkende Bereitschaft der Sender, in Kinokoproduktionen zu investieren, wird noch dadurch verstärkt werden, dass die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM) das Volumen des German Motion Picture Fund (GMPF) Anfang Mai noch einmal erhöht hat. 90 Millionen Euro Steuermittel stehen für dieses noch relativ neue Fördermodell, das Ende Dezember 2015 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, nun zur Verfügung. Prinzipiell können zwar vom GMPF, der anfangs beim Bundeswirtschaftsministerium angesiedelt war, auch Spielfilme gefördert werden, zwischen 2016 und 2019 war das noch dreimal der Fall (wobei in diesem Zeitraum insgesamt 38 Projekte bewilligt wurden). Danach sind keine GMPF-Gelder mehr in Spielfilme geflossen. So trägt auch dieses Förderinstrument wesentlich zum Serienboom bei.

Die AG Verleih - Verband unabhängiger Filmverleiher kritisierte nach der Erhöhung Anfang Mai, es werde nun weiteres Geld „gepumpt“ in „einen durch die Pandemie geradezu gestärkten und bestens funktionierenden Markt, in dem weltweit Milliarden Euro privates Kapital zur Verfügung stehen“ - während Verleiher coronabedingt, aber auch wegen des „kreativen Abflusses“ weg vom Kino in Richtung Streamingproduktionen „massiv unter Druck“ stünden.

Vom epd darauf angesprochen, entgegnete eine Sprecherin der BKM, die AG Verleih lasse in ihrer Kritik am GMPF „unerwähnt“, dass die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien die Verleiher in der jüngeren Vergangenheit auf mehreren Wegen unterstützt und zum Beispiel „im Rahmen von 'Neustart Kultur' mit zahlreichen und hochbudgetierten Maßnahmen auf den pandemiebedingten Förderbedarf der Verleihunternehmen reagiert“ habe.

Nutznießer Netflix

Welche Produktionen haben vom GMPF bisher am stärksten profitiert? Die höchste Einzelsumme (jeweils 10 Millionen Euro) gingen an die von Baran bo Odar („Dark“) inszenierte Geschichtsserie, die noch in diesem Jahr bei Netflix starten soll (Produktion: Dark Ways 1899), sowie „Constellation“, eine von Apple TV in Auftrag gegebene Psychothrillerserie, bei der Michelle MacLaren („Breaking Bad“) und Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) Regie führen (Produktion: Electric Eye GmbH, Start: 2023). In die vier Staffeln von „Babylon Berlin“ (Sky/ARD) flossen aus dem GMPF insgesamt 16,2 Millionen Euro.

Die subventionsartigen Eingriffe durch den GMPF tragen dazu bei, die frappante Habitualisierung des seriellen Guckens noch zu forcieren. Die Förderpraxis wirft die Frage auf, warum zum Beispiel Amazon, das einen Großteil der deutschen Gewinne in der Steueroase Luxemburg versteuert, und Netflix, das in Deutschland von einer sehr geringen Steuerquote profitiert, von hiesigen Steuergeldern profitieren.

Wird denen Geld gegeben, die es gar nicht brauchen? Nein, sagt die Sprecherin der BKM. Antragsberechtigt seien schließlich die „Produktionsunternehmen selbst, nicht jedoch die Anbieter von Video-on-Demand-Diensten“. Das ist formal natürlich korrekt. Dass unter den Plattformen und Sendern, die 2021 indirekt vom Geld der BKM profitierten, Netflix mit 16,2 Millionen Euro auf die höchste Gesamtfördersumme kam, ist aber mehr als eine Randnotiz wert.

Was bedeutet das für Filmemacher und Produktionsfirmen, wenn die Sender noch mehr Geld in Serien und weniger Geld in Kinoproduktionen investieren? „Auf lange Sicht“ sei es „für die Langform vielleicht gut“, wenn sich die Sender zurückzögen, aber kurzfristig sei das Überleben einiger Branchenteilnehmer gefährdet, sagt Dennis Todorovic dem epd. „Vielleicht haben wir zu lange am Tropf der Öffentlich-Rechtlichen gehangen, und jetzt läuft er aus.“ Es könne aber auch eine „Chance“ bedeuten, „wirklich mal künstlerisch frei zu sein“. Hier schwingt die Jahrzehnte alte, nicht immer zutreffende Kritik mit, die Redaktionen der Sender würden die künstlerische Freiheit von Regisseuren beschneiden.

Private Förderung

Die Chance auf Freiheit, so Todorovic, gebe es aber natürlich nur, wenn sich die Finanzierung für einen Film anders als bisher aufbringen ließe, etwa durch Crowdfunding oder Kunststiftungen und „vor allem private Gelder“. In Deutschland private Gelder zu akquirieren, sei derzeit noch „besonders schwierig“, sagt Todorovic.

Anders zum Beispiel als in Großbritannien, wo ein „steuerliches Incentive-Modell für den Filmsektor“ dazu beitrage, „ein Umfeld zu schaffen, in dem Investitionen aus privaten und öffentlichen Quellen in Film- und Fernsehstudios vorangetrieben werden“. So formuliert es zumindest der Bitkom, der Branchenverband der Informations- und Telekommunikationsbranche. Die Organisation, bisher nicht unbedingt als klassischer Interessenvertreter der Filmwirtschaft aufgefallen, hat Ende Juli das von ihr beim Beratungsunternehmen Deloitte in Auftrag gegebene Gutachten „Tax Incentives im deutschen Film- und Serienproduktionsmarkt“ vorgelegt.

Das Gutachten analysiert „erfolgreiche steuerliche Anreizmodelle im Vereinigten Königreich, Spanien und Ungarn“ und empfiehlt die Einführung solcher Instrumente für Deutschland. Als Bemessungsgrundlage für Deutschland schlagen die Autoren 80 Prozent der Herstellungskosten vor. Finanziert werden soll das künftige deutsche Fördermodell nach ihren Vorstellungen über eine „Erhöhung des Körperschaftssteueraufkommens“. Die Länderförderungen wollen die Gutachter auch in der neuen deutschen Filmförderwelt erhalten sehen, der GMPF fällt nach ihren Vorstellungen aber weg.

Standortpatriotismus

Das Steueranreizmodell habe beispielsweise in Großbritannien und Ungarn für einen Boom in der Filmbranche gesorgt, sagt Alfred Holighaus, Development Executive bei der Real Film Berlin und ehrenamtlicher Vorstand beim Kuratorium junger deutscher Film. Das Gutachten, das der Bitkom auf den Weg gebracht hat, ist aufgrund seiner detailreichen Analysen internationaler Förderpraktiken allemal instruktiv. Der manchmal etwas standortpatriotische Sound - „Während Länder wie das Vereinigte Königreich, Spanien oder Ungarn schon heute von solchen Modellen profitieren, muss und kann Deutschland jetzt aufschließen“ - trägt aber nicht unbedingt dazu bei, die Kraft der Argumentation zu stärken.

Alfred Holighaus geht davon aus, dass in der Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG), die am 1. Januar 2024 in Kraft treten soll, „privates Geld ein sehr großes Thema werden wird“. Nachdem die Kulturstaatsministerin Claudia Roth beim Produzententag im Mai eine „richtige Novelle“ angekündigt hatte, dämpft eine Sprecherin von Roths Behörde nun aber die Hoffnung auf einen großen Wurf: „Angesichts der Marktverwerfungen durch die Covid-19-Pandemie sowie des hohen Reformbedarfs in der deutschen Filmförderung wird aktuell von verschiedenen Akteuren der deutschen Filmbranche eine unveränderte Verlängerung des laufenden FFG vorgeschlagen“, sagte sie dem epd. „Hierzu stimmt sich die BKM zurzeit hausintern ab.“

Aus epd medien 36/22 vom 9. September 2022

René Martens