Angemessener Spielraum

Der Wert der Unterhaltung im Fernsehen

Was ist Unterhaltung? Auf jeden Fall mehr als eine bunte Zuckerglasur, mit der die vermeintlich bittere Pille der Information im Fernsehen verpackt werden muss, damit sie geschluckt wird. Das Spiel öffnet Räume, Unterhaltung gibt dem Publikum die Möglichkeit, sich einzufühlen und tiefer mit Haltungen und Themen auseinanderzusetzen. Unsere Autorin, die Fernsehkritikerin Heike Hupertz, plädiert für einen vielfältigen und ganzheitlichen Unterhaltungsbegriff, der endlich auch Schluss macht mit der überkommenen Trennung von E und U in der Kultur. Der Beitrag basiert auf einem Impulsvortrag, den die Autorin ursprünglich bei einem Werkstattgespräch des Grimme-Instituts zum Wert der Unterhaltung am 22. Oktober halten sollte. Ein weiteres Werkstattgespräch dieser Reihe fand am 22. November statt, das letzte soll am 29. November folgen.

epd Wozu braucht man eigentlich Unterhaltung in öffentlich-rechtlichen fernsehgemäßen Angeboten? Man kann der Ansicht sein, dass die verfassungsrechtlich garantierte Unterhaltung, ob fiktional oder non-fiktional, eine reine Dienstfunktion hat. Wer so argumentiert, hält Unterhaltung für Verpackung von Inhalten, die auch unabhängig von ihrer Verpackung existieren, aber eben der Vermittlung bedürfen. In diesem Sinne ist Unterhaltung bloßer Umweg. Ist der Inhalt ausgepackt, dann kann das Drumherum weg. In einer idealen Welt der Verständigung, in der das Modell von Sender und Empfänger reibungslos funktionierte, bräuchte man keine Unterhaltung, außer zum Abschalten. Sie wäre genuin gedankenlos, hätte keinen Eigenwert und damit auch keinen Wert. Außer dem heuristischen. Unterhaltung wäre sogar wertvermittlungs-kontraproduktiv, weil ihre inhärente Mehr- oder Vieldeutigkeit zu unterschiedlichen Ansichten einlädt und somit Missverständnisse ermöglicht. Oder?

Kindern erzählt man so lange Märchen, bis sie „das Eigentliche“ „von selbst“ begreifen. Also sollten sich die Märchen irgendwann erledigt haben. Spätestens, wenn die meisten beim Eigentlichen, etwa bei der Information, angelangt sind.

Einfühlung ermöglichen

Unterhaltung so verstanden wäre dann bloß noch etwas für Nachzügler, böse ausgedrückt für Ungebildete. Für sie braucht es „niedrigschwellige Angebote“. Larifari und Trallala. Man muss sicher nicht jede Unterhaltungssendung im linearen Fernsehen oder auf anderen Verbreitungswegen verteidigen. Bei Formaten wie dem Nackedei-Dating von „Adam sucht Eva“ (RTLzwei) etwa ist (Mehr-)Wert schwer zu finden.

Dennoch: Die Arroganz dieser Einstellung ist so weit verbreitet wie falsch. Sie geht von einer Perspektive des Besser-Wissens aus und ist per se hierarchisch. Divers und zeitgemäß sieht anders aus.

Woher kommt es, dass wir „das Eigentliche“ im Märchen kaum beurteilen können, wenn wir erfahren haben, dass da ein Junge und ein Mädchen in den Wald gehen, nachts, im Haus einer alten Frau Zuckerwerk beschädigen, die Bude säubern müssen und es ein Vorkommnis mit offenem Feuer gibt? „Hänsel und Gretel“ begreift man so nicht. Man begreift das Leid nicht, nicht die Furcht, die die Kinder begleitet. Man begreift nicht ihre Angst, ihren Hunger, ihren Mut, die Beherztheit ihres Plans, die Überwindung. Der Zugang zur Motivation ihres Handelns ist verschlossen. Empathie findet nicht statt.

Empathie in diesem Sinn ist nichts Gefühliges, sondern macht Gedanken und Einschätzungen erst - mit besonderer Verfahrensweise der Vermittlung von Individuellem und Allgemeinem - möglich. Reines Begreifen mag es in abstrakten Formen der Mathematik geben - menschlich ist es nicht.

Um den Wert der Unterhaltung näher bezeichnen zu können, ist es unerlässlich, sich wenigstens kurz mit Verstehensprozessen auseinanderzusetzen. Konzepte gibt es hier viele, aber die meisten (insbesondere gängige Sender-Empfänger-Modelle) unterbieten in eklatanter Weise das Niveau, das die philosophische Disziplin der Ästhetik seit dem 18. Jahrhundert in mannigfachen Varianten und besonders seit Schillers Verarbeitung der Kantischen Gedanken der „Kritik der Urteilskraft“ erreicht hat.

Man mag dies für einseitig westliche Denktradition halten und unter Vorbehalt stellen. Man kann aber auch konstatieren, dass Friedrich Schillers „Briefe über Ästhetik“ Spielvorstellungen entfalten, die zum Wert der Unterhaltung eine Menge und Wesentliches zu sagen haben. Zentral ist hier die Vorstellung, dass der Mensch nur da „ganz Mensch“ ist, „wo er spielt“. Der Zustand des „interesselosen Wohlgefallens“, so die Ästhetik der Aufklärung, die später in der geistesgeschichtlichen Epoche der Romantik radikalisiert wird, ist Voraussetzung, um ganzheitlich-menschliche Erfahrungen zu machen, die als Motivation Grundlage des Handelns werden (können).

Wo der Mensch „spielt“, und sich in diesem Zustand des „Als-ob“ (Kant) als Wirklichkeit und Möglichkeit zugleich begreift, ist Freiheit möglich. Freiheit als „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ ist die Voraussetzung von überlegter Veränderung. Das Spiel ist, so verstanden, jedem und jeder zugänglich und grunddemokratisch. Die Spielenden wissen um die Regeln und gestalten sie - im Idealfall - für die Zukunft weiter.

Von solchen theoretischen Grundsätzen zum Thema „Diversität in der Unterhaltung“ ist es nur ein Katzensprung - oder eine Folge „Princess Charming“ bei Vox. Oder ein Blick auf die 14. Staffel von „Let's Dance“ bei RTL, in der der „Prince Charming“ von 2019, Nicolas Puschmann, mit dem Profitänzer Vadim Garbuzov nicht nur als Mann-Mann-Paar tanzte, sondern auch nach den Regeln des „Equality Dancing“. Außerhalb des Paartanzsports kannten diese Praxis der Diversität bis vor kurzem wohl wenige. Kerstin Ott, offen lesbische Schlägersängerin, die zuvor schon bei „Let's Dance“ mit einer Frau tanzte - mit wenig Spaß und nach einigen Folgen das Handtuch werfend - mühte sich sichtlich, trotz mangelnder Tanzpraxis die führende Rolle zu übernehmen. Garbuzov, der schon vorher in der österreichischen Ausgabe mit einem Mann als Partner auftrat, und Puschmann stellten sich der Aufgabe.

Spaß, Talent und Respekt

Beim „Equality Dancing“ führt mal der eine, mal der andere Partner. Innerhalb eines einzelnen Tanzes, was bedeutet, dass jeder beide Parts lernen muss. Beide müssen beide Rollen erfüllen. Puschmann erklärte darüber hinaus im Freitagabend-Familienprogramm von RTL eindrücklich, warum es für ihn wichtig ist, als schwuler Mann auch mit einem Mann zu tanzen. Dass er sich in der Rolle des Verführers und in erotischer Hinsicht eben keine Frau als Partnerin vorstellen könne. In den Einspielern fand er die richtige, massenkompatible Balance von ernstem Aktivismus, Spaß, Talent und Respekt vor der Aufgabe, in wenigen Wochen Hochleistungssport zu erlernen.

Am Ende wurden Puschmann und Garbuzov Dritte, sie wurden von Woche zu Woche von sehr vielen Zuschauern weiter gewählt. Garbuzov, ein Künstler seines Fachs, kreierte für beide Choreografien voller Poesie, Artistik und Witz. Im Finale aber nahm sich Puschmann etwas heraus: Seine „Rocky-Horror-Picture-Show“ durchbrach das bis dahin etablierte Muster vom schwulen tanzbegabten Schwiegermutterliebling. Als „Sweet Transvestite“ setzte er ein Zeichen für die Community. Sein Finale war sexyer und offenherziger als alles, was die Sendung trotz ihres Jurors Jorge Gonzalez bislang geboten hatte. Wer RTLs Diversitätsoffensive für bloßes medienpolitisches Kalkül hält, möge hier noch einmal genauer hinschauen.

Es kann aber auch sein, dass es manchen schwer fällt, die (medien-)politische Dimension bunter Fröhlichkeit überhaupt zu erkennen. Wer schunkelt, steht unter Einlullungs-Generalverdacht. Dabei kann es sein, dass eine Schlagerparade von Florian Silbereisen, bei der Regenbogenfahnen geschwenkt werden und ein lesbischer Heiratsantrag Ereignis wird, zur Diversitätseinstellung eines breiten Publikums viel beiträgt.

Glitzernde Schlagerparade

An anderer Stelle hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Mehrwert solcher Veranstaltungen erkannt, feiert ihn: Was ist der „Eurovision Song Contest“ anderes als eine mehrnationale Schlagerparade? Vielleicht ist noch nicht recht aufgefallen, dass die nationalpolitischen Imageanstrengungen, die die Teilnehmenden hier zum Besten geben, ohne das bunte Geglitzer und die Vielfalt der Auftretenden den Charme eines altmodischen Erdkunde- oder Gemeinschaftskunde-Unterrichts hätten.

Bei Jux-und-Dollerei-Verdacht aber soll bald Schluss mit lustig sein. Jedenfalls im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn es nach dem von den Ländern kürzlich veröffentlichten „Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ geht (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). „Die öffentlich-rechtlichen Angebote haben [im Schwerpunkt] der Kultur, Bildung, Information und Beratung zu dienen“ steht im Entwurf unter § 26 „Auftrag“ und: „Unterhaltung, die einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entspricht, ist Teil des Auftrags.“ Das lässt Einiges befürchten für den Eigenwert der Unterhaltung bei ARD und ZDF. Wenn sie „im Schwerpunkt“ der Kultur, der Bildung, der Information und Beratung dienen soll, mutiert sie zum reinen Vehikel.

Das müsste die privaten Mitspieler und Streaminganbieter eigentlich in Verzückung versetzen. Das Spielfeld des Verspielten, Mystischen, das auf den ersten Blick Abseitige, das Innovative, dessen Anwendungsnutzen noch nicht recht sichtbar ist (oder auf den absichtlich verzichtet wird) bekommen sie nun ganz. Theoretisch. In der Praxis wird man sich darüber endlos streiten, was der Kultur (insbesondere dieser, aber welcher?) und der Bildung dient. Diversität und Vielfalt werden noch wichtiger werden. Theoretisch. In Arbeitsgruppen und Gremienbewertungen. Qualitätsdiskurse werden noch wichtiger werden - und vermutlich noch oberflächlicher. Wer findet, Qualitätskriterien seien leicht zu formulieren oder eine interessante Produktion sei leicht zu bewerten, die oder der täuscht sich.

„Let's Dance“ etwa, die diverseste Sendung im deutschsprachigen Fernsehen, könnte es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht geben. „Besonders verliebt“, eine Dating-Show für Menschen mit Handicap, in der die Teilnehmer auch über ihre Wünsche an die Zukunft und ihre Vorstellungen von Partnerschaft reden, und so als Individuen ernst genommen werden, statt als Objekte angeschaut, gibt es nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern bei Vox. Genau wie „Das perfekte Dinner“, ein Unterhaltungsformat, in dem während der „#VoxforWomen“-Themenwoche Anfang November Hana, eine Transaktivistin, von „Female Empowerment“, von ihrem Kampf um Rechte und die Anerkennung als Trans-Frau berichtete, während sie Pastateig herstellte und Ravioli füllte.

Wertschätzende Worte

Dass „Deadname“ der abgelegte Name des „falschen“ Geschlechts ist und wie zwiespältig es sein kann, auf Kinderfotos dem früheren Selbst zu begegnen, erfuhr man hier beiläufig, aber nachdrücklich. Später, bei Tisch, hatte die diverseste Runde, die je in einer Kochshow mitwirkte, viel zu besprechen. Einerseits über die Herausforderungen veganen Kochens und den perfekten Garpunkt, aber auch über die Erfahrung, seit Jahren eine Fahrschule nur für Frauen zu leiten (Silvia), soziale Projekte für Migrantinnen anzustoßen (Manik), Geburtsmomente auf besondere Weise festzuhalten (Esther) oder Frauen bei der Selbstdarstellung zu coachen (Gerrit).

Bei „Shopping Queen“ von Guido Maria Kretschmer, wo „Plus Size“-Frauen stets mit wertschätzenden Worten zum Klamottenkaufen geschickt werden (für manche ein Alptraum), ging es anlässlich des Themenschwerpunkts eine Sendewoche lang nur um „Body Positivity“.

Die ARD-Themenwoche stand in diesem Jahr unter dem Vorzeichen „Stadt.Land.Wandel“. Auch ein wichtiges Thema (epd 46/21). Wer erinnert sich an die beeindruckendsten Produktionen dieser Woche?

Diversität in der Unterhaltung kann sich auch auf Berufsgruppen erstrecken. Wie die Erzeugung von Aufmerksamkeit durch Kontextverschiebung in der Unterhaltung funktioniert, haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei ProSieben mit sieben Stunden erspielter Sendezeit zum Pflegenotstand (#nichtselbstverständlich) gezeigt und dafür schon mehrere Fernsehpreise erhalten.

Auch „Showtime of my Life - Stars gegen Krebs“ verband bei Vox ein selten bespieltes Thema, die Brustkrebsvorsorge, gelungen mit Entertainment. Selbst „Die Herzblut-Aufgabe. Promis in der Pflege“ (Sat.1) hatte trotz manchmal schwer erträglicher Emotionendichte starke Momente.

Bei ARD und ZDF gab es zahlreiche Informationssendungen und Dokumentationen zum Thema Pflege. Es geht nicht darum, diese Produktionen gegen Unterhaltungsformate auszuspielen. Wer „Charité intensiv“ (ARD/RBB) von Carl Gierstorfer gesehen hat, wird sich wohl nicht unmittelbar darauf für „Die Herzblut-Aufgabe“ begeistern. Aber beide Formate haben ihre Berechtigung und ihren Wert. Vom Wunsch, bei der Gesundheits- und Medizinvermittlung im Sinn des Auftrags „alles richtig“ zu machen, zeugen Formate, in denen der Leibarzt der ARD, Dr. Hirschhausen, auf „Die Maus“ trifft. Ohne den Protagonisten zu nahe zu treten: So sieht vermutlich die ideale Unterhaltung nach den Vorstellungen der Rundfunkkommission aus: Ein Vehikel für Themen.

Vielfalt und Individualität

Neben der non-fiktionalen Unterhaltung steht die fiktionale Unterhaltung. Wo Unterhaltung und Zerstreuung noch Gemeinsamkeit stiften, spricht mancher der Fiktion, dem Fernsehspiel, der Serie, den Wert oft ganz ab. Denn auch in der öffentlich-rechtlichen Fiktion sind Erklärblöcke aus der Mode gekommen. Existenzberechtigung lässt sich da im Allgemeinen noch am besten aus den „kulturellen Bedürfnissen“ extrahieren. Dabei gibt die Fiktion (die manche am liebsten nicht unter Unterhaltung subsummieren möchten) doch die beste Gelegenheit, Themen, Haltungen und Vorstellungen durchzuspielen.

Geschichten haben den Vorzug, zugänglich zu sein. Ihre Konkretion zeigt das Unvergleichliche, Eigentümliche, nicht Ersetzbare oder Sonderbare im besten Fall auf empathische Weise. Fiktion ist also auf einzigartige Weise fähig, Vielfalt wie Individualität zu umfassen. Eine gute Geschichte geht in ihrem Thema nicht auf. Sie bildet in dem, wie sie etwas abbildet, auch sich selbst ab, öffnet ihren Horizont im Hinblick auf arbiträren „Bedeutungsüberschuss“. Sie ist als gute Geschichte glaubwürdig, aber man wird mit ihr nicht leicht fertig. Sie gibt zu denken, statt das Denken dicht zu machen, und lädt zur Auseinandersetzung ein.

In diesem Sinn sind Narrative gesellschaftsbildend. Gesellschaft bildet sich durch Narrative, mehr noch im Diskurs über ihre Narrative. In punkto Vielfalt und Diversität (von Drehbüchern, Rollen und On-Screen-Besetzung, aber auch hinter der Kamera) ist der Nachholbedarf besonders auffällig, wenn man im Vergleich nach Großbritannien oder Skandinavien blickt.

Der Qualitätsdiskurs, der in Zukunft verstärkt notwendig sein wird, ist ohne einen Vielfaltsdiskurs unsinnig. Die Serie „Loving Her“ (ZDFneo) mag eine niederländische Adaption sein, die deutsche Umsetzung eines Reigens lesbischer Liebesbeziehungen steht ihr an Unterhaltungswert nicht nach. „All You Need“ (One/ARD Degeto) dagegen wünscht man in der zweiten Staffel den Mut, noch verspielter und selbstverständlicher zu werden. Der Serie mit schwulen Hauptdarstellern merkt man die gute Absicht sehr an, ebenso wie das Bedürfnis, bestimmte Diskriminierungserfahrungen der Macher zu transportieren.

Der bemerkenswerte Fernsehfilm „Unser Kind“ (ARD/WDR, Kritik in epd 46/18) zeigte, wie sich Engagement für die Rechte gleichgeschlechtlicher Eltern mit einer spannenden Handlung besser verbinden lassen. Selbst in einer RTL-Gebrauchsserie wie „Sankt Maik“ (mit Daniel Donskoy, Kritik in epd 4/18) zeigt ein betrügerischer Pfarrer in diversen Farben des moralischen Spektrums, dass christliche Kirche attraktiv sein kann, wenn sie nach vielfältigerem Personal sucht.

Zur Diversität gehören eben nicht nur LGBTQ+, Persons of Color und Frauen-Gleichstellungsthemen, es geht um Menschen mit Handicap wie in „Tonis Welt“ bei Vox, um körperliche und soziale Verschiedenheiten, auch um Stadt und Land, Jung und Alt und so weiter. Das Feld ist weit und wird weiter, aber es bleibt ein gemeinsames Feld. Es geht nicht darum, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegen die Privaten oder Streaminganbieter auszuspielen. Es wäre allerdings fahrlässig für die Zukunft und die Akzeptanz derjenigen, die ihre öffentliche Aufgabe wahrnehmen, die „niedere“ Unterhaltung und die modern erzählte Fiktion allein den anderen zu überlassen. Das Ergebnis wäre Selbst-Marginalisierung.

Die falsche Gewissheit, als öffentlich-rechtlicher Rundfunk sozusagen per Verfasstheit auf dem besten Weg zu sein, ist trügerisch und führt in die Selbstgenügsamkeit. Hierzu gehört auch, die eigenen herausragenden Produktionen als „Leuchttürme“ zu bezeichnen, während die zahlreichen diversen Formatanstrengungen der Privaten als „Einhörner“ (man hat von ihnen gehört, aber hat man sie je gesehen?) quasi diffamiert werden. Erschwerend kommt dazu, dass dem „Zeitvertreib“ - im Pietismus sprach man von „Zeitmord“ - hierzulande immer noch Anrüchiges anhaftet. Aber gerade in der Förderung der Diversität in der Unterhaltung liegt eine besondere Chance, der „freien individuellen und öffentlichen Meinungsbildung“ den angemessenen Spielraum zu geben.

Aus epd medien 47/21 vom 26. November 2021

Heike Hupertz