Entwicklung
Sandra Gonzalez musste vor der Farc von ihrem Bauernhof fliehen, ihr Mann wurde ermordet.
© epd-bild / Natalia Matter
Zu viel Krieg im Gedächtnis
Vertriebene in Kolumbien misstrauen einem Abkommen mit der Guerilla
Bogotá (epd). Sie will nie wieder zurückkehren. "Dazu haben wir zu viel erlebt", sagt Sandra González entschieden. "Das mit dem Frieden klingt sehr schön, aber wer weiß, wie es dann wirklich ist." Die 42-Jährige musste als junge Frau mit ihren drei Kindern in einer Nacht- und Nebelaktion von ihrem Hof im südkolumbianischen Departement Caquetá fliehen. Die Farc-Guerilla hatte ihren Mann gezwungen, Botengänge für die Rebellen zu machen. "Als ich ihn überzeugen wollte, damit aufzuhören, drohten sie mir." Drei Monate später war er tot. "Er hatte gesagt, er steigt aus."

Wie Sandra González geht es etwa sieben Millionen Kolumbianern, die während des über 50-jährigen Krieges zwischen der Armee, mehreren Guerillagruppen und rechtsextremen Paramilitärs fliehen mussten. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Flüchtlinge im eigenen Land. Die bisherigen Vereinbarungen zwischen der Regierung und der Farc, die seit mehr als drei Jahren über einen Friedensvertrag verhandeln, sehen eine Entschädigung der Opfer und eine Rückgabe von Land vor. Noch in diesem Jahr soll das endgültige Abkommen unterschrieben werden.

Doch in Caquetá ist keine Euphorie zu spüren. Das Departement ist Rückzugsort und Hochburg der Farc. Hier tobte der Krieg besonders heftig, hier reorganisierte sich die Guerilla während der gescheiterten Friedensverhandlungen von 2003. "Den Menschen hier blieb das im Gedächnis, sie glauben nicht an die Ernsthaftigkeit der jetzigen Verhandlungen", sagt Raúl Sotelo Díaz, Direktor der lokalen Hilfsorganisation CorpoManigua, die mit Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe Vertriebenen hilft.

Dass die Gewalt seit Beginn der Gespräche so niedrig ist wie in den vergangenen 50 Jahren nicht, vermöge die Menschen nicht zu überzeugen, bedauert Sotelo. "Sie glauben, wenn nicht die Farc sie terrorisiert, tun es andere, wie die Paramilitärs." Tatsächlich seien wieder mehr von den eigentlich ab 2006 entwaffneten, aber neu formierten Gruppen gesehen worden. "Wir haben mehr Angst vor den Paramilitärs als vor der Farc, die sind viel skrupelloser."

Manche, wie Esaú Albis, können sich vorstellen, in Zukunft Tür an Tür mit ihren Peinigern von der Farc zu leben. Auch er musste überstürzt fliehen, mit nur einem Rucksack mit dem Wichtigsten, weil die Rebellen seine damals 12- und 13-jährigen Söhne einziehen wollten. Er ließ seinen zwölf Hektar großen Hof mit Vieh und Gemüseanbau zurück und lebt jetzt in einem der vielen Slums am Rande der Departement-Hauptstadt Florencia. "Ich würde gerne zurückkehren, aber es müsste wirklich sicher sein", sagt Albis. "Ich hege keinen Groll, ich habe auch Fehler gemacht." Sollte er im Frieden früheren Kämpfern begegnen, würde er so tun, als kennte er sie nicht.

Auch Sandra González lebt hier. Statt zurückzugehen will sie jedoch lieber, dass man ihr die paar Quadratmeter überschreibt, auf denen sie jetzt wohnt. Der Bretterverschlag mit Lehmboden und dem kleinen Gärtchen nach hinten beherbergt sie mit ihren mittlerweile fünf Kindern und ihrem Lebensgefährten - das sechste Kind ist unterwegs. Zusammen mit anderen Familien, die nach Florencia geflohen waren, haben sie 2012 das Land am Rande der Stadt besetzt. Laut offiziellen Zahlen sind mindestens 70 Prozent der 180.000 Einwohner Florencias Vertriebene.

"Immer wieder kam die Polizei und hat uns weggejagt", erzählt González. "Sie haben die Hütten in Brand gesteckt, aber wir sind immer zurückgekommen." Aus dem Grund haben die Bewohner das Viertel Palo Quemado, verbrannter Pfahl, genannt. Derzeit laufen Verhandlungen mit den drei Eigentümern über einen Verkauf.

Inzwischen wohnen etwa 800 Familien in Palo Quemado, fast alles Vertriebene. Es gibt Strom und fließendes Wasser, aber kein Abwassersystem, weshalb das Dreckwasser der oberen Hütten teilweise durch die unteren in Richtung Tal fließt. Einige Bewohner haben einen Job in der Stadt wie Esaú Albis, oder verkaufen etwas, so wie Sandra González, die Arepas, Maismehlfladen, herstellt. Sehr viele sind auf Hilfe angewiesen.

Um die 150 Familien erhalten diese von CorpoManigua. Lebensmittel, Werkzeuge und Tipps für den Kräuteranbau gehören zum Angebot ebenso wie Kinder- und Frauengruppen und psychologische Betreuung. Denn viele Bewohner von Palo Quemado sind traumatisiert von ihren Erlebnissen. "Die Männer wiederholen die erlebte Gewalt", sagt Sandra Ramírez, Sozialarbeiterin von CorpoManigua. "Viele schlagen ihre Frauen und Kinder." Die schwiegen dann aus Scham, Loyalität, finanzieller Abhängigkeit oder weil ihnen die Kraft fehle für eine Trennung.

Sandra González empfindet Palo Quemado dennoch als ihr Zuhause. "Ich lebe hier ein ganz anderes Leben, wir helfen uns gegenseitig, und wir sind sicher." Nach dem Tod ihres Mannes bat González jemanden, ihr einige Sachen aus dem Haus zu holen, aus dem sie fliehen musste. "Aber es war nichts mehr da."

Von Natalia Matter (epd)