Kirche
In der Ausstellung "Luther und die Deutschen" auf der Wartburg
© epd-bild / Maik Schuck
"Zeichen der Zeit"
Nationale Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" auf der Wartburg eröffnet
Eisenach (epd). Der richtige Termin für die Eröffnung der Nationalen Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" auf der Wartburg in Eisenach war rasch gefunden: Seit Jahrhunderten bestimmt ein Tag den kulturellen Herzschlag der Region. Am 4. Mai 1521 traf Luther, vom Reichstag in Worms kommend, hier ein. Zehn Monate sollte er, als Junker Jörg getarnt, bleiben. Am Ende, im März des Folgejahres, reiste er wieder nach Wittenberg ab. Die Übersetzung des Neuen Testaments im Gepäck.

Diese Episode markiert einen der wichtigsten Momente der Reformation. In Eisenach, auf der Wartburg, ist er ein Festtag. Nun öffnete dort genau 496 Jahre später am Donnerstag, dem 4. Mai, die Nationale Sonderausstellung "Luther und die Deutschen" für das Publikum. In Eisenach selbst, in des Reformators "lieben Stadt", wird anlässlich der Ausstellungseröffnung mit Vertretern aus Partnerstädten, über Konfessionsgrenzen hinweg, mit Musik und Poetry-Slam, gelehrten Disputen und ökumenischen Gottesdiensten bis einschließlich Sonntag gefeiert. Die Festivitäten stehen unter dem Motto "Von der Wartburg in die Welt".

Bis zum Wochenende dürften auf der Wartburg schon zahlreiche Besucher die Nationale Sonderausstellung gesehen haben. In der Lutherstadt werden den Angaben zufolge durchschnittlich 350.000 Gäste in einem normalen Jahr gezählt. Doch 2017, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums, wird in Eisenach mit deutlich mehr Besuchern gerechnet. Ein Grund dafür dürfte auch die Exposition "Luther und die Deutschen" sein.

Rund 300 Exponate illustrieren den Einfluss Luthers auf Gesellschaft, Bildung und Sprache. Sie sind auf gut 1.200 Quadratmetern Fläche in drei Abteilungen aufgeteilt. Die "Wartburg als Lutherstätte" und "Luthers Glaube und sein Einfluss auf Kultur und Bildung" hat Kurator Marc Höchner die ersten beiden genannt. Mit dem Titel "Die politische Instrumentalisierung der Reformation" ist das Abschlusskapitel überschrieben.

Obwohl zwischen den dicken Burgmauern der Platz begrenzt ist, beweist die Ausstellung Mut zur Lücke. Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Großherzog Carl Alexander veranlasste Sanierung der Burg mit ihrem prunkvollen Palastfestsaal und den Fresken des Spätromatikers Moritz von Schwind wurden nicht mit Exponaten verstellt.

So steht der innere Teil der Wartburg auch während der Sonderausstellung für den "katholischen" Teil der Geschichte: die Gründung vor 950 Jahren, den Sängerkieg und - vor allem - das Andenken der Heiligen Elisabeth, der Schutzpatronin Hessens und Thüringens. Daran vorbei zieht der Besucherstrom der Ausstellung durch die Kapelle und das Treppenhaus hinüber zur Vorburg und der Vogtei, faktisch dem "protestantischen" Teil.

Dazwischen thront auf dem Bergfried das große goldene Kreuz für beide Konfessionen. Eine ökumenische Konstante, die nur von den Nazis für ein paar Tage unterbrochen wurde. Auch davon erzählt die Ausstellung.

Für die Besucher zu sehen gibt es vielfältige Exponate: etwa die Bannandrohungsbulle Luthers, das Gründungsprivileg der Jenaer Universität, ein Exemplar der 3.000 gedruckten "Septembertestamente", eine Replik zum umstrittenen, antisemitischen Kunstwerk "Wittenberger Judensau", eine Vorstudie zu Werner Tübkes monumentalen Bauernkriegspanorama im nordthüringischen Bad Frankenhausen oder Luthers Aufzeichnungen nach seinem Verhör auf dem Reichstag zu Worms.

Das Beste haben sich die Ausstellungsmacher auf der Wartburg aber für den Schluss aufgehoben: die Lutherstube. Hier hatte der Reformator ab Dezember 1521 in gut zehn Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Für die Nationale Ausstellung erlebt in dem historischen Raum ein Mythos seine Auferstehung: An der Wand erscheint - zwischen den schriftlichen Hinterlassenschaften der Touristen und gefälligen Theologen-Zitaten - von Zeit zu Zeit mittels Beamer ein ominöse Fleck. Es ist der berühmte Tintenfleck. Er soll von einem Wurf Luthers mit seinem Tintenfass auf den Teufel herrühren.

Luther mag Kirchenspalter gewesen sein und Ketzer, Antisemit ganz sicher und irgendwie auch ein typischer Deutscher. Eines war er aber gewiss: ein begnadeter Sprachzauberer. So muss man sich nach einem Besuch der Nationalen Sonderausstellung nicht als "Memme" fühlen, keiner hat dem Reformator einen "Denkzettel" verpasst. Die Exposition hat "die Zeichen der Zeit" erkannt. Die Macher der Schau müssen kein "Trübsal" blassen, weil sie "Perlen vor die Säue" werfen. Nein, diese Ausstellung hilft "mit Rat und Tat", um nur einige von Luthers Sprachschöpfungen zu nennen.

Von Dirk Löhr (epd)