Soziales
Wo Urlaub ein Fremdwort ist
Washington (epd). Die «Sommerleseliste» hat Tradition in den USA: Das Versandhaus Amazon empfiehlt Urlaubslektüre, Buchhändler tun es ohnehin, und in vielen Tageszeitungen gehört die «summer reading list» zum Füllstoff für das von Redakteuren seit jeher gefürchtete Sommerloch. Ganz oben steht 2013 Bestellerautor Dan Brown mit seinem neuen Roman «Inferno». In der Rubrik Sachbuch führt Astronaut Buzz Aldrin mit seinem Plan, den Planeten Mars zu besiedeln.

Dabei haben viele Amerikaner kaum die Chance auf entspannte Lesestunden im Ferienparadies. 23 Prozent der US-Bürger hätten überhaupt keinen bezahlten Urlaub, stellte das Wirtschaftsforschungsinstitut «Center for Economic and Policy Research» (CEPR) in einer neuen Studie fest.

Besonders schlecht haben es Beschäftigte im Niedriglohnbereich: Nur die Hälfte bekomme bezahlten Urlaub. Durchschnittlich hätten Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft zehn Urlaubstage. Dazu kämen sechs bezahlte Feiertage, darunter Weihnachten, Thanksgiving und der Nationalfeiertag am 4. Juli.

Diese Zustände unterscheiden sich dem Institut zufolge deutlich von der europäischen Urlaubspraxis. Die EU schreibe seit 1993 vor, dass die Mitgliedsstaaten 20 Urlaubstage gewähren müssen. Viele EU-Länder seien weit großzügiger - Frankreich mit 30 Tagen, Großbritannien mit 28, Norwegen mit 25 und Deutschland mit 24. In den USA gibt es dagegen keine gesetzlichen Vorschriften für einen Mindesturlaub.

Bill Clintons einstiger Arbeitsminister Robert Reich forderte jüngst, Beschäftigte sollten mindestens drei Wochen Urlaub im Jahr bekommen. Das wäre gut für alle, auch für die Arbeitgeber, die sich nach guter Erholung ihres Personals mehr Produktivität versprechen könnten.

Viele Arbeitgeber sehen das nicht so. Zum Beispiel Walmart: Der größte Einzelhandelskonzern und größte Arbeitgeber in den USA mit rund 1,2 Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mehr als 400 Milliarden Dollar, knausert mit Urlaubstagen.

Ein Walmart-kritischer Verband hat die Urlaubsrichtlinien des Konzerns ins Internet gestellt. Im ersten Arbeitsjahr dürfe man überhaupt keinen bezahlten Urlaub nehmen. Vom zweiten bis sechsten Jahr bekomme man als Vollzeitkraft bis zu «80 Stunden im Jahr», als Teilzeitler bis zu 40 Stunden. Die Länge berechne sich nach den geleisteten Arbeitsstunden: Vollzeitarbeiter erhielten «0,038462 Urlaubsstunden pro Arbeitsstunde», Teilzeitler 0,019231. Die Presseabteilung des Konzerns erteilte auf epd-Anfragen zur Urlaubsregelung keine Antwort.

Die Historikerin Cindy Aron hat sich mit dem Thema «Urlaub in den USA» beschäftigt. Das Land habe ein ambivalentes Verhältnis zu Erholung und Freizeit, sagte Aron dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das «puritanische Erbe» der Nation mit dem Schwerpunkt auf Arbeit an Werktagen und Gottesdienst am Sonntag sowie Skepsis gegenüber Vergnügen und Freizeit sei zwar in den Hintergrund gedrängt worden, erklärt die Wissenschaftlerin von der Universität von Virginia. Doch ganz ausgerottet seien diese Gedanken nicht: «Sie werden heute niemanden im Kongress finden, der aufsteht und sich stark macht für einen Mindesturlaub.»

«Urlaub» sei in den USA erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts Realität geworden für die heranwachsende weiße Mittelklasse. Eisenbahnlinien wurden gebaut, und wer genug Geld hatte, konnte in die neuen «Hotels am Strand am Ende der Linie» fahren, erzählt Aron. Selbst Kirchen hätten sich mit der Freizeitfrage befasst und Erholungseinrichtungen gegründet, um Urlauber vor sündhaften Gedanken und Tun zu bewahren.

Bei Gewerkschaften stand das Thema «Urlaub» noch nie im Vordergrund ihres politischen Tuns. Sie plagte vielmehr die Sorge, wie mehr Jobs entstehen. Das ist bis heute so. Man darf also vermuten: Viele der Bücher auf der Sommerleseliste bleiben ungelesen.

Von Konrad Ege (epd)