Soziales
Weihnachten - oft eine schwierige Zeit für Kinderlose
© epd-bild/Norbert Neetz
Weihnachten - Tiefpunkt für ungewollt Kinderlose
Am traditionellen Familienfest ist der emotionale Druck besonders groß
Frankfurt a.M. (epd). "Was wäre Weihnachten ohne Kinder?", fragt die Schokoladenfirma Ferrero in der Fernsehwerbung. Ein Beispiel von Tausenden: Kaum ein Spot kommt in der Vorweihnachtszeit ohne eine glückliche Kleinfamilie unter dem Tannenbaum aus. Und auch auf Weihnachtsmärkten, Feiern und in den Kirchen werden Lieder mit und über Kinder gesungen - schließlich geht es am christlichen Weihnachtsfest ja auch um die Geburt eines Kindes.

"Ich will nicht heulend unter dem Baum sitzen, aber wie soll ich das schaffen?!" So verzweifelt schreiben gerade im Advent viele Frauen in Kinderwunschforen. "Weihnachten ist eine besonders schwierige Zeit für Menschen, die sich nach einem Kind sehnen", sagt Franziska Ferber, die in München und online als Kinderwunsch-Coach arbeitet.

Wer sich an sie wendet, leidet sowieso schon an dem unerfüllten Wunsch nach Nachwuchs. Leiden daran, dass Hoffnung über Jahre Monat für Monat enttäuscht wird, obwohl sich ihr ganzes Leben und ihre Lebensperspektive darum dreht. "Ich berate gerade täglich zum Thema Weihnachten", sagt Ferber.

Denn: Unterm Weihnachtsbaum toben die Kinder der Schwester, die wieder schwanger ist. Oder die Oma fragt, wann es denn bei ihnen endlich so weit ist mit dem ersten Nachwuchs. "Viele Leute wollen auch mit gut gemeinten Tipps helfen, die aber oft unglaublich verletzen", sagt die Beraterin, die das auch aus eigener Erfahrung kennt.

Die Feiertage sind Angsttage für ihre Klienten, aber auch die Zeit vor und nach Weihnachten belastet. "Krippenspiele, Werbespots mit strahlenden Kinderaugen: Dem Thema Kinder kann an Weihnachten niemand entkommen", sagt Ferber. "Man wird in der Zeit auch viel häufiger von Bekannten oder unbekannten Menschen auf die Kinderlosigkeit angesprochen."

Ferber erarbeitet mit den Betroffenen persönliche Strategien für die Feiertage: Die Gastgeber rechtzeitig vorher bitten, das Thema zu vermeiden, zum Beispiel. Oder sich andere Gesprächsthemen für jeden Gast überlegen, damit es gar nicht aufkommt. Auch auf die Inhalte von Gottesdiensten und die Weihnachtsbilder in den Städten bereitet sie vor, "damit man gewappnet ist, wenn Verletzendes auftaucht". Die Norm, Kinder zu haben, sei hierzulande sehr ausgeprägt, findet sie. "Und an Weihnachten wird sie besonders stark gespiegelt."

Dabei bleibt in Deutschland mittlerweile jede fünfte Frau kinderlos - auch im internationalen Vergleich ein hoher Wert. "Es ist eine anerkannte Option im Leben, ohne Kinder zu leben", sagt Jasmin Passet-Wittig vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. "Es ist eben auch keine kleine Gruppe, die in Deutschland dauerhaft kinderlos lebt."

Die meisten der 21 Prozent Kinderlosen seien "Aufschieber", sagt Passet-Wittig. "Sie entscheiden sich nie richtig für ein Kind, und dann ergibt es sich nicht." Weil dann eine neue Job-Möglichkeit kommt oder eine Partnerschaft zerbricht. "Wenn sie sich dann später im Leben doch für Kinder entscheiden, kann es sein, dass es auf natürlichem Weg nicht mehr klappt."

Aber nicht alle Kinderlosen haben durchgehend einen Kinderwunsch, "und nicht alle würden sich rückblickend als ungewollt kinderlos sehen", sagt die Sozialwissenschaftlerin. "Kinderwunsch ist eine veränderliche Lebensphase." Etwa zehn Prozent der 20- bis 39-Jährigen gaben in einer repräsentativen Studie zu Familienleitbildern an, aktuell keinen Kinderwunsch zu haben. Eine gesellschaftliche Erwartung, Kinder zu wollen und zu haben, sei dennoch da, sagt die Forscherin. "Das führt an traditionellen Familienfesten auch zu ausgeübten oder gefühltem Druck."

Am Familienfest müssten sich viele Kinderlose rechtfertigen - vor allem Frauen, sagt auch die Münchener Genderforscherin Paula-Irene Villa. "Weiblichkeit, die sich in nicht in Mütterlichkeit erfüllt, wird entweder kritisiert oder bemitleidet." Von diesen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert löse sich die Gesellschaft gerade erst - "obwohl viele längst anders leben".

Von Miriam Bunjes (epd)