Medien
Journalisten und Politiker demonstrierten am 28. Februar vor der türkischen Botschaft in Berlin gegen die Inhaftierung des Journalisten Deniz Yücel.
© epd-bild / Christian Ditsch
Türkische Journalisten im Gefängnis
Frankfurt a.M., Istanbul (epd). Der Fall Deniz Yücel wirft ein Schlaglicht auf die Situation der Pressefreiheit in der Türkei: 155 Medienvertreter sind dort derzeit nach Angaben der türkischen Medienplattform P24 im Gefängnis. Die Türkei ist damit das Land, in dem die meisten Journalisten inhaftiert sind. Laut der US-Organisation "Committee to Protect Journalists" (CPJ) sitzen ein Drittel aller weltweit inhaftierten Medienmitarbeiter in türkischen Gefängnissen. Die türkische Regierung spricht dagegen von lediglich rund 30 inhaftierten Journalisten.

Die überwältigende Mehrheit der inhaftierten Journalisten wurde laut P24 nach dem gescheiterten Militärputsch im vergangenen Juli und der darauffolgenden Verhängung des Ausnahmezustandes festgenommen, gegen viele liegt noch keine Anklageschrift vor. Allein 81 Medienvertreter sind demnach in Haft, weil sie die Putschisten unterstützt haben sollen. Insgesamt wurden seit dem Umsturzversuch nach Angaben von Amnesty International mehr als 40.000 Menschen verhaftet.

Dem "Welt"-Korrespondenten Yücel werfen die Behörden unter anderem Propaganda für die linksradikale Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und die islamistische Gülen-Bewegung vor. Die Organisationen stehen auf entgegengesetzten Seiten des politischen Spektrums und gelten in der Türkei als Terrorgruppen. Die türkische Regierung macht die Gülen-Bewegung für den Putschversuch verantwortlich.

Die Anschuldigungen gegen Yücel sind kein Einzelfall: Zahlreiche weitere Journalisten sitzen in Untersuchungshaft, weil sie sowohl die Gülenisten als auch die PKK unterstützt haben sollen, darunter elf Mitarbeiter der "Cumhuriyet". Die oppositionelle Zeitung gilt eigentlich als Kritiker der beiden Organisationen.

Die "Cumhuriyet"-Journalisten wurden Anfang November verhaftet und sitzen nun wie viele weitere Reporter in Silivri ein, einem großem, seit dem Putschversuch als überfüllt geltenden Gefängniskomplex in der Nähe von Istanbul. Der Zeitung zufolge dürfen sie aus der Haft keine Briefe schreiben, Telefongespräche mit der Familie seien nur alle 15 Tage erlaubt. Auch Deniz Yücel wurde nach Angaben seiner Redaktion am Mittwoch nach Silivri verlegt.

Unter den inhaftierten Journalisten sind zudem viele Mitarbeiter von Gülen-nahen Medienunternehmen wie der mittlerweile geschlossenen "Zaman", bis vor kurzem noch die auflagenstärkste Zeitung im Land. Auch Vertreter kurdischer und linksgerichteter Medien stellen einen großen Teil der Häftlinge.

Mit Deniz Yücel sitzt zum ersten Mal ein deutscher Korrespondent in Untersuchungshaft. Yücel hat neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft und wird von den türkischen Behörden deshalb als einheimischer Journalist betrachtet. Ende Dezember war ein Korrespondent des "Wall Street Journals" zwei Tage lang von der türkischen Polizei festgehalten worden. Der Reporter kehrte nach seiner Freilassung umgehend in die USA zurück.

Von Dominik Speck (epd)