Entwicklung
Weißhelm im Einsatz
© Right Livelihood Stiftung / Syria-Civil-Defence
Syriens wahre Helden
Wieder sterben Weißhelme in dem Bürgerkrieg
Genf (epd). Schwanger im achten Monat rannte sie auf die Straße, um Hilfe für ihren Mann zu holen. Doch niemand war da. Abeer a-Thawras Mann verblutete. Er wurde Opfer eines heftigen Granatenangriffs auf die syrische Stadt Daraa. Nach dem traumatischen Verlust war für die fünffache Mutter, klar: "Ich will nicht nur Zuschauerin sein."

Abeer a-Thawra schloss sich den Weißhelmen an, auch bekannt als Syrischer Zivilschutz. Seitdem riskiert sie zusammen mit 3.300 weiteren Frauen und Männern ihr eigenes Leben, um andere in der Hölle des Bürgerkriegs zu retten. Sie sind Syriens humanitäre Feuerwehr. Für zwei Helfer kam in diesen Tagen selbst wieder einmal jede Hilfe zu spät. Ein Weißhelm sei nach einem Luftangriff der Assad-Streitkräfte auf das Gebiet Ost-Ghouta gestorben, meldete die Organisation. Der andere sei bei einem russischen Luftangriff in der Provinz Idlib ums Leben gekommen.

Laut der Organisation starben bislang mehr als 200 Weißhelme bei ihrem Einsatz in dem Bürgerkrieg, der seit seinem Beginn 2011 mehreren Hunderttausend Menschen das Leben kostete. Sehr viel mehr Helfer wurden verletzt. In einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats sprach der niederländische Botschafter Karel van Oosterom den Weißhelmen ausdrücklich seine Anerkennung aus. Und die Regisseurin Joanna Natasegara, die einen Film über die Helfer drehte, sagt nur: "Sie sind absolut heldenhaft."

Die Weißhelme werden nach eigenen Angaben immer wieder Opfer gezielter Angriffe. So nahmen russische und syrische Militärjets bewusst Einrichtungen der Organisation ins Visier. Doch trotz aller Gefahren: Die Bilanz der Weißhelme ist eindrücklich. Sie bewahrten nach ihrer Zählung 100.000 Männer, Frauen und Kinder vor dem sicheren Tod.

Doch sie dürfen nur in den Teilen Syriens operieren, die in Rebellen-Hand sind. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad lässt sie nicht in seine Herrschaftsgebiete. Die Weißhelme warnen die Zivilbevölkerung vor drohenden Angriffen. Nach den Attacken ziehen sie Verletzte und Tote aus den Trümmern, leisten den Überlebenden erste Hilfe und transportieren sie in die wenigen noch funktionstüchtigen Krankenhäuser. Und sie beerdigen die verstorbenen Opfer. Auch nach Angriffen mit Chemiewaffen leisteten sie medizinische Hilfe.

"Meine Waffen sind der weiße Helm, die Schaufel und die medizinische Ausrüstung", sagte der 31-jährige Schahud, der im Osten Aleppos eine Gruppe von Weißhelmen anführte, dem arabischen Sender Al-Dschasira. Schahud wollte weder für das Assad-Regime noch für die Aufständischen der "Freien Syrischen Armee" in den Bürgerkrieg ziehen. "Den unschuldigen Opfern zu helfen, ist wichtiger als mit der Waffe zu kämpfen."

Vor Beginn des Konflikts arbeitete Schahud in einem Geschäft für Hauseinrichtungen. Andere Weißhelme arbeiteten auf dem Bau, als Schneider, als Schmied oder sie studierten. Krieg und Terror aber veränderten alles.

Mit wenigen Freiwilligen fing es zur Jahreswende 2012/2013 an. Damals verschärfte das Assad-Regime die Bombardierung von Wohnvierteln. Aus den versprengten Haufen von Rettern entwickelte sich eine eingespielte Hilfsorganisation, mit etlichen Stützpunkten. Die Helfer geloben, den humanitären Prinzipien wie der Unparteilichkeit treu zu sein und orientieren sich an einem Satz aus dem Koran: "Wer ein einziges Leben rettet, rettet die gesamte Menschheit."

Doch ohne Hilfe von außen geht es nicht. So können die Weißhelme für ihre gefährlichen Einsätze im Ausland trainieren, etwa in der Türkei. Und die Organisation erhält finanzielle Unterstützung von den Regierungen Großbritanniens, Deutschlands, der Niederlande, Dänemarks, Japans und der USA.

Diese Zahlungen und auch die professionelle Medienarbeit der Weißhelme sind Assad ein Dorn im Auge. In einem Interview auf die Weißhelme angesprochen, antwortete er mit einer Gegenfrage: "Was haben sie in Syrien erreicht?" Die zahlreichen Auszeichnungen, die die Gruppe in den vergangenen Jahren erhielt, sind Teil der Antwort.

Von Jan Dirk Herbermann (epd)