Entwicklung
Zeremonie zur Rückgabe der Schädel von Opfern deutscher Kolonialverbrechen in Namibia 2011 durch die Berliner Charité.
© epd-bild / Andreas Schoelzel
Streit um Schädel und Gebeine
Museen erforschen Herkunft menschlicher Überreste
Berlin (epd). Wie viele es sind, lässt sich kaum schätzen. In den Depots deutscher Völkerkundemuseen und anthropologischer Sammlungen lagern Tausende menschlicher Gebeine, Knochen, Schädel und Skelette. Sie stammen aus Asien, Ozeanien, Afrika, Australien, Amerika und aus allen Teilen Europas.

Überwiegend gelangten die sterblichen Überreste - neben zahllosen Kulturgütern - in die Sammlungen in der Kolonialzeit, als sich die Humanwissenschaften an die Vermessung von Menschen und die Kategorisierung von Völkern machten. Über die Frage, ob und wohin die Gebeine zurückgegeben werden können, wird heftig debattiert.

Da sind zum Beispiel die rund 5.000 Schädel, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2011 von der Berliner Charité aus der Sammlung des Arztes, Archäologen und Forschungsreisenden Felix von Luschan (1854-1924) übernahm. Die Schädel seien in einem schlechten Zustand gewesen, erinnert sich Stiftungspräsident Hermann Parzinger, feucht gelagert, manche mit Schimmel überzogen.

Die Recherchen der Stiftung ergaben, dass viele der Schädel aus der früheren Kolonie Deutsch-Ostafrika stammten, aus dem Gebiet der heutigen Staaten Ruanda, Tansania und Burundi. "Aber wie sie in die Luschan-Sammlung gelangten, ist noch unklar", sagt Parzinger.

Die Frage, ob die Schädel widerrechtlich - etwa durch Grabplünderungen oder als Überreste von getöteten Einheimischen - nach Deutschland kamen, ist für Parzinger zentral, wie er dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Denn die Antwort entscheidet für ihn darüber, ob die Gebeine im Museumsbestand bleiben können oder zurückgegeben werden müssen.

Die Stiftung führt Gespräche mit der ruandischen Regierung, im Frühjahr 2018 wird ein Team nach Ruanda reisen, um nach der Herkunft der Schädel zu forschen. Die Recherche gehe vor, sagt Parzinger: "Die Schädel lagern seit über 100 Jahren in der Sammlung. Da darf es auf ein oder zwei Jahre nicht ankommen." Die Sammlungen hätten den Anspruch und die Verpflichtung, mit Wissenschaftlern aus den Ländern die Herkunftsfrage zu klären.

Dem Verein "Berlin Postkolonial" allerdings dauert das zu viel lang. Er wirft der Stiftung vor, sie vernachlässige die Forschung seit Jahren. Die Recherche in Ruanda sei zwar ein Anfang, sagt Vereinssprecher Christian Kopp. "Aber man muss mehr machen." Allein zu überlegen, ob die Schädel vielleicht doch rechtmäßig erworben worden seien, "das ist zynisch". Deshalb müssten sie so schnell wie möglich zurückgegeben werden. Für Kopp besteht kein Zweifel daran, dass die Schädel aus dem einstigen Deutsch-Ostafrika aus einem "Unrechtskontext" stammen.

Vorstandsmitglied Mnyaka Sururu Mboro kommt aus Tansania. Er kann die langen Nachforschungen nicht nachvollziehen. "Die Leute in meiner Heimat wissen genau, in welchem Grab ein Schädel fehlt", sagt er. Seine eigene Großmutter habe noch davon erzählt, dass Leichen ohne Köpfe beigesetzt wurden. Und auch in anderen Regionen hätten die Nachfahren auf den Gräbern markiert, wo Schädel fehlten. Die Rückgabe sei für die Menschen sehr wichtig, sagt Mboro - und zwar unabhängig davon, ob die Opfer Widerstandskämpfer gegen die Kolonialherrschaft waren oder nicht.

2011 und 2014 gab die Berliner Charité Schädel und Gebeine an Namibia zurück. Sie stammten aus dem Völkermord deutscher Kolonialtruppen (1904-1908) an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Auch andere Sammlungen - darunter die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen in Dresden und das Landesmuseum Hannover - führten bereits menschliche Überreste zurück.

Wiebke Ahrndt, Leiterin des Übersee-Museums in Bremen und Vize-Präsidentin des Deutschen Museumsbundes, plädiert für überlegte Recherche: "Das Schlimmste wäre, wenn die Überreste an die Falschen gerieten. Das wäre nie mehr gutzumachen an denjenigen, die die eigentliche Beziehung zu den Toten haben." Deshalb müssten die Museen bei möglichen Rückgaben sorgfältig vorgehen und im Einzelfall entscheiden. "Die Lebenden haben eine Sorgfaltspflicht für die Toten."

Das Übersee-Museum gab 2017 nach vierjähriger Vorbereitung die Überreste von Maori und Moriori an neuseeländische Ureinwohner zurück. In einer religiösen Zeremonie in Bremen nahmen sie ihre Vorfahren wieder in die Gemeinschaft auf. Was Ahrndt besonders berührte: "Dass sich die Delegierten bedankten, mit welcher Fürsorge wir die Gebeine ihrer Ahnen aufbewahrt hatten."

Die "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen", die Ahrndt 2013 federführend für den Deutschen Museumsbund erarbeitete, betonen aber auch die Bedeutung der Forschung an Gebeinen für die heutige Wissenschaft. "Isotopen- und DNA-Analysen lassen uns etwas über die Herkunft, die Essgewohnheiten der Menschen erfahren, über ihre Krankheiten und die Anpassungen an Umwelt-Bedingungen", sagt sie. Das seien wichtige Erkenntnisse etwa für die Erforschung der Menschheitsgeschichte oder die Medizin.

Die Abwägung zwischen einer möglichen Rückgabe und dem musealen Wert von menschlichen Überresten kann der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, nachvollziehen. Die Frage müsste dann aber für alle menschlichen Überreste und damit auch beispielsweise für ägyptische Mumien gelten, die sich in allen großen Antikensammlungen fänden. "Muss man die wieder beisetzen oder sind es Kulturschätze, die es zu bewahren gilt?", fragt Claussen. Die Antworten darauf könnten nicht pauschal erfolgen. Auf jeden Fall gilt für ihn: Im Tod muss die Menschenwürde gewahrt werden.

Von Christina Denz (epd)