Medien
Spiel mit dem Feuer: Fake News in Afrika
Gezielte Falschmeldungen verwirrten Wähler in Kenia
Nairobi (epd). In den Tagen nach der Präsidentenwahl am 8. August ging in Kenia ein Video durch soziale Medien: Ein brennendes Auto vor einer Straßensperre. Manche Empfänger erhielten dazu den Kommentar, in Naivasha nahe der Hauptstadt Nairobi würden Angehörige der Luo verbrannt, ganz einfach deshalb, weil sie zu dieser Volksgruppe gehörten. Andere User erhielten zu den verstörenden Bildern die Erklärung, der Ort des Geschehens sei das 60 Kilometer entfernte Limuru, dort würden Passanten willkürlich angegriffen.

Beides war falsch. Woher das Video stammt, blieb ungeklärt, aber es war brandgefährlich. Denn in Kenia hat eine solche falsche Nachricht das Potenzial, das Land in Brand zu setzten: Das Misstrauen zwischen den Ethnien sitzt tief, und in Zeiten von Wahlen wird es noch tiefer. Die Angst vor einer Eskalation der Gewalt vor allem zwischen den Luo und den Kikuyu, den beiden größten Volksgruppen, ist weit verbreitet.

Oppositionsführer Raila Odinga erkennt den Wahlsieg von Präsident Uhuru Kenyatta bis heute nicht an - und bezeichnet das Wahlergebnis als gefälscht. In Hochburgen der Opposition hatte die Verkündung des offiziellen Wahlergebnisses vereinzelte Unruhen ausgelöst, und Meldungen über Tote und Polizeigewalt machten die Runde. Im Slum Mathare der Hauptstadt Nairobi sollen Sicherheitskräfte angeblich Dutzende Menschen getötet haben, hieß es.

Der Generalsekretär des kenianischen Roten Kreuzes, Abbas Gullett, reagierte bestürzt: Die Berichte zu Mathare seien schlicht falsch. "Wir haben aus diesem Gebiet keine Notrufe bekommen", sagte er dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira. Für seinen Versuch, die Lage zu beruhigen, wurde er jedoch massiv kritisiert: Seine Aussage sei politisch motiviert, er versuche die Verbrechen der Regierung zu vertuschen.

Schon im Wahlkampf wurden Fake News bewusst verbreitet, davon ist auch Alphonce Shiundu überzeugt, Leiter von "Africa Check". Die Organisation prüft in afrikanischen Staaten den Wahrheitsgehalt von Informationen. Beide politischen Lager in Kenia hätten Falschmeldungen über Facebook, Whatsapp und Twitter verbreitet, um ihre Gegner zu verunglimpfen und falsche Behauptungen zu verbreiten, sagt er.

Shiundu zufolge haben in Kenia sieben Millionen Menschen einen Facebook-Account und sogar doppelt so viele kommunizieren über Whatsapp. "Die meisten dieser Menschen hinterfragen nicht, was sie online lesen." Gerüchte und Propaganda seien zwar immer ein Bestandteil der kenianischen Politik gewesen, sagt Shiundu. "Aber bei diesen Wahlen wurden sie über eine größere Bandbreite von Wegen verbreitet, und sie wirkten viel überzeugender." Und schürten das Misstrauen.

Dazu trugen beide politischen Lager bei: Sie erklärten, sie könnten die Wahl nur durch Fälschung verlieren. Die Befürchtung, dass die Wahl - wie schon oft - nicht korrekt ablaufen werde, war also weit verbreitet. In einer Umfrage gaben 90 Prozent der Kenianer an, Fake News gesehen oder gehört zu haben. Laut dem Meinungsforschungsinstitut GeoPoll gehörten dazu Nachrichten, die wirkten, als seien sie von den TV-Sendern BBC und CNN produziert. Eine davon trug den Titel: "Raila der Gauner".

Shiundu spricht sogar von einem "Ökosystem der Falschmeldungen". Technik-Experten seien dafür bezahlt worden, die Kenianer mit falschen Informationen oder extrem manipulativer Propaganda zu beliefern. Eins von vielen Beispielen: Ein Videoclip in düsterem Schwarz-Weiß mit dokumentarisch wirkenden Bildern kündet von Diktatur und wirtschaftlichem Niedergang, wenn die Opposition die Macht übernähme. Selbst die kenianische Wahlkommission wies immer wieder auf gefälschte Tweets hin, die ihren eigenen täuschend ähnlich sahen.

Zu den Falschinformationen, die verbreitet wurden, gehörten auch Bilder von Gewalttaten, die nach der Präsidentenwahl 2007 verübt worden waren. Damals war es im Streit um das Wahlergebnis zu massiven Unruhen mit mehr als 1.200 Toten und Hunderttausenden Vertriebenen gekommen. Doch nun, zehn Jahre später, ließen sich die Kenianer trotz aller verwirrenden und zweifelhaften News, von vereinzelten Zusammenstößen abgesehen, nicht zu Krawallen aufwiegeln.

Von Bettina Rühl (epd)