Soziales
Ein Arzt spricht bei der Visite in einem Krankenhaus mit einem Patienten.
© epd-bild / Werner Krüper
"Sie sind ein Risikopatient"
Nocebo ist der dunkle Bruder des Placebo
Marburg (epd). Manchmal kommen Kunden zu Susanne Namvar in die Apotheke, die den Beipackzettel der Medikamente am liebsten ganz ignorieren. "Es gibt Patienten, die von sich wissen: Wenn ich von möglichen Nebenwirkungen lese, dann treten sie bei mir auch auf", erzählt die Apothekerin aus dem hessischen Heuchelheim. Nocebo-Effekt nennt das die Wissenschaft: Eine schädliche Nebenwirkung - zum Beispiel eines Medikaments - tritt auf, allein weil man sie erwartet.

Sie habe schon dramatische Fälle erlebt, berichtet Namvar. Patienten seien in eine schwere Depression gerutscht, weil sie die negativen Wirkungen eines Präparats befürchteten: "Nocebo-Effekte sind nicht zu unterschätzen. Sie können zum Eigenläufer werden, und die Patienten kommen da schlecht wieder raus."

Nocebo ist lateinisch und bedeutet "ich werde schaden". Der Nocebo ist im Grunde der böse Bruder des Placebos: Die positiven Placebo-Effekte treten zum Beispiel auf, wenn der Patient ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff nimmt und es ihm trotzdem besser geht - allein, weil er eine Heilung erwartet. Genauso kann es Nocebo-Effekte geben, weil der Patient fest davon überzeugt ist, dass ein Medikament Nebenwirkungen verursacht. Positive Erwartungen können also gesund, negative krank machen.

Auf Beipackzetteln überwiegen oft die negativen Informationen, was auch der juristischen Absicherung diene, sagt der Psychologe und Placebo-Forscher Winfried Rief von der Uni Marburg. Er fordert daher: Beipackzettel müssten ausgewogen sein, die positiven Informationen am Anfang stehen.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Arzt zu. Oft reiche schon ein flapsig dahin gesagter Satz eines Arztes, um Nocebo-Effekte auszulösen, zum Beispiel: "Mit der Wirbelsäule sind Sie eigentlich ein Wrack." Der Patient bewege sich daraufhin selektiv und folglich falsch, erklärt Rief.

Die Kommunikation von Ärzten und Pflegern enthalte viele negative Suggestionen, die Nocebo-Effekte auslösen könnten, ergab auch eine Übersichtsarbeit der Forscher Ernil Hansen, Paul Enck und Winfried Häuser im Jahr 2011. Patienten seien für Aussagen von Fachleuten vor allem in bedrohlichen Situationen wie vor Operationen empfänglich.

Solche Negativ-Sätze können lauten: "Sie sollten überhaupt nichts Schweres mehr heben. Nicht, dass Sie am Schluss noch gelähmt sind", oder "Sie sind ein Risikopatient."

Der Arzt, Autor und Kabarettist Eckart von Hirschhausen schreibt in seinem Buch "Wunder wirken Wunder": "Warum reden alle über die 5 Prozent, die etwas nicht vertragen, statt zu betonen, dass 95 Prozent den Eingriff sehr gut wegstecken?"

Wissenschaftler um den Berliner Psychologen Johannes Laferton, Susanne Fischer von der Uni Zürich sowie Urs Nater aus Marburg haben den Zusammenhang zwischen Stress und einer negativen Erwartung untersucht. Sie fragten 216 Studenten mitten im Semester, ob sie glaubten, dass Stress gesundheitsschädlich sei. Wenige Wochen später, während der Klausurenphase, interviewten sie sie nochmals. Das Ergebnis: Diejenigen, die Stress für negativ hielten, hatten mehr körperliche Beschwerden.

"Die Wissenschaft hat lange Zeit Befunde publiziert, dass Stress in Verbindung mit verschiedenen Volkskrankheiten steht", erklärt Laferton. Das sei nicht falsch. Aber Stress könne auch eine positive Wirkung haben: "Das Stresssystem ist etwas Adaptives, das wir durch die Evolution bekommen haben." Als der Mensch in der Wildnis noch von Bären und Löwen bedroht war, half ihm der Stress, sekundenschnell Entscheidungen zu treffen, wegzulaufen oder zu kämpfen.

"Die negative Bewertung von Stress macht noch mehr Stress", sagt Laferton. Man müsse ihn differenziert betrachten. Stress sei dazu da, Herausforderungen zu bewältigen. Wichtig sei ein Ausgleich, ein Ruhesystem, Achtsamkeitsübungen oder Sport: "Das ist ein konstruktiver Umgang mit Stress."

Nocebo-Effekte vermeiden, Placebo-Effekte nutzen - das könnte eine gute Formel sein. Hirschhausen zitiert eine Studie, nach der Menschen, die eine positive Einstellung zum Altern hatten, siebeneinhalb Jahre länger lebten. Sein Tipp: "Statt ständig über demografische Tsunamis, Methusalem-Komplotte oder Alzheimer-Epidemien zu lesen und daran zu verzweifeln, sammeln Sie doch einfach Biografien von Menschen, die glücklich alt geworden sind!"

Von Stefanie Walter (epd)