Ethik
In einem Repair-Café wird ein altes Bügeleisen wieder flottgemacht.
© epd-bild / Jutta Olschewski
Schrauben statt Wegwerfen
Repair-Cafés als Antwort auf Konsumwahn
Hagen (epd). Toaster, Mixer oder eine 50 Jahre alte Trockenhaube: "Dass wir die Haube wieder flott gekriegt haben, hat unseren Gast zu Tränen gerührt", sagt Stephan Peddinghaus. "Seine 90 Jahre alte Frau benutzt sie schon ihr halbes Lebens lang, sie hat für sie einen unschätzbaren Wert." Der Fachhandel schüttele über solche Reparatur-Anfragen nur den Kopf. "Dann wird etwas zu Müll, was keiner ist", sagt der Hagener, der vor einem halben Jahr mit Freunden einen Reparatur-Treffpunkt mit Café eröffnet hat - die "Wiederherstell-Bar".

An jedem ersten Samstag im Monat werden hier Elektrogeräte repariert, am dritten Fahrräder, am vierten Computer. Freitags wird genäht. Alles ehrenamtlich mit etwa sieben Helfern - einige Fachkräfte, andere Hobbytüftler wie Peddinghaus.

Die Müllberge im sozial schwierigen Stadtteil Wehringhausen brachten ihn und einige Freunde auf die Idee, den Nachbarn das Reparieren näher zu bringen – und gleichzeitig den Zusammenhalt im Viertel fördern. "Die Menschen machen hier gemeinsam etwas, was gut für die Umwelt und ihre Haushaltskasse ist", sagt der 50-Jährige.

Deutschlandweit gibt es immer mehr solcher Reparatur-Treffs: Die meisten nennen sich nach niederländischem Vorbild Repair-Café. Sie eint: Bürger reparieren regelmäßig zusammen - kostenlos und ehrenamtlich. Rund 600 Projekte verzeichnet das Netzwerk Reparatur-Initiativen. Tendenz: steigend.

"Einfach wegwerfen und neu kaufen, das stellen in Deutschland inzwischen mehr Menschen in Frage", sagt Tom Hansing von der Stiftungsgemeinschaft Anstiftung, die hinter dem Netzwerk Reparatur-Initiativen steht. Nur werde ihnen das Reparieren schwergemacht: "Manchmal kann man neue Software auf älteren Geräten nicht benutzen, man bekommt keine Ersatzteile oder Akkus sind verschweißt." Mit Repair-Cafés wehrten sich Bürger gegen diese Entwicklung, "die ja unbestritten Müll erzeugt und Ressourcen verschwendet".

Trotz dieses Trends werden gerade Elektrogeräte in Deutschland durchschnittlich immer kürzer genutzt, zeigt eine Studie des Umweltbundesamtes. "Oft ist eine Reparatur auch genauso teuer wie ein neues Gerät", erklärt das Elke Salzmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. In einer aktuellen Umfrage des Verbandes nannten das zwei Drittel aller Befragten als Hauptgrund, ein Gerät wegzuwerfen: "Viele wollen ja reparieren lassen, werden aber ausgebremst."

Denn: Reparaturen seien zu oft nur beim Hersteller möglich, weil nur er Ersatzteile und Baupläne hat. Und natürlich ein Eigeninteresse daran, neue Geräte zu verkaufen. "Undurchschaubar für Verbraucher", sagt Salzmann.

Der Verband fordert deshalb ein gesetzlich verankertes "Recht auf Reparatur": Hersteller sollen Ersatzteile günstig zur Verfügung stellen, Reparaturanleitungen veröffentlichen und verbindliche Angaben zur Reparaturfähigkeit und Lebensdauer von Geräten machen. "So würden sich sehr viele Menschen für eine Reparatur entscheiden", ist Salzmann überzeugt.

Das glaubt auch Detlef Vangerow. "Vielen unserer Endkunden wird eine Reparatur beim Händler ausgeredet", sagt der Unternehmer aus Reutlingen. Er betreibt die Onlineplattform MeinMacher, die bundesweit Reparaturanfragen an rund 1.200 freie Handwerksbetriebe vermittelt. Deren größtes Problem seien Ersatzteile: "Aus fadenscheinigen Gründen werden sie vom Großteil der Hersteller nicht an freie Werkstätten verkauft."

Vangerow dokumentiert die Ablehnungen im Firmenblog, engagiert sich beim Runden Tisch Reparatur und in einem Repair-Café. Dass Bürger selber schrauben lernen, sieht er nicht als Konkurrenz: "Es fördert eine Reparaturkultur, von der auch das Handwerk profitieren kann", sagt der Fernsehtechniker. Vor allem kleine Smartphone-Reparaturläden erlebten gerade "einen regelrechten Boom".

Auch die Reparatur von Kaffeemaschinen sei angesagt, sagt Vangerow: "Es gibt auf jeden Fall einen steigenden Wunsch nach Reparatur in der Bevölkerung, das merken wir an der Nachfrage."

Von Miriam Bunjes (epd)