Medien
Mangelhafte Medienkenntnisse
Experten warnen vor Defiziten bei Nachrichtenkompetenz
Berlin (epd). Zwar gibt es immer mehr Smartboards an deutschen Schulen, damit nimmt allerdings die Medienkompetenz nicht zu: Nach den Erkenntnissen von Kommunikationsforschern der TU Dresden wird an deutschen Schulen vor allem die Vermittlung der Nachrichtenkompetenz vernachlässigt. In Lehrplänen und Schulbüchern komme eine Auseinandersetzung mit der Frage, woran man Qualitätsjournalismus, Fake-News oder interessengesteuerte Meinungsäußerungen erkennt, nur unzureichend vor, kritisierte der Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden, Lutz Hagen, am 7. September in Berlin.

Die Ergebnisse stammt aus der Studie "Nachrichtenkompetenz durch die Schule", die das Institut im Auftrag der Stiftervereinigung der Presse e.V. erstellt hat. Auslöser für die Untersuchung seien wissenschaftliche Befunde gewesen, wonach eine zunehmende Anzahl von Schülern sich ausschließlich in sozialen Netzwerken über Politik informiert. Dabei werde nicht unterschieden, ob die Informationen von einem professionellen Medienhaus stammen, von einer PR-Agentur, ob es sich um ein Blog oder Social Bot handelt.

Der Studie zufolge wird im deutschen Bildungssystem Schülern nur wenig für die eigene Orientierung im Umgang mit journalistischen Nachrichten vermittelt, sagte Hagen. In den Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) etwa komme die Vermittlung dieser Schlüsselqualifikation fast nicht vor. Untersucht worden seien dafür bundesweit 207 KMK-Dokumente. Zudem analysierte das Forscherteam um Hagen 339 Schulbücher aus Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen in den Fächern Deutsch, Gemeinschaftskunde und Ethik. Auch hier habe die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz nur eine geringe Rolle gespielt.

Künftige Lehrer haben den Ergebnissen zufolge offenbar wenig Kenntnisse über Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus: Bei einer Befragung von Lehramtsstudenten an sechs Universitäten hätten 40 Prozent der Studierenden beispielsweise geglaubt, dass ein Medienbericht über ein Bundesministerium vor der Veröffentlichung vom Ministerium genehmigt werden muss, berichtete Kommunikationsforscherin Anja Obermüller. Nur ein Drittel habe gewusst, dass Journalisten in Deutschland keine Lizenz zur Ausübung ihres Berufs brauchen. Mit Blick auf die Konsequenzen im Schulalltag betonte Obermüller weiter: "Nur weil man ein Smartboard bedienen kann, heißt das noch nicht, dass man Medienkompetenz hat. Es geht um Inhalte."

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BZDV), Dietmar Wolff, forderte ein Umdenken im Bildungswesen: Bislang habe bei der Vermittlung von Medienkompetenzen der Fokus vor allem auf technischen Aspekten gelegen. Nötig sei aber eine inhaltliche Auseinandersetzung mit journalistischen Inhalten und der Frage, welche Rolle Medien in einer Demokratie spielen.

Kommunikationsforscher Hagen sprach sich für die Einführung des Fachs Medienkunde an den Schulen aus. Handlungsbedarf im Bildungssystem sieht auch der Vorstandsvorsitzende der Stiftervereinigung der Presse e.V., Heinrich Meyer. Journalismus sei ein Grundbestandteil einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. "Ohne Nachrichtenkompetenz werden wir große Probleme haben, eine demokratische Gesellschaft weiter zu entwickeln", warnte Meyer vor den Folgen des Bildungsdefizits.