Medien
Luther und seine Folgen
Die sechsteilige Dokumentation "Der Luther Code" beleuchtet die Reformation und ihre Zeit
Frankfurt a.M. (epd). Für den jungen Straßenfotografen Shepard Peters gilt: "Man muss die Sachen machen, die einem am meisten Angst machen." Die Freiheit müsse immer neu erobert werden, legt er dar. Einzigartig sein, seine Möglichkeiten erforschen, darum gehe es. Von Luther ist nicht die Rede, genau wie bei Regina Catambrone, die Flüchtlinge rettet, oder der Aktivistin Laurie Penny, die erklärt, warum sie nicht an Gott glauben kann. Bei den wenigsten der Interviewpartner, die die Dokumentationsreihe "Der Luther-Code" in der ersten Folge am 29. Oktober bei Arte in den Mittelpunkt stellt, geht es um Luther direkt. Aber es geht immer um seine Folgen.

Historisch-kritische Genauigkeit der Auslegung ist nicht die Absicht dieser Ausforschung. Die Rücksichtslosigkeit in quellenakribischer Hinsicht irritiert, erweist sich dann aber als der große Gewinn dieser Serie. Was zum Teufel hat Edward Snowden mit Luther zu schaffen? Nichts. Wenn man aber Parallelen der Vorgehensweise gegenüber Obrigkeit und Macht im Sinne höherer Verantwortung zieht: Alles? Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks wird begleitet von Aussagen des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales: "Wissen verbessert die Welt." Und das Wissen aller zusammengenommen verbessere das Wissen selbst.

Man rätselt: Luther, Erfinder der Schwarmintelligenz? Dass Luther mit seinem Freiheitsbegriff in "Von der Freiheit eines Christenmenschen" gänzlich anderes gemeint haben mag, steht nicht zur Debatte.

Für die nötige Erdung sorgen Spielfilmszenen im "Luther Code", in denen historische Schlüsselpersonen porträtiert werden. Neben Jan Hus ist das in Folge eins Luther selbst. Als Juncker Jörg auf der Wartburg wirft er hier nicht das Tintenfass nach dem Teufel, sondern beschmiert eine Nachtsichtkamera, die ihn filmt. Luther - unkenntlich gemacht. Oder eben nur das Bild, das wir von ihm haben?

Folge zwei bis fünf nähern sich der Gegenwart, bevor Folge sechs bei "Luther 3.0" ankommt. In Teil zwei geht es um das Weltbild des 17. Jahrhunderts. Genforscher und Astrophysiker kommen zu Wort. Als Zeugen treten Johannes Carolus, Erfinder der Zeitung, der Astronom Johannes Kepler und die als Hexe verbrannte Kauffrau Anna Veltmann auf. Entstehung der Massenmedien und globaler Handel sind Themen. Weiter geht es mit Mathematik und Erkenntniskritik, mit Industrialisierung und Beschleunigung des Lebens.

Dem rasanten Fortschritt und neuen Formen des Krieges widmet sich Teil fünf. Albert Einstein, Bertha von Suttner und Sigmund Freud sind nun Luthers Erben. Der letzte Teil nimmt sich die Künstliche Intelligenz, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit vor.

"Der Luther-Code" von Wilfried Hauke und Alexandra Hardorf scheint wie ein Unterfangen, das sich an vielen Stellen verhebt. Luther ein Sozialist, ein Genderforscher, ein Grüner, ein Wegbereiter Künstlicher Intelligenz? Oder Luther als Impulsgeber, als Funkenzünder, als Initiator eines Prozesses der (Selbst-)Freisetzung des Menschen, mit allen Konsequenzen? Über allem steht die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Menschen. Diese anregenden sechs Stunden Fernsehen lohnen das Einschalten.

Von Heike Hupertz (epd)