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Joachim Kaiser
© epd-bild / Jürgen Bauer
Letzter Großkritiker
Joachim Kaiser mit 88 Jahren in München gestorben
Frankfurt a.M. (epd). Joachim Kaiser war einer der letzten Großkritiker in Deutschland, im Kulturbetrieb ähnlich bekannt wie Marcel Reich-Ranicki. Als Musik-, Theater- und Literatur-Kritiker sowie Feuilleton-Chef der "Süddeutschen Zeitung" seit 1959 galt er als eine Instanz im Deutschen Kulturleben. Am 11. Mai ist Kaiser nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren in München gestorben. Die SZ würdigte ihn in einem Nachruf als "Stück ihrer Geschichte und auch ihrer Identität" und als eine "prägende Stimme".

Kaiser war ein Enthusiast, am meisten liebte er die großen Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts: Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner oder Wagner. Hinreißende Aufführungen ihrer Werke konnte er ebenso hinreißend beschreiben. Mit vielen großen Musikern - und Schriftstellern und Theaterleuten - war er befreundet. In dem zusammen mit seiner Tochter Henriette Kaiser herausgegebenen Buch zu seinem 80. "Ich bin der letzte Mohikaner" rühmte er ganz besonders den Dirigenten Leonard Bernstein (1918-1990): "Ich habe ihn über die Maßen verehrt und geliebt", bekannte Kaiser: "Seine Lebendigkeit, seine Hingabe, sein Feuer!"

Was Kaiser liebte, wollte er auch weitergeben, in seinen vielen tausend Kritiken, in Büchern und Rundfunksendungen. In den "Langen Nächten" im RIAS Berlin zum Beispiel porträtierte er Komponisten, die Zuhörer konnten anrufen und Fragen stellen. Im WDR-Fernsehen interpretierte er alle 32 Klaviersonaten Ludwig von Beethovens, und er war sich auch nicht zu schade, in einer Volkshochschule über mehrere Jahre hinweg die Bühnenwerke Richard Wagners zu analysieren.

Diese Begeisterung für Musik, auch für Theater und Literatur, wurde schon in seinem Elternhaus geweckt. Joachim Kaiser stammte aus einer Arztfamilie, in der oft Kammermusik gespielt wurde. Geboren 1928 in Milken, einem kleinen Ort in Masuren, wuchs Kaiser in Tilsit und in Berlin auf und ging dort zur Schule. Schon als Kind spielte er Klavier und war bis in die späten Jahre ein passionierter Pianist.

Frühzeitig las Joachim Kaiser den "Zauberberg" von Thomas Mann und "Faust I" von Johann Wolfgang von Goethe. Das Kriegsende hatte die Familie mit Glück gut überstanden. Kaiser kam ins Gymnasium nach Hamburg und besuchte in einem Jahr rund 400 Konzerte und Theateraufführungen, am Wochenende meist mehrere.

Schon wenige Jahre später begann die journalistische Laufbahn des für sein Alter hochgebildeten, intelligenten jungen Mannes. Er schrieb für die angesehenen "Frankfurter Hefte", für die Literaturredaktion des Hessischen Rundfunks und studierte bei Theodor Adorno an der Frankfurter Universität. 1953 stieß er als Kritiker zur Schriftsteller-Vereinigung "Gruppe 47", wo er zu den Genie-Bubis gehörte, die alles wissen und immer schneller sind als die anderen.

Joachim Kaiser war ein konservativer Kritiker, er argumentierte ästhetisch, nicht politisch. Dennoch war er nicht blind für die Konflikte und Probleme der Gegenwart. So schrieb er über Daniel Barenboims "West-Östliches-Divan-Orchester", in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam musizieren. Als konservativ mag er vielen auch durch seine Verwurzelung in der klassischen Musik und Literatur gegolten haben. Aber er beschäftigte sich ebenfalls ausführlich und intensiv mit den Autoren seiner Zeit, mit Günter Grass, Uwe Johnson oder Martin Walser. Für die Erneuerung der Bühnenkunst nach 1945 war er aufgeschlossen, konnte aber mit den radikaleren Formen des Regietheaters wenig anfangen.

Kaiser war eitel, aber nicht ohne Selbstironie. In seinem Geburtstagsbuch lieferte er viel Anekdotisches und betonte zu Recht seinen Professionalismus. Den Nachruf auf Rudolf Goldschmit etwa, den damaligen Feuilletonchef der "SZ", diktierte er 1979 während einer Reise in einer halben Stunde am Telefon - ein Meisterstück spontanen Formulierens.

In den letzten Lebensjahren - nach dem Tod seiner Frau Susanne - sprach Kaiser in einem Interview davon, dass das Alter melancholisch und einsam mache. Vor allem aber bedauerte er, dass die ihm so wichtige argumentative, ausführliche Kritik seit etlichen Jahren immer weniger Chancen hatte. Gewiss zu Recht sah er sich als "so etwas wie 'den letzten Mohikaner'."

Von Wilhelm Roth (epd)