Ethik
Mit Kursen in "Letzter Hilfe" sollen Angehörige zur Begleitung sterbender Menschen ermutigt werden.
© epd-bild / Jens Schulze
Letzte Hilfe
Ein Kurs soll möglichst viele Menschen in Deutschland zur Sterbebegleitung ermutigen
Bremen, Schleswig (epd). Wenn in der Sterbephase beim Atmen ein rasselndes, manchmal auch brodelndes und gurgelndes Geräusch zu hören ist, ist das für Angehörige und Begleiter oft schwer auszuhalten. "Sie sehen darin einen Todeskampf und bekommen Angst", berichtet die Bremerin Jasamin Boutorabi, die sich seit Jahren als ehrenamtliche Hospizhelferin engagiert. Mit Kursen in "Letzter Hilfe" will sie über Phänomene wie die Rasselatmung aufklären und zur Begleitung sterbender Menschen ermutigen: "Aus der Praxis weiß ich, wie verunsichert Angehörige sind."

Erste Hilfe kennt jeder, aber "Letzte Hilfe"? Seit Anfang 2015 gibt es in Deutschland Kurse dieser Art, die der schleswig-holsteinische Notfall- und Palliativmediziner Georg Bollig (50) initiiert hat. Mittlerweile sind sie zu einer bundesweiten Bewegung geworden. "Leben kann man nicht ohne Ersthelfer retten - und eine gute Sterbebegleitung gibt es nicht ohne Letzthelfer", betont Bollig. Er wohnt in Schleswig und hat in Deutschland bereits rund 300 Kursleiter und -leiterinnen wie Jasamin Boutorabi ausgebildet.

Für die Kongressmesse "Leben und Tod" an diesem Wochenende in Bremen organisiert die 40-jährige freiberufliche Bildungsreferentin zusammen mit der Physiotherapeutin Sylvia Petrovic einen Kurs, in dem es dann auch um die Rasselatmung geht. "So hört sich Sterben an. Das ist in dieser Phase normal und in der Regel nicht mit Luftnot verbunden", erläutert Boutorabi. Speichel könne nicht mehr geschluckt, Schleim aus den Bronchien und dem Rachen nicht mehr hochgehustet werden. Falsch sei es, in dieser Situation Sekrete abzusaugen. "Das ist unangenehm und provoziert neue Sekretbildung."

Typischerweise dauert ein Kurs in "Letzter Hilfe" vier Stunden und vermittelt in erster Linie Basiswissen. Zentral sind Informationen darüber, wie Beschwerden des Sterbenden entweder durch die Begleiter selbst oder durch professionelle Hilfe gelindert werden können. Oft gehe es um Fragen zur Ernährung und zur Gabe von Flüssigkeit in der Sterbephase, weiß Boutorabi und begegnet gleich einem weit verbreiteten Irrtum: "Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt."

Durstgefühl etwa kann durch eine gute Mundpflege und mit Hilfe befeuchteter Stäbchen gelindert werden, die über die Lippen geführt werden - benetzt mit Getränken, die der Sterbende gerne mag. Aber auch einfach da zu sein, Körperkontakt herzustellen, beispielsweise die Hände zu berühren, sei wichtig, betont Boutorabi.

Neben Tipps dieser Art sind Hintergründe etwa zur Patientenverfügung und zur Vorsorgevollmacht genauso wie Informationen zu Abschiedsritualen und Bestattungsformen Teil des Kurses. Boutorabi: "Wer teilnimmt, bekommt zugleich eine Vorstellung davon, was für ihn selbst im Zusammenhang mit Sterben und Tod wichtig ist."

Sterben als einen Teil des Lebens zu behandeln und für das eigene Lebensende vorzusorgen, gehe jeden Menschen an, sagt Benno Bolze, Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes: "Das macht der Letzte-Hilfe-Kurs möglich." Initiator Bollig ergänzt, zwei Drittel der Deutschen wünschten sich, dass sie zu Hause sterben könnten. Doch nur bei etwa 20 Prozent gehe dieser Wunsch in Erfüllung. Oft würden Sterbende noch in das Krankenhaus gebracht.

Das liegt nach seinen Erfahrungen nicht selten daran, dass sich Angehörige die Betreuung nicht zutrauen. Das will der Mediziner mit seinen Kursen ändern, die grundlegendes Wissen über Palliativversorgung und Palliativmedizin allgemeinverständlich in der Bevölkerung verbreiten. Bollig ist überzeugt: "Wenn alle Menschen Erste und Letzte Hilfe lernen, trägt das zu einer humaneren Gesellschaft bei. Kennen sich mehr Menschen in Letzter Hilfe aus, können auch mehr Menschen als bisher zu Hause sterben."

Von Dieter Sell (epd)