Medien
Leif: "Aufreger"-Themen setzen sich durch in Medien
Soziale Netzwerke verändern immer stärker die klassische Medienlandschaft
Frankfurt a.M. (epd). Die Diskussion über "gefühlte Wahrheiten" und eine Boulevardisierung der Medien hat den 13. Frankfurter Tag des Online-Journalismus bestimmt. Der Journalist Thomas Leif kritisierte eine "Selbstverblödungsspirale" der Medien. Das Relevanzsystem für Nachrichten habe sich komplett geändert, sagte der Chefreporter Fernsehen des SWR-Landessenders Mainz am 25. April in Frankfurt am Main. "Aufreger"-Themen setzten sich immer mehr durch. Der Journalist Roland Tichy entgegnete, Medien hätten die Aufgabe, zuzuspitzen und pointiert zu formulieren.

Leif forderte, wieder mehr auf Hintergründe zu setzen. Die "Erklärungsarmut" in den Medien müsse aufhören. Man brauche eine "Sendung mit der Maus" für Erwachsene, sagte der Fernseh-Journalist auf der Veranstaltung mit dem Titel "Wahr ist, was gefällt? - Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise".

Leif kritisierte auch das von seinem Diskussionspartner herausgegebene liberal-konservative Meinungsmagazin "Tichys Einblick". Tichy sei damit "ein Brückenbauer im rechten Milieu", sagte Leif. Kritiker werfen Tichy vor, mit dem Magazin rechtspopulistischen Strömungen wie "Pegida" zu bedienen. Leif plädierte dennoch dafür, das Gespräch mit Journalisten wie Tichy zu führen und sich mit deren Positionen auseinanderzusetzen.

Tichy verwies darauf, dass Medien die Aufgabe hätten, zuzuspitzen. Das Internet habe ihm ermöglicht, mit "Tichys Einblick" eine Alternative zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufzubauen. Durch die sozialen Medien beobachtet Tichy eine zunehmende "Ent-Autorisierung" der Journalisten. Es entstehe ein "Heimwerkerjournalismus". "Wir erleben dort, dass Leute dem widersprechen, was Journalisten schreiben", sagte Tichy.

Die Journalistin Diemut Roether beklagte in ihrem Vortrag "In der Emotionsfalle - Ein Plädoyer für mehr Reflexion in den Medien" eine zunehmende Boulevardisierung der Nachrichten. Statt Fakten zu komplizierten politischen Fragen lieferten die Medien immer öfter Emotionen oder Stimmungsbilder. Die Medien passten sich der Sprache und den Eigenschaften des Mediums Internet an.

"Es ist einfacher über Emotionen zu berichten als Hintergrund zu recherchieren", sagte die Verantwortliche Redakteurin von "epd medien". Statt eine "Gefühl-Berichterstattung" sollten die Redaktionen wieder mehr auf Fakten-Checks setzen, sagte Roether. "Wir nennen das Recherche", erinnerte sie ihr Publikum.

Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Manfred Krupp, sieht die sozialen Netzwerke vor allem als "Chance für Kommunikation und Öffentlichkeit, wie wir sie noch nie hatten", sagte Krupp. Die Medien könnten dies als Krise oder als Herausforderung betrachten.

Studien zeigten, dass gerade junge Leute die Medien als zuverlässig einstuften, diese jedoch auch politischen Interessen oder der Wirtschaft zuordneten. Die Tatsache, dass junge Menschen kritisch seien in Bezug auf Medien, sei positiv zu bewerten. Medien, gerade auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, könnten hier ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen, betonte der HR-Intendant.

Der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Markus Bräuer, verglich die Möglichkeiten sozialer Netzwerke für Medien mit der Reformation vor 500 Jahren. Der Reformator Martin Luther habe die Menschen mündig gemacht, weil er sie ermutigt habe, sich an Realitäten, nicht an Autoritäten zu orientieren. Medien heute müssten sich nun überlegen, wie Leser Lügen als solche erkennen können und wie Journalisten ihnen dabei behilflich sein könnten. Bräuer rief die Medien dazu auf, Kenntnisse und Kriterien zur Urteilsfindung zu vermitteln.

Der Frankfurter Tag des Online-Journalismus wird veranstaltet vom Hessischen Rundfunk, der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Onlineplattform "evangelisch.de" und "epd medien".

Von Elisa Makowski (epd)