Medien
Jessica Schoberauf der Burg Sooneck
© epd-bild / Andrea Enderlein
Kritischer Blick auf ein eigensinniges Tal
Jessica Schober ist Deutschlands erste Burgenbloggerin
Sooneck (epd). Die zurzeit vermutlich unkonventionellste Redaktionsstube der Republik befindet sich hoch über dem Mittelrheintal auf einer einstigen Raubritterfeste. Hinter den Mauern von Burg Sooneck ist in diesem Sommer die Journalistin Jessica Schober (27) als Deutschlands erste Burgenbloggerin tätig. Es ist ein romantisches Gemäuer mit Höfen, Rosenbüschen und Eidechsen: Von hier aus soll sie mit dem frischen Blick der Neuzugezogenen die Menschen im Tal, deren Besonderheiten und Alltagssorgen beleuchten.

Ihre Beobachtungen veröffentlicht sie im Internet auf burgenblogger.de - ein gemeinsames Projekt der Generaldirektion Kulturelles Erbe, der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz und der Koblenzer Rhein-Zeitung. Schobers Einsatz zwischen Mai und Oktober ist gewissermaßen eine moderne Variante der Stadtschreiber.

Zur Halbzeit der ersten Burgenblog-Saison haben die Berichte bereits eine beachtliche Fangemeinde, werden auch in den sozialen Netzwerken lebhaft diskutiert. «Die Mittelrheiner müssen viel aushalten», glaubt Schober. «Offenbar gibt es hier das Bedürfnis, einen Ansprechpartner zu finden.»

Tatsächlich nehmen viele Bewohner der problembeladenen Märchenregion den Aufruf der Burgenbloggerin ernst, ihr Geschichten zu erzählen. Vor Einladungen und Anfragen kann sich die in Frankfurt an der Oder geborene Reporterin kaum noch retten.

Mit ihrem auffälligen gelben Dienstwagen und dank einer Vielzahl von Presse- und Fernsehberichten ist die Journalistin selbst mittlerweile im Tal bekannt wie ein bunter Hund. «Zu mir sind alle wahnsinnig herzlich», erzählt sie. «Neulich hielt einer mit dem Speedboot auf dem Rhein an und rief: 'Frau Schober, hier ist ein Eis für Sie.'»

Ihre Berühmtheit scheint der Burgenbloggerin eher unangenehm zu sein, so wie auch manche der Presseberichte, in denen sie als eine Art modernes Burgfräulein dargestellt wurde. Schober sieht sich als Lokaljournalistin, nicht mehr, aber auch nicht weniger: «Ich könnte diesen Job auch ohne diese Burg machen.»

Eine ungetrübte Idylle herrscht auf der Sooneck ohnehin nicht, obwohl sie mitten in der Unesco-geadelten Welterbe-Region liegt. Der Lärm der Güterzüge, der den Menschen im Tal den Schlaf raubt, wird hier sogar noch von dem Krach des nahe gelegenen Steinbruchs übertönt. Aus Niederheimbach direkt unterhalb der Burg ziehen die Menschen weg, genau wie aus den Nachbargemeinden.

Entlang der Bundesstraße, die sich durch den Ort zieht, sehen zwei von drei Häusern aus, als seien sie unbewohnt. Jessica Schober muss 13 Kilometer bis zum nächsten Supermarkt fahren. Ein Rezept, wie die in die Jahre gekommenen Touristik-Kommunen entlang des Rheins fit für die Zukunft gemacht werden könnte, sind die politisch Verantwortlichen bislang schuldig geblieben.

Dabei gibt es viele innovative Ideen, frischen Wind in das Tal zu bringen. Der Burgenblog ist eine davon. Vielleicht könnte das Projekt sogar das Entstehen einer gemeinsamen Identität in der Welterbe-Region beflügeln, denn bislang waren die Welterbe-Orte eher dafür bekannt, jeweils ihre eigenen Süppchen zu kochen.

«Ich staune, wenn mir ein Schuldirektor erzählt, dass Elftklässler noch nie auf der anderen Rhein-Seite waren», sagt die Wahl-Münchnerin Schober. Über das Eigenbrötlertum im Tal und das «relativ versiffte» Loreley-Plateau hatte bereits kurz nach dem Start des Blogs auch der Mainzer Kulturstaatssekretär Walter Schumacher (SPD) in einem Interview mit der Burgenbloggerin gestichelt. Die Angelegenheit schaukelte sich zur «Siffgate-Affäre» hoch. Die CDU-Opposition schäumte und forderte in einer Aktuellen Stunde im Landtag, Schumacher müsse von seinem Amt als Welterbebeauftragter enthoben werden.

«Seit dem Schumacher-Interview kommt kaum eine Touristik-Veranstaltung im Tal ohne Verweis auf die Burgenbloggerin aus», sagt Schober. Auch der vielgescholtene Staatssekretär Walter Schumacher findet das Burgenblog-Projekt und die erste Amtsinhaberin nach wie vor wunderbar: «Sie hat die richtige Mischung gefunden aus dem, was gut und schön und einmalig ist im Tal und den Dingen, die die Leute bedrängen».

Selbst als die Bloggerin im Juli beichtete, sie stehe «kurz vor dem Talkoller» und überhaupt sei das Mittelrheintal für sie «kein Ort zum Bleiben», erhielt sie von den Lesern viel Zuspruch. «Oberflächliche Bänkelsänger hatten wir genug», kommentierte einer aus der Fangemeinde den Beitrag, «es braucht jemanden, der auch die dunkle Seite der Romantik sieht und beschreibt.» Erst wenn es «vom Kitsch befreit» sei, könne die echte Schönheit des Tals wieder ihre Wirkung zeigen. Das scheint auch die Mainzer Landesregierung so zu sehen. Für das Sommerhalbjahr 2016 werden schon Bewerbungen auf die Burgenblogger-Stelle angenommen.

Von Karsten Packeiser (epd)