Kirche
Bundesumweltministerin Hendricks im Gespräch mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm auf der Synode in Bonn.
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Keine Katerstimmung bei den Protestanten
Bonn (epd). Über einen "Reformationskater" wurde unter Protestanten in den vergangenen Wochen häufiger gescherzt. Ein Jahr lang hatte die evangelische Kirche das 500. Reformationsjubiläum gefeiert. Jahrelang wurde es vorbereitet. Da erschien es fast unwirklich, dass es am 31. Oktober, dem Reformationstag, alles vorbei sein sollte. "Was kommt nun?", fragten sich Haupt- und Ehrenamtliche der evangelischen Kirche, die unter Mitgliederschwund leidet, perspektivisch geringere Steuereinnahmen zu verkraften hat und in einer pluralen Gesellschaft längst nicht mehr selbstverständlich mit ihrer Botschaft durchdringt.

Ernüchtert wirkten die Veranstalter des Reformationsjubiläums, als manche Besucherzahlen etwa bei der mehrmonatigen Weltausstellung Reformation in Wittenberg nicht so hoch wie erwartet ausfielen. Beflügelt schienen dieselben dann vom Reformationstag vor knapp zwei Wochen: Bundesweit waren die Kirchen überfüllt. Selbst die größten Optimisten unter Bischöfen und Pfarrern hat dieser Zulauf überrascht. Dass Menschen wegen voller Kirchen sogar abgewiesen werden mussten, "dieses Problem hatten wir noch nie", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, am 12. November in Bonn. Sie spüre keinen Kater, sondern Aufbruchstimmung, sagte EKD-Synodenpräses Irmgard Schwaetzer. Seit dem 12. November tagt in der ehemaligen Bundeshauptstadt das Kirchenparlament.

Aus den Erfahrungen von Enttäuschung bis Euphorie sollen die Synodalen Lehren für die Zukunft ziehen. Unter dem Leitwort "Es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden" will das Kirchenparlament einen Diskussionsprozess anstoßen - mit Vertretern aus allen Landeskirchen, Hauptamtlichen, Laien, Engagierten. Es soll ein Prozess werden, der die Basis der evangelischen Kirche mitnimmt - das ist erklärtes Ziel von Bedford-Strohm und Schwaetzer.

Traditionell begann die Synodentagung mit einem Gottesdienst. In der Bonner Kreuzkirche erlebten die Besucher einen engagierten Jugendchor, der Pop-Songs interpretierte, und das Duo "2Flügel" mit nachdenklichen Klängen und Worten zu Spiritualität und Verantwortung in der Welt von heute. Der rheinische Präses Manfred Rekowski predigte gegen eine Haltung der Resignation. Die Gestaltung sei ein Zeichen dafür, dass neben den traditionellen Gottesdiensten andere Formen möglich sind, "von denen sich andere Menschen ansprechen lassen", sagte Schwaetzer.

Das gibt eine Richtung für die Zukunft vor. Traditionen sollen überprüft werden, alte Zöpfe zur Not abgeschnitten werden. Und auch von ihrem "moralischen Imperativ" sollte sich die Kirche lösen, riet Bedford-Strohm in seinem Bericht - mit dem Zusatz des Wortes "Selbstkritik". Rückblickend auf die Fluchtbewegung nach Deutschland konstatierte er, es müsse nachdenklich machen, dass die Vermittlung der kirchlichen Position "uns nur bedingt, bei manchen gar nicht gelungen ist".

Diese Position lautet: unbedingter Flüchtlingsschutz. Dabei bleibe er auch, sagte Bedford-Strohm. Man müsse sie aber auch plausibel machen. Der oberste Repräsentant der evangelischen Kirche sprach sich für "werbende Vernunft" anstelle moralischer Appelle aus. Wie die Politik stellt auch die evangelische Kirche fest, dass man seine Positionen und Handlungen stärker erklären muss.

Am 13. November begannen die Beratungen der Synodalen über die Zukunft. Bis zum 15. November stehen weitere Punkte auf der Tagesordnung, die ebenso den Blick nach vorn richten. Es wird um Digitalisierung gehen, eine Studie über den Frauenanteil in verantwortlichen Positionen und Klimaschutz. Zeitgleich tagt in Bonn auch die UN-Klimakonferenz.

Die Synode beschließt außerdem den Haushalt der EKD, bei dem in diesem Jahr insbesondere auch auf die Kosten für das Reformationsjubiläum geblickt wird. Ein Nachfinanzierungsbedarf ist wahrscheinlich. Synodenpräses Schwaetzer dringt auf volle Transparenz. Dieser Punkt könnte noch einmal für Diskussionsstoff sorgen, vielleicht sogar doch noch für einen kleinen Kater.

Von Corinna Buschow (epd)