Medien
Grimme-Preis für ProSieben-Show entzweit Jury
Erneute Auszeichnung für Satiriker Jan Böhmermann
Marl (epd). NSU-Terror, Flucht und Abschiebung, Kampf gegen den IS, Pädophile im Internet: In diesem Jahr gehen Grimme-Preise an Produktionen über brisante aktuelle Themen. Auch ZDF-Satiriker Jan Böhmermann ist wieder unter den Preisträgern, die das Grimme-Institut am 8. März in Essen vorstellte. Für Streit in der Jury Unterhaltung sorgte die Auszeichnung der ProSieben-Show "Applaus und Raus!" mit Moderator Oliver Polak. Es war der einzige Preis für einen Privatsender.

Während die Jury-Mehrheit in der Begründung lobte, Polak gelinge es, das "ausgeleierte" Fernsehgesprächsformat "in die Sphären des Interessanten und Unerwarteten zurückzuholen", distanzierten sich zwei Jury-Mitglieder von der Entscheidung. Der Jury-Vorsitzende Dieter Anschlag kritisierte, der für die Show verwendete Hashtag #gastoderspast und der - später geänderte - Twitter-Account @GastOderSpast diskriminierten behinderte Menschen. "Eine solche Geisteshaltung und eine Sendung, die es zum Prinzip erhebt, Menschen bei Nichtgefallen 'rauszuschmeißen'", seien einer wertegetragenen Auszeichnung wie des Grimme-Preises nicht würdig. Der Juror Jürn Kruse veröffentlichte im Online-Auftritt der "tageszeitung" einen Brief an Polak, in dem er ebenfalls den Hashtag kritisierte.

Insgesamt wurden zwölf Preise, zwei Spezialpreise sowie eine Auszeichnung für eine besondere journalistische Leistung in den vier Kategorien Fiktion, Unterhaltung, Info und Kultur sowie Kinder und Jugend vergeben. Sie zeigten "auf beeindruckende Weise", wie komplexe Sachverhalte, politische Verstrickungen oder die Logik von Krieg und Terror im Medium Fernsehen umgesetzt werden könnten, hob Grimme-Direktorin Frauke Gerlach hervor.

Die Auszeichnungen werden am 31. März im Theater Marl verliehen. Laut Grimme-Institut beteiligten sich mit mehr als 1.000 Einreichungen in diesem Jahr so viele Produktionen wie noch nie im Wettbewerb. Der undotierte Preis wird in diesem Jahr zum 53. Mal vergeben und gilt als wichtigster deutscher Fernsehpreis. Gesellschafter des Grimme-Instituts sind der Deutsche Volkshochschul-Verband, WDR, ZDF, die Film- und Medienstiftung NRW, die Landesanstalt für Medien NRW, die Stadt Marl und das Land Nordrhein-Westfalen.

Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann bekommt erneut einen Grimme-Preis für sein "Neo Magazin Royale". In diesem Jahr wird er gemeinsam mit seinem Team für die Beiträge #verafake über fragwürdige Produktionsbedingungen bei der RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht" und "Einspielerschleife" mit einem Spezialpreis in der Kategorie Unterhaltung geehrt.

Gleich zwei Auszeichnungen gibt es in diesem Jahr bei den fiktionalen Produktionen für die Trilogie "Mitten in Deutschland: NSU" (ARD). Die Jury würdigte nicht nur den ersten Teil über den Werdegang des mörderischen Neonazi-Trios, einen Spezialpreis gab es zudem für das Konzept, die Hintergründe der rassistischen Mordserie aus den drei Perspektiven der Täter, der Opfer und der Ermittler zu beleuchten. Die Produktion habe für die Aufarbeitung und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem NSU-Terror einen Maßstab gesetzt, hieß es.

Ein weiterer Preis in der Kategorie Fiktion geht an den Fernsehfilm "Das weiße Kaninchen" (ARD/SWR) über die Gefahren des Internet für Kinder und Jugendliche, den die Jury als "ein überaus garstiges Märchen aus der heutigen Zeit" bezeichnete. Ausgezeichnet werden auch "Dead Man Working" (HR/ARD Degeto) über den Selbstmord eines Investmentbankers und das Mutter-Tochter-Drama "Ein Teil von uns" (BR).

In der Kategorie Information und Kultur entschieden sich die Juroren für die "mutige" NDR-Reportage "45 Min: Protokoll einer Abschiebung" über eine Abschiebeaktion in Norddeutschland. Ausgezeichnet wurden außerdem der Beitrag "Ebola" (SWR/Arte) des Filmemachers Carl Gierstorfer, Lena Leonhardt von der Filmakademie Baden-Württemberg für ihren Diplomfilm "Hundesoldaten" (SWR) über die Diensthunde der Bundeswehr und Artem Demenok und Andreas Christoph Schmidt für den Zweiteiler "Schatten des Krieges" (RBB/NDR) über die russische Sicht auf die Kriegsjahre.

Die Auszeichnung für die "besondere journalistische Leistung" in der Kategorie Information & Kultur ging an den Journalisten und Dokumentarfilmer Ashwin Raman für seine Produktionen "Im Nebel des Krieges - An den Frontlinien zum Islamischen Staat" (ARD/SWR) und "An vorderster Front" (ZDF). Raman ging für seine beiden Filme allein in die Kriegsgebiete, um direkt von den verworrenen Frontverläufen zum "Islamischen Staat" und vom alltäglichen Leben neben dem Kampf zu berichten.