Ethik
Menschlicher Embryo
© epd-bild / Thomas Lohnes
Gen-Forschung: "Interessen der gesamtem Mehrheit berührt"
Ethikrat fordert von Bundestag Debatte über Eingriffe in menschliche Keimbahn
Berlin (epd). Die Tragweite "ist erheblich", die "Interessen der gesamten Menschheit" sind berührt: Selten nutzt der Deutsche Ethikrat in seinen Empfehlungen an die Politik eine solch eindringliche Sprache. Am 29. September veröffentlichte das Gremium aus 26 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen eine Stellungnahme, in der es den neu gewählten Bundestag und die künftige Bundesregierung dazu auffordert, ein forschungsethisches Thema vorn auf die Agenda der Wahlperiode zu setzen: die sogenannte Genomchirurgie, die Eingriffe in die menschliche Keimbahn - das früheste Entwicklungsstadium des Menschen - mit möglicherweise weitreichenden Folgen ermöglicht.

Die technischen Möglichkeiten des Genome-Editings - so ein anderer Fachbegriff - würfen komplexe und grundlegende ethische Fragen auf, heißt es in dem Papier. Die Stellungnahme des Ethikrats wurde den Angaben zufolge am Donnerstag einstimmig verabschiedet - auch das ein Signal der Dringlichkeit, denn Empfehlungen des Gremiums wurden in der jüngeren Vergangenheit vermehrt durch Mehrheitsvotum oder mit Sondervoten verabschiedet, weil in dem vielfältig besetzten Gremium in kniffligen ethischen Fragen verschiedene Auffassungen blieben.

Hintergrund des nun einstimmigen Appells ist, so heißt es im Papier, "dass die Forschung auf diesem besonders sensiblen Gebiet erheblich schneller voranschreitet als erwartet und damit zumindest in einigen Staaten Fakten geschaffen werden". Anfang August wurde bekannt, dass es Forschern der Universität in Portland (USA) gelungen war, in der DNA eines künstlich erzeugten Embryos eine Mutation zu beheben, die eine schwere Herzkrankheit verursacht. Wissenschaftler und Ethiker weltweit schreckte diese Nachricht auf.

Möglich wird diese Forschung durch die Entdeckung der sogenannten Gen-Schere Crispr-Cas9, mit der präzise, effizient und kostengünstig Teile der DNA beschnitten, gelöscht oder verändert werden können. Die Eingriffe sind auch bei Pflanzen und Tieren sowie an Zellen Erwachsener möglich. Insbesondere Eingriffe in die menschliche Keimbahn - dem Vorstadium des Embryos - sorgen für ethische Vorbehalte, da die Veränderungen weitervererbt und das menschliche Genom dauerhaft modifiziert würden.

Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte gehe es um medizinische Maßnahmen, die nicht nur einwilligungsfähige Patienten oder ein ungeborenes Kind betreffen, "sondern Generationen noch nicht gezeugter Nachkommen unbestimmter Zahl", schreibt der Ethikrat. Das sei "moralisch anders zu beurteilen".

In Deutschland ist die Forschung an der menschlichen Keimbahn, wie sie derzeit in den USA, aber auch in China, Südkorea und Großbritannien betrieben wird, durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Auch wenn kein "akuter nationaler Handlungsbedarf" gesehen werde, fordert der Ethikrat Politik und Gesellschaft in Deutschland auf, sich an der Debatte darüber international zu beteiligen.

Konkret schlägt er vor, Bundestag und Regierung sollten sich für eine Diskussion auf UN-Ebene und eine internationale Konferenz einsetzen, um zu global verbindlichen Regularien zu kommen. Führende Wissenschaftler und Ethiker hatten für die Forschung an der menschlichen Keimbahn mithilfe des Genome-Editings wiederholt ein Moratorium gefordert, solange die Folgen der noch jungen Forschung nicht absehbar sind. Verabschiedet wurde eine verbindliche internationale Regelung bislang aber nicht.

Von Corinna Buschow (epd)