Soziales
Mutter mit ihren Kindern im Eltern-Kind-Arbeitszimmer der evangelischen Landeskirche in Berlin.
© epd-bild / Rolf Zöllner
Freier Tag fürs Babyschwimmen
Arbeitgeber entscheiden über Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben
Dortmund (epd). Marie-Christine Lipka arbeitet für die Personalentwicklung bei der Versicherung "Volkswohl-Bund" in Dortmund. Sie erwartet Anfang April ihr erstes Kind. Nach der Elternzeit will sie ins Unternehmen zurückkehren. Während andere werdende Eltern sich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen, bleibt sie entspannt. "Auf die jeweiligen Bedürfnisse der Mitarbeitenden wird hier sehr geachtet. Wir haben allein 124 verschiedene Teilzeit-Modelle."

Für einige Mitarbeiter ist es wichtig, mittwochs fürs Babyschwimmen frei zu haben. Für andere ist es nötig, das Haus täglich um 15 Uhr verlassen zu können, weil ab dem Nachmittag ein pflegebedürftiger Angehöriger betreut werden muss. Die Versicherung mit mehr als 550 Beschäftigten ist im November von der Initiative "Total E-Quality Deutschland" für ihr Gleichstellungsengagement ausgezeichnet worden. Personalentwicklerin Lipka vom "Volkswohl-Bund" sagt: "Wir setzen uns dafür ein, weil wir unsere Mitarbeiter halten wollen und nicht zuletzt auch gemerkt haben, dass sie bei guten Arbeitsbedingungen bessere Leistung erbringen."

Oftmals seien es Betriebe im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen oder die öffentliche Verwaltung, die sich für eine bessere Vereinbarkeit stark machen. Familienfreundlich könnten aber Unternehmen nahezu jeder Größe und Branche sein, sagte eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Auch solche Unternehmen mit hohen Flexibilitätsanforderungen wie Dienstreisen und Rufbereitschaft." Es komme auf den betrieblichen Gestaltungswillen an.

Laut der Studie "Partnerschaftliche Vereinbarkeit - Die Rolle der Betriebe" des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) arbeiten in Deutschland derzeit etwa 20 Prozent der Eltern kleiner Kinder in familienfreundlichen Betrieben. Wenn dem nicht so ist, sind vor allem Frauen von der schlechten Vereinbarkeit betroffen, belegt der Familienreport 2017 des Bundesfamilienministeriums: Oftmals übernehmen sie die Fürsorgepflichten für Kinder und ältere Angehörige.

Yvonne Ziegler, Betriebswirtin an der Frankfurt University of Applied Sciences, forscht zu Karrierechancen und -hindernissen von berufstätigen Müttern. Nach ihren Erkenntnissen wünschen sich Schwangere, dass das Unternehmen mit ihnen gemeinsam nach einer Vertretung sucht und dass der Betrieb ihnen Möglichkeiten zur Kontaktpflege während der Elternzeit anbietet.

Vielfach gelten flexiblere Arbeitszeiten oder Teilzeit als Patentrezepte, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Davor warnt die Psychologin Kathrin Dewender vom Dortmunder Coachingunternehmen "a tempo". Denn Teilzeit könne Arbeitnehmer in finanzielle Engpässe bringen. "Einen pauschalen Rat gibt es nicht. Wichtig sind vor allem enge Absprachen. Eine frühzeitige, realistische Planung ist die halbe Miete." Wenn klar sei, wann der Mitarbeiter mit wie vielen Wochenstunden wiederkomme, könne die Übergangs- und Folgezeit deutlich besser geplant werden.

Außerdem werden Forderungen nach einem gesellschaftlichen Wandel laut: Dazu zählen zum Beispiel bessere Betreuungseinrichtungen für Kinder - mit längeren Öffnungszeiten und ausgebautem Bildungsangebot. Christa Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) fordert, mehr in die öffentliche Kinderbetreuung zu investieren und diese stärker auf den Bedarf der Familien auszurichten. "Wenn das Kind gut betreut ist, macht es das für Eltern leichter."

Von Insa van den Berg (epd)