Soziales
Alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern.
© epd-bild / Maike Gloeckner
Erziehen ohne Geld
Alleinerziehende haben besonders häufig massive finanzielle Probleme
Stuttgart (epd). Irgendwann geht es immer ums Geld: Das war bei der Frau so, deren gut bezahlter Job in der Schokoladenfabrik gekündigt wurde und die nun das großherzige Angebot bekam, für den halben Stundenlohn wieder eingestellt zu werden. Oder aber bei jener Mutter, deren Ex-Mann eine noch besser bezahlte Stelle bei einem schwäbischen Autobauer innehatte. "Der hätte 900 Euro an Unterhalt zahlen müssen. Damit er das nicht machen muss, hat er einfach gekündigt. Dass er sich so selber schadet, war ihm ganz egal", sagt Brigitte Rösiger. Am Ende hatten beide alleinerziehende Frauen massive finanzielle Probleme. "Eine von ihnen war so weit, dass sie jede Brezel durchrechnen musste, die sie ihren Kindern kaufen wollte."

Rösiger ist Geschäftsführerin des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter in Baden-Württemberg. Die Organisation macht auch eine Art Seelsorge für Alleinerziehende: Rund 600 Mal im Jahr spricht Rösiger am Telefon mit einem Menschen, der mit seiner Situation nicht zurechtkommt und bei alldem immer noch an seine Kinder denken muss. Hinzu kommen zahlreiche Mails, die in der Geschäftsstelle des Verbandes landen. "Meistens sind es nach wie vor Frauen, die sich an uns wenden. Aber es werden mit der Zeit mehr Männer." Ihr Problem: Es gibt so gut wie keine Hilfe.

Seit sechs Jahren macht Rösiger diese Arbeit jetzt. So unterschiedlich die Alleinerziehenden sind: Die Fragen, mit denen sie sich an den Landesverband wenden, gleichen sich: "Manche Menschen leiden unter Trennungsschmerzen, andere sind überfordert, weil sie die Verantwortung für die Kinder nun ganz alleine tragen müssen.

Vor allem aber hätten die Leute finanzielle Fragen. Denn nach wie vor fehle ein soziales Netz, das Alleinerziehende auffange: "Wenn die Menschen sich binden und Kinder kriegen, reduziert auch heute meistens die Mutter ihre Arbeitszeit. Kommt es nun zu einer Trennung, ist sie dann diejenige, die den beruflichen Anschluss verpasst hat." Das sei auch deswegen fatal, weil oft kein Anspruch auf Arbeitslosengeld bestehe und der Ex-Partner allzu oft die Unterhaltszahlung verweigere.

Fakt ist: Keine andere gesellschaftliche Gruppe leidet so oft und umfassend unter den Auswirkungen von Armut wie Alleinerziehende. Das zeigt ein Blick in den aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der am Mittwoch vom Kabinett beschlossen wurde: Alleinerziehende haben demnach ein Armutsrisiko von rund 43 Prozent. Das Risiko der Durchschnittsbevölkerung liegt bei 16 Prozent. Rund zwölf Prozent der Alleinerziehenden leben mit erheblichen materiellen Entbehrungen, das sind dreimal so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Das schlägt sich auch nieder auf die sozialen Kontakte: Fast ein Viertel aller Alleinerziehenden hat überdurchschnittlich wenig davon.

Und doch gibt es Entwicklungen, die Alleinerziehenden-Vertreterin Rösiger Hoffnung machen: Dazu gehört etwa die Reform des Unterhaltsvorschusses, den der Staat den Betroffenen gewährt, wenn der andere Elternteil seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommt: Bisher war dieser maximal bis zum zwölften Lebensjahr eines Kindes ausgezahlt worden, künftig soll der Bezug bis zum 18. Geburtstag möglich sein. "Das ist besser als nichts. So haben Alleinerziehende wenigstens etwas Geld für ihre Kinder", sagt Rösiger. Andererseits würden sie besteuert wie Singles, wogegen kinderlose Paare über das Ehegattensplitting in den Genuss von Steuervorteilen kämen.

Was Brigitte Rösiger am meisten vermisst, ist jedoch das Verständnis für die Situation alleinerziehender Mütter und Väter. Gerade erst hatte sie wieder so einen Fall in der Beratung: "Da hat eine Mutter nicht alle angeforderten Unterlagen und Kontoauszüge zum Jobcenter gebracht. Also hat man ihr die Unterstützung gestrichen. Komplett." Da der Vater der Kinder keinen Unterhalt gezahlt habe, habe die Frau mehrere Monate ohne jedes Einkommen gelebt. "So ist das. Es wird ganz schnell sanktioniert." Die Situation der Kinder sei vielen Behördenmitarbeitern schlicht egal.

Von Sebastian Stoll (epd)