Soziales
Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes bei der Arbeit.
© epd-bild / Werner Krueper
Erleichterung und Enttäuschung
Seit drei Monaten gilt die Pflegereform
Bonn (epd). Jeden Morgen steht Rita Riegel um fünf Uhr auf, um noch vor der Arbeit ihre Großmutter zu versorgen: Waschen, Anziehen und Frühstück machen. Bis vor kurzem ging die Enkelin danach manchmal mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus. Denn bisweilen musste sie die demente Seniorin den ganzen Tag alleine lassen. Seit Inkrafttreten der Pflegereform zu Jahresbeginn ist das anders. Rita Riegel kann es sich nun leisten, ihre Oma an vier statt bisher drei Tagen pro Woche in einer Tagespflegeeinrichtung unterzubringen.

"Das hat mir sehr geholfen", sagt Rita Riegel, die 30 Stunden pro Woche als Schulsekretärin arbeitet. Als einzige nahestehende Angehörige pflegt sie die Großmutter alleine. Diese profitiert nun von der Einführung der neuen fünf Pflegegrade, die dementielle Erkrankungen besser berücksichtigen als das alte dreistufige Modell. Die 91-Jährige wurde mit Inkrafttreten der Pflegereform zum Jahresanfang von Pflegestufe 1 auf Pflegegrad 3 hochgestuft und erhält nun statt 244 Euro monatlich 545 Euro Pflegegeld.

"Die Pflegereform hat sich für viele Angehörige positiv ausgewirkt", beobachtet auch Monika Muhic-Brose, Leiterin der Bonner Tagesbetreuung der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland. Ihre Tagespflegeeinrichtung habe Anfang des Jahres sieben Neuzugänge bekommen, vier Gäste hätten um ein oder zwei Tage aufgestockt. "Jetzt haben wir eine Warteliste."

Nach Erwartungen des Bundesgesundheitsministeriums werden durch die Pflegereform zusätzlich rund 500.000 Menschen finanzielle Unterstützung erhalten. Genau da sieht Hans-Jürgen Freter von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft die Schwierigkeit. Die Reform sei gut. "Aber das Problem ist der Pflegenotstand." Mit der Pflegereform sei eine verstärkte Nachfrage zu erwarten. Doch es werde möglicherweise nicht gelingen, diese auch zu befriedigen, weil schon jetzt Pflegekräfte fehlten.

Herbert Mauel, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, erwartet, dass sich die Qualität der Pflege und Betreuung, vor allem für Heimbewohner, durch die Reform nicht unbedingt verbessern wird. "Die Heime sind das Stiefkind der Reform", kritisiert er. Der Grund: "Den Heimbewohnern steht zwar etwas mehr Geld zur Verfügung, nicht aber den Heimen." Für die Einrichtungen habe es keine spürbaren strukturellen Verbesserungen gegeben.

"Bei vielen Pflegeheimbewohnern hat die Umstellung auf die neuen Regelungen für Verunsicherung gesorgt", beobachtet Catharina Hansen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Verwirrung sei vor allem durch die Einführung des sogenannten einrichtungseinheitlichen Eigenanteils entstanden. Diese Änderung bedeutet, dass nun innerhalb einer Einrichtung jeder Heimbewohner denselben Eigenanteil für pflegerische Leistungen zahlt. Bis Ende vergangenen Jahres war das anders. Da wurde Bewohnern mit niedriger Pflegestufe deutlich weniger Eigenanteil für die Pflege berechnet als stark pflegebedürftigen Menschen.

Dieser finanzielle Vorteil für Heimbewohner mit wenig Pflegebedarf fällt nun durch die Vereinheitlichung weg. Der Eigenanteil für Heimbewohner, die mit wenig Hilfe auskommen, ist also gestiegen. Die Mehrkosten übernimmt zwar die Pflegekasse. Denn Menschen, die schon seit vergangenem Jahr im Heim wohnen, haben einen Bestandsschutz.

Aber viele Heime haben die Preise für Unterkunft und Verpflegung erhöht. Und diese Seigerungen müssen die Heimbewohner selbst tragen. Das sorge für Verwirrung, sagt Hansen.

Zumal es Fälle gebe, in denen die Heime die Entgelte und damit den Eigenanteil für Leistungen sogar drastisch erhöht hätten, sagt Ulrike Kempchen von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen in Bonn. "Wir haben in Einzelfällen Gesamterhöhungen bis zu 20 Prozent gesehen."

Für pflegende Angehörige wie Rita Riegel gibt es indes deutliche Verbesserungen. Sie konnte nicht nur die Tagespflege für die Großmutter aufstocken. Außerdem hat die 54-Jährige nun auch Anspruch auf zusätzliche Beiträge zur Rentenversicherung. Und sie ist froh, dass sich auch die Leistungen für Kurzzeit- und Verhinderungspflege verbessert haben, so dass sie im Sommer sorgenfrei Urlaub machen kann. "Das ist endlich mal eine Anerkennung für das, was ich leiste."

Von Claudia Rometsch (epd)