Kirche
Kerzen, Kreuze und Blumen bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz zum Gedenken an den Terroranschlag vor einem Jahr
© epd-bild / Christian Ditsch
Ein Stern wie ein Hoffnungszeichen
Notfallseelsorger der evangelischen Landeskirche erinnern sich an ihren Einsatz beim Attentat am Breitscheidplatz
Berlin (epd). Peter Radziwill ist schnell vor Ort. Nur wenige Minuten nachdem der Attentäter Anis Amri mit dem gekaperten Lastwagen am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz donnert, geht der Notruf ein. Pfarrer Radziwill und Einsatzleiter Justus Münster sind um viertel vor neun an der Unglücksstelle. Was die beiden Notfallseelsorger der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vorfinden, macht Radziwill auch ein Jahr danach noch sprachlos.

"Alles war still, die Blaulichter der Einsatzfahrzeuge, die sonst zur Sicherung eines Einsatzes laufen, waren aus. Aber der Stern eines Tannenbaums, den der Lkw niedergewalzt hatte, leuchtete wie ein Hoffnungszeichen weiter", erinnert er sich. Sofort verschaffen sich die erfahrenen Notfallseelsorger einen Überblick und koordinieren die Betreuung. Einen Betreuungspunkt richtet die Polizei in einer Autovermietung ein. Später wird das Hotel Waldorf Astoria Räume zur Versorgung und Betreuung einrichten.

Daniela Birk ist zu diesem Zeitpunkt noch zu Hause. Von ihrem Sohn erfährt sie, dass etwas passiert sein muss. "Mama, bist Du im Einsatz", fragt er am Telefon, nachdem er auf Facebook von dem Vorfall liest. Dann geht schon der Notruf bei ihr ein. Daniela Birk fährt in Windeseile zum Bahnhof Zoo. Obwohl zu diesem Zeitpunkt offiziell noch von einem Unfall die Rede ist, ahnt sie, dass etwas anderes vorgefallen ist: "Ich weiß noch, dass ich auf der Fahrt dachte: Das ist unser Nizza."

Dort war Birk ebenfalls im Einsatz: Nach dem Lkw-Anschlag vom 14. Juli 2016, bei dem eine Berliner Lehrerin und zwei Schülerinnen ums Leben kamen, begleitete sie die Schulklassen von Südfrankreich zurück nach Berlin. Am Breitscheidplatz teilen sie Radziwill und Münster zunächst zur Betreuung in einem Feuerwehrbus ein. Die meisten Opfer hier sind leichter verletzt, da die Schwerverletzten bereits in Krankenhäusern sind. Aber auch im Bus stehen die Opfer unter Schock. "Die Fassungslosigkeit darüber, einem Attentäter so hilflos ausgeliefert zu sein, diese Erfahrung prägt einen fürs Leben", sagt Birk.

Gerade deshalb versuchen Radziwill und Münster möglichst eine Eins-zu-eins-Betreuung sicherzustellen. Über 25 Notfallseelsorger werden bis weit in die Nacht Opfer und Angehörige betreuen. Als auch die leichter Verletzten in Krankenhäuser kommen, konzentriert sich Birk auf die Angehörigen, spricht mit ihnen, hört zu, hält eine Hand. Sie blendet aus, was draußen geschieht. "Wir bekommen eine Art Tunnelblick", sagt sie. Ihre Umgebung nimmt sie "nur gedämpft wahr", selbst in der Erinnerung "ist alles unscharf".

In dieser kalten Dezember-Nacht liegt die Herausforderung für die Notfallseelsorger in der Ungewissheit für die Angehörigen. "72 Stunden waren sie im Unklaren, was mit ihren Kindern oder Ehepartnern ist", sagt Radziwill. Die Vermissten-Leitstelle in Berlin bricht zusammen, später wird auf Potsdam umgeschaltet, aber dort gibt es keine Auskünfte. "Das ist richtig schiefgelaufen", sagt er. Zudem separiert die Polizei laut Radziwill Zeugen, die das Attentat miterlebten. Zu ihnen erhalten die Seelsorger keinen Zugang, "obwohl die Leute die Betreuung gebraucht hätten".

Für viele, die um Freunde oder Angehörige bangen, kommt in der Nacht ein erlösender Anruf, oft von den Betroffenen selbst. "Da waren wir auch erleichtert", sagt Radziwill. Für eine Familie jedoch bleibt die zehrende Ungewissheit. Gegen Mitternacht verlässt sie den Betreuungsplatz - und wird erst viel später erfahren, dass ihr Angehöriger unter den Toten ist.

Gegen zwei Uhr kommt für Radziwill, Birk und ihre Kollegen die Ablösung. Zuhause setzt sich Birk gleich an den Computer. "Ich musste erst mal nachlesen, was eigentlich passiert war", sagt sie. Um das Erlebte zu verarbeiten, sprechen die Notfallseelsorger in den nächsten Tagen häufig miteinander über das Attentat. Bei Bedarf erhalten sie Einzel-Supervision. Für Radziwill ist das wichtig, die Reflexion, was gut lief, aber auch die Frage, ob er selbst richtig handelte. "Ich empfinde es als belastend, wenn man unsicher aus einem Einsatz geht", sagt er. Auch Birk tun die Gespräche gut, im Team erlebt sie Halt und Stärkung.

Von jenen, die sie bei den Ereignissen betreuen, erfahren die Notfallseelsorger in der Regel nicht, was aus ihnen wird. "Nur selten melden sich die Betroffenen bei uns nochmal", sagt Radziwill. Deshalb wird es ihm und dem Team gut tun, wenn sie später von dem Brief der Angehörigen an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lesen, in dem ihre Arbeit ausdrücklich gelobt wird.

Von Christina Denz (epd)