Entwicklung
Die Band "Magic System" mit Bandleader und UNESCO-Botschafter A'’Salfo (2.v.li.) auf dem FEMUA Festival in Anoumabo, einem Armenviertel von Abidjan.
© epd-bild / Seydou
"Die Jugend will hören, dass sie es schaffen kann"
Die Musikszene von Abidjan zeigt ein Land im Aufbruch
Abidjan (epd). "Du musst arbeiten", brüllt DJ Leo unter dem Applaus Tausender junger Leute ins Mikro. Der Rasta mit den blond gefärbten Haarzopfspitzen fordert das Publikum auf, die Hand zu heben: "Wer sicher ist, dass er einmal Erfolg haben wird, der hebe die Hand!" Alle Hände schnellen in die Höhe.

Das Konzert findet in Anoumabo statt, einem Stadtteil der über sieben Millionen Einwohner zählenden Wirtschaftsmetropole Abidjan in der Elfenbeinküste, Westafrika. Die einfachen Hütten und Tante-Emma-Läden dieses Viertels bilden einen Kontrast zu den Wolkenkratzern und Einkaufszentren der Geschäftsviertel. Die Elfenbeinküste gehört zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften Afrikas.

In Anoumabo wurden auch die vier Mitglieder von "Magic System" geboren, eine der erfolgreichsten afrikanischen Bands. Sie hat mehr als 15 Millionen Alben verkauft und erhielt 2014 die 16. Goldene Schallplatte.

"Die Geschichte von 'Magic System' ist die von vier Jungen aus dem Armenviertel Anoumabo, die auf den Pariser Champs Elysées gelandet sind", sagt Bandleader A'Salfo voller Stolz. Salif Traore, so sein bürgerlicher Name, möchte den Einwohnern seines Viertels zeigen, dass er sie nicht vergessen hat. "Unser Weg inspiriert alle diese jungen Leute, die ohne Hoffnung daran denken wegzugehen. Wenn sie unseren Weg sehen, sagen sie sich, das können auch wir schaffen."

Die Band hat Schulen gebaut, eine Gesundheitsstation und Kinderkrippen. Zudem hat sie das Festival der urbanen Musik von Anoumabo (FEMUA) ins Leben gerufen, Ende April fand es zum zehnten Mal statt.

Rund zwei Millionen Besucher kamen in den zehn Jahren zu den Gratis-Konzerten; etwa 800.000 sahen die Live-Übertragungen der Shows im ivorischen Fernsehen. Bei der Eröffnung waren in diesem Jahr acht Minister anwesend.

Auf der Bühne stehen mehrere Generationen von Musikern: Stars wie Salif Keita aus Mali oder Reggaeman Tiken Jah Fakoly - und ihre "Kinder" und "Enkel", wie man in Afrika sagt, der französische Rapper Black M und die junge Szene von Abidjan.

Die Afrotrap-Rapper von Kiff No Beat aus Abidjan sind 20, 22 und 23 Jahre alt. Auch sie sind für die Jugendlichen Vorbilder, die es "geschafft" haben. Sie stehen bei dem internationalen Label Universal unter Vertrag. Ein erster Hit von Didibé, Black und Elone handelte von den Stromausfällen, die in afrikanischen Großstädten zum Alltag gehören. Der Titel sei nicht politisch engagiert, sondern ein Spaß, sagt Didibé: "Damit jeder sofort an uns denkt, wenn der Strom ausfällt."

"Je ne bois plus" (deutsch: "Ich trinke nicht mehr") lautet der Titel des Hits der Band "Révolution". Gesellschaftskritische Texte singt die Band trotz ihres revolutionären Namens nicht, sondern über "das Leben, die Freude und die Liebe", wie die Band es selbst beschreibt. Die vier Sänger modernisieren den für Abidjan typischen Zouglou-Musikstil.

Zouglou wurde in den 90er Jahren von Studenten erfunden, die gegen ihre Studien- und Lebensbedingungen protestierten und den Zustand der Gesellschaft anprangerten. Heute sind den Jugendlichen offenbar andere Dinge wichtig: "Unsere Revolution war, dass uns diese Themen nicht mehr betreffen", sagt der 30-jährige Prométhé, einer der vier Sänger von "Révolution".

Die Vorbilder von heute seien junge Leute, die Unternehmer werden. "Die Jugend will hören, dass sie es schaffen kann", sagt Prométhé: "Nach allen Krisen, die wir erlebt haben, wollen die jungen Leute nicht mehr hören, was nicht geht."

Die Elfenbeinküste ist seit 2011 wieder im Aufbau. Solange dauerte die Krise, die nach einem Militärstaatsstreich 1999 zunächst zu einem Bürgerkrieg und nach der Wahl von 2010 erneut zu Gewalt führte. Ex-Präsident Laurent Gbagbo, der seine Wahlniederlage nicht anerkannt hatte, wurde im April 2011 von der französischen Armee festgenommen und muss sich in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof verantworten.

Während des Krieges lebten die vier Mitglieder der Band "Révolution" im Stadtteil Youpougon, wo Massaker stattfanden und bewaffnete Milizen Sperren errichteten. "Wir haben wie viele junge Leute gesehen, wie sich die Menschen umbrachten", erinnert sich Prométhé. "Wir fragten uns, ob wir je wieder unseren Beruf als Künstler ausüben können."

Das Musikfestival fand auch statt, als in es in manchen Landesteilen noch Unsicherheit und kriegerische Auseinandersetzungen gab. "Wir wollten das Festival unbedingt veranstalten, weil wir überzeugt sind, dass die Kultur die Leute zusammen bringen und ihnen die Angst nehmen kann", erinnert sich A'Salfo von "Magic System".

Unter dem Motto "Afrika im Klimawandel" haben in diesem Jahr im Rahmen des Festivals freiwillige Helfer Kinder über die Themen Umwelt und Menschenrechte informiert. "Manche Künstler fordern in ihren Liedern, dass sich Afrika ändert, aber vor Ort machen sie nichts", sagt Bandleader A'Salfo: "Ich bringe die Leute mit meiner Musik lieber zum Tanzen und tue etwas vor Ort."

Von Martina Zimmermann (epd)