Ethik
Protest gegen die Zulassung einer umstrittenen Genmaissorte (Archivbild)
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Deutscher Ethikrat: Biotechnik darf kein Geheimwissen bleiben
Wissenschaftler diskutieren über Chancen und Risiken von "Vererbungsturbo"-Technologie
Frankfurt a.M. (epd). Der Deutsche Ethikrat hat über Chancen und Risiken neuester Biotechnologien diskutiert. Es gebe großen Orientierungsbedarf in der Risikoabschätzung, sagte der Ethikrat-Vorsitzende Peter Dabrock am 26. Oktober in Frankfurt am Main. Dabrock forderte zudem mehr Aufklärung. Die neuen Techniken, die schnell, einfach und kostengünstig Eingriffe in das Erbgut ermöglichen, seien noch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen, sagte der evangelische Sozialethiker auf der Tagung "Gene-Drive - Vererbungsturbo in Medizin und Landwirtschaft".

"Gene-Drive" ist ein Sammelbegriff für Biotechnologien zur genetischen Veränderung von Organismen. Techniken wie die sogenannte Gen-Schere CRISPR-Cas9 haben dafür den Weg geebnet. Eingriffe mit Gene-Drive-Systemen werden zurzeit vorwiegend an Insekten erforscht, die gesundheitliche oder landwirtschaftliche Schäden verursachen. Forscher erhoffen sich dadurch große Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten, etwa die durch Moskitos übertragene Malaria. Mit einer Umsetzung in der Praxis wird nach vorsichtigen Schätzungen in acht bis zehn Jahren gerechnet.

Die Technik ist hochumstritten. Kritiker fürchten, dass damit ganze Arten ausgerottet werden könnten. Die nun denkbare Möglichkeit der geplanten und gezielten Abschaffung ganzer Arten durch den Einsatz von Gene-Drive hebe "den Konflikt zwischen Mensch und Natur auf eine neue Ebene", warnte die Tübinger Biologin und Ethikerin Uta Eser.

Forscher wiesen auf der Tagung solche Befürchtungen zurück. Es werde keine Spezies ausgelöscht, sagte der Genetiker Nikolai Windbichler im Frankfurter Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum. Im Labor sei "das Funktionieren der Gene-Drive-Technologie nachgewiesen", fügte er hinzu. Es handele sich allerdings um keine "Wunderwaffe", sondern um eine Technologie, die zusammen mit anderen Anwendungen wie im Fall von Malaria von Schutznetzen und Impfungen kombiniert werden müsse, betonte Windbichler.

Auch in der Landwirtschaft verspricht man sich durch Gene-Drive-Systeme einen Nutzen, etwa in der Bekämpfung von Schädlingen. "Genetische Strategien des Schädlingsmanagements haben sich als praktikable nicht chemische Alternative zur Bekämpfung von Insektenschädlingen erwiesen", sagte der Professor für Insektenbiotechnologie im Pflanzenschutz an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Marc F. Schetelig. Ein Problem sei allerdings, dass sich Gene-Drive-Insekten weit über den Ort ihrer Freisetzung hinaus ausbreiten könnten.

Bei der Anwendung gebe es "Gründe für Besorgnis", so der Bremer Professor für Technikgestaltung und Technologieentwicklung, Arnim von Gleich. Als Beispiele nannte er die "hohe Eingriffstiefe und Wirkmächtigkeit" dieser neuen Technologie im Ökosystem. Seine Maxime sei: "Handle so, dass du noch korrigierend eingreifen kannst, wenn etwas schief geht."