Entwicklung
Kofi Annan im Jahr 2013
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Der Weltveteran: Friedensnobelpreisträger Kofi Annan wird 80
Genf (epd). Es gibt Jobs, in denen man mühelos glänzen und sich selbst auf die Schulter klopfen kann. Solche Jobs aber hat Kofi Annan nie gesucht. Der Ghanaer, der am 8. April seinen 80. Geburtstag feiert, bemühte sich stattdessen, Kriege zu beenden, die Welt zu versöhnen und die Armut zu lindern. Er hat die Vereinten Nationen als Generalsekretär von 1997 bis 2006 fitgemacht fürs 21. Jahrhundert und sich dabei mit der Weltmacht USA ebenso überworfen wie mit Afrikas Potentaten. Und er hat Fehler gemacht, wie er selbst immer wieder zugab.

Von Annan wurde stets Großes erwartet: Seine Eltern stammten aus einer langen Linie traditioneller Herrscher in Westafrika. Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte, Annan war 18, machte sein Vater Karriere und wurde schließlich Präsident der ersten ghanaischen Bank. Sein Sohn Kofi studierte in Ghana, den USA und in Genf, wo er 1962 seine Diplomatenlaufbahn begann. Abgesehen von drei Jahren als Ghanas Tourismusdirektor blieb er den Vereinten Nationen bis zu seiner Pensionierung treu - zuletzt auf dem Chefposten als Generalsekretär.

Dabei profitierte Annan zunächst davon, dass sein Vorgänger - der Ägypter Butros Butros-Ghali - sich mit den USA derart überworfen hatte, dass der damalige Präsident Bill Clinton für die zweite Amtszeit einen neuen Mann aus Afrika suchte. Annan hatte 1990 die Ausreise von knapp 900 UN-Angestellten und westlichen Staatsbürgern aus dem Irak ausgehandelt und als Sondergesandter im ehemaligen Jugoslawien ebenfalls eine gute Figur gemacht. Er wurde schnell zum Wunschkandidaten. Am 13. Dezember 1996 wählte ihn die UN-Vollversammlung zum siebten UN-Generalsekretär - gegen den Widerstand zahlreicher Länder.

Annan stoppte das nicht. Bald nach seinem Amtsantritt kündigte er eine "stille Revolution" bei den UN an. Im ersten Jahr verkleinerte er die Bürokratie, kürzte den Verwaltungshaushalt und ließ die Einsätze von UN-Soldaten, die er jahrelang geführt hatte, auf den Prüfstand stellen. Er bündelte die humanitäre Hilfe in einer neu geschaffenen Nothilfekoordination, gründete den UN-Menschenrechtsrat und ließ die Millenniumsziele zur Überwindung von Hunger und Armut erarbeiten, die im Jahr 2000 erstmals Erfolgsmaßstäbe für die globale Entwicklung festlegten.

Noch wichtiger als die Reformen war das Charisma des Ghanaers: Aus der Organisation mit dem gestrigen Image des Kalten Kriegs machte Annan eine wirkliche Weltorganisation, in deren Zentrum "die Menschen" stehen sollten, wie er immer wieder betonte. Sein Aufruf an das "kollektive Gewissen der Menschheit" etwa, notfalls militärisch gegen Staaten vorzugehen, die Gewalt gegen ihre eigene Bevölkerung einsetzen, traf den Nerv der Zeit - und erinnerte zugleich an eine seiner eigenen großen Niederlagen.

1994, Annan war als Untergeneralsekretär für die Einsätze der UN-Friedenstruppen zuständig, versagten die Blauhelme in Ruanda. Sie griffen im Völkermord nicht ein, mehr als 800.000 Menschen wurden ermordet. Annan sagte später: "Ich hätte mehr tun sollen, mehr warnen und Unterstützung mobilisieren müssen." Auch für das Versagen beim Massaker von Srebrenica, als militante Serben im Juli 1995 unter den Augen niederländischer Blauhelmsoldaten 8.000 Bosnier ermordeten, räumte Annan eine Mitverantwortung ein.

Bald wurde er zum Gesicht der Weltorganisation und zum Gewissen der Welt. Nur wenige Monate nach seiner Wiederwahl für eine zweite Amtszeit, wurde Annan 2001 gemeinsam mit den UN der Friedensnobelpreis verliehen. Er habe der Organisation auf unübertroffene Weise neues Leben eingehaucht, erklärte das Nobelkomitee. Die Auszeichnung gab Annan noch mehr Unabhängigkeit - die er bald brauchte.

Der Irakkrieg 2003 entfremdete ihn mit der US-Regierung unter George W. Bush. "Keine Nation kann sich Sicherheit verschaffen, indem sie die Vorherrschaft über andere sucht", sagte Annan später in seiner letzten Rede als UN-Generalsekretär. Und meinte die USA. Die Rede klingt heute so aktuell wie damals. Auch weil Annans Gegenspieler John R. Bolton hieß, damals UN-Botschafter, ab kommender Woche Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump.

Nach seiner Pensionierung vermittelte Annan 2008 in Kenia, wo politisch aufgeheizte Milizen ein Blutbad angerichtet hatten. Die Vermittlung im Syrienkrieg hingegen gab er auf. Doch über seine Stiftung mischt sich Annan bis heute ein. Von seiner Wahlheimat in Genf aus kommentiert er aktuelle Streitfälle, lobt etwa die Schülerproteste gegen die US-Waffenlobby. "Wenn Staatsführer ihrer Rolle nicht gerecht werden, kann das Volk die Führungsrolle übernehmen und die Anführer zum Folgen zwingen", twittert Annan, streitbar wie eh und je.

Von Marc Engelhardt (epd)