Ethik
Beisetzung von Menschen die sich als Körperspender dem Fachbereich Medizin der Universität Gießen zur Verfügung gestellt hatten.
© epd-bild / Rolf K. Wegst
"Der Tod ist teuer"
Immer mehr Menschen entschließen sich zu Körperspende
Greifswald (epd). Heidi Möller ist sich sicher: "Das Geld für meine Bestattung können meine Kinder besser verwenden." Die 72-Jährige aus einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern will ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Und sie ist nicht allein mit dieser Entscheidung. An vielen Universitäten übersteigt die Zahl der willigen Spender seit geraumer Zeit den Bedarf. Die Unis Aachen, Jena und Mainz etwa teilten mit, sie können auf unbestimmte Zeit keine Körperspendevereinbarungen mehr annehmen.

"Früher haben wir Spender aus ganz Vorpommern angenommen", erklärt auch Professor Karlhans Endlich, Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Greifswald. Nun müssen sie in einem Radius von 20 Kilometern um Greifswald wohnen und dürfen nicht jünger als 50 Jahre alt sein. Bundesweit nehmen rund 35 anatomische Institute Körperspenden an. Für die steigende Spendenbereitschaft sieht der Mediziner unterschiedliche Gründe.

Neben dem Wunsch, einen "Dienst für die Wissenschaft" zu leisten, treibt viele Menschen die Absicht, den Angehörigen nicht mit den Kosten für Beerdigung, Friedhof und Grabpflege zur Last zu fallen. Denn das übernimmt zu großen Teilen die Universität. Das Verfahren ist nicht kompliziert: Nach gründlicher Information wird eine schriftliche Vereinbarung abgeschlossen, die jederzeit ohne Nennung von Gründen rückgängig gemacht werden kann. Das Institut stellt einen Körperspendeausweis aus.

Nach dem Tod wird der Leichnam konserviert und lagert rund ein Jahr im Institut, bevor er in einem Präparationskurs für Studenten eingesetzt wird. Nach Ende des Kurses werden die Körper eingeäschert und bei einem Trauergottesdienst oder einer Gedenkfeier im Kreis von Angehörigen und Studenten beigesetzt. Längst jedoch können die meisten Universitäten die Bestattungskosten nicht mehr allein tragen.

Denn 2004 wurde das Sterbegeld abgeschafft, das im Fall einer Körperspende an die Universitäten überging. Jetzt müssen die Körperspender anteilige Kosten tragen. In Greifswald und Rostock sind es 800 Euro, in München 1.150 und in Hamburg 1.200 Euro. Auch wenn dies immer noch wesentlich weniger ist als eine übliche Bestattung kostet, sieht Institutsdirektor Endlich darin nur einen Grund für die Entscheidung zu einer Körperspende.

"Sterben und bestattet werden ist weniger ritualisiert als früher", so seine Beobachtung. Eine zunehmend individualisierte Gesellschaft, in der auch der Einfluss von Religion und Kirche abnehme, erlaube mehr selbstbestimmte Entscheidungen, auch über den Tod hinaus.

Für die Wissenschaft sind die Körperspenden sehr wichtig. Rund 40 Leichen dienen in der Uni Greifswald im Jahr für die medizinische Ausbildung des Nachwuchses. Dabei ist der Anatomiekurs häufig die erste Begegnung der Studierenden mit einem Toten.

Doch nach dem anfänglichen mulmigen Gefühl stelle sich schnell ein konzentriertes Arbeiten ein, sagt der angehende Mediziner Florian Junge. Nur am menschlichen Körper könnten die künftigen Ärzte die komplexe Anatomie begreifen. "Diese Erfahrung geht weit über das hinaus, was Bücher oder Computeranimationen vermitteln können", ist die Erfahrung des 21-Jährigen.

Die jährliche Gedenkfeier für die Körperspender ist für Medizinstudent Junge die Gelegenheit, sich noch einmal anders mit dem Thema Leben und Tod auseinandersetzen. "Da wird dir noch mal bewusst, dein Präparat hatte ja auch mal ein Leben."

Die abschließende Trauerfeier sei auch wichtig für die Angehörigen, sagt der Greifswalder Dompfarrer Matthias Gürtler, der die Veranstaltung mitorganisiert. "Für die Hinterbliebenen ist es die Trauerfeier, die sie bis dahin nicht hatten." Sie könnten nun abschließen. Aus theologischer Sicht hat Gürtler keine Bedenken: "Unser christlicher Glaube an die Auferstehung gilt nicht nur für unversehrte Körper", sagt er, "wir machen unseren Glauben selbst klein, wenn wir so denken."

Heidi Möller hat es "nicht so mit der Kirche", wie sie es ausdrückt. "Der Tod ist teuer", sagt sie. Der Körperspenderausweis, den sie immer mit sich tragen muss, ist für sie die Beruhigung: "Es ist alles geregelt."

Von Nicole Kiesewetter (epd)