Entwicklung
Die an Lepra erkrankte Afghanin Zahra in einer Gesundheitsstation im Dorf Panjau im afghanischen Zentralgebirge
© DAHW / Sabine Ludwig
Der "Aussatz" ist noch immer nicht bezwungen
Zigtausende neue Lepra-Fälle und Millionen Behinderte
Frankfurt a.M. (epd). Zuerst war es nur eine rötlich-braune Stelle am Fuß. Schmerzhaft war sie nicht. Zahra ignorierte den Fleck. Erst als nach mehreren Wochen immer mehr verfärbte Hautpartien dazu kamen, auch im Gesicht, fuhr ihr Mann die junge Afghanin in die zwei Stunden entfernte Krankenstation in Panjau. Ein Arzt diagnostizierte Lepra. Nach einem etwa zweimonatigen Krankenhausaufenthalt wurde die 36-Jährige wieder gesund, ihr Gesicht aber blieb entstellt, schildert Sabine Ludwig von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW). Die Lepra hinterließ dauerhafte Spuren.

Zahras Schicksal teilen der Expertin zufolge weltweit rund vier Millionen Menschen, meist mit deutlich schlimmeren Folgen. Sie haben leprabedingte Verstümmelungen wie Krallenhände oder Fußstümpfe - Behinderungen, zu denen der aus biblischen Zeiten bekannte "Aussatz" schon längst nicht mehr zwingend führen muss wie in früheren Jahrhunderten. Denn seit 35 Jahren existiert ein wirksames Heilmittel gegen Lepra, das drei verschiedene Antibiotika kombiniert. Leichte Fälle können damit schon innerhalb von sechs Monaten geheilt werden.

Doch nicht alle jährlich rund 220.000 neu an Lepra erkrankten Menschen erreiche der Wirkstoff rechtzeitig, sagt Olaf Hirschmann, Gesundheitsreferent des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm) zum Welt-Lepra-Tag am 28. Januar. Die Lepra bleibe bei vielen Neuerkrankten zunächst unentdeckt. Die betroffenen Hautstellen tun nicht weh, weil die Bakterien die Nerven angreifen und das Schmerzempfinden ausschalten. "Die Leprakranken stoßen ihre Füße, schneiden oder verbrennen sich, ohne es zu merken", erläutert Hirschmann. Weil die Wunden nicht ausreichend versorgt würden, entzündeten sie sich.

Lepra ist vor allem eine Krankheit der Armut. Sie tritt weitgehend in Entwicklungs- und Schwellenländern auf und verbreitet sich in beengten Wohnverhältnissen bei geschwächtem Immunsystem. Viele Fälle gibt es nach wie vor in Indien, Indonesien und Brasilien, aber auch in rund 20 weiteren Ländern in Afrika und Asien.

Viele Leprakranken holten sich zu spät Hilfe oder bekämen nicht rechtzeitig die nötige Behandlung, beklagt Hirschmann. "Die Menschen laufen zu traditionellen Heilern oder schlecht ausgebildetem Gesundheitspersonal, während die Krankheit voranschreitet." Diese verwechselten die typischen Lepraflecken oft mit einer Pilzerkrankung oder einer Allergie. Jeder zehnte Patient hat laut DAHW dann bereits bei der Lepradiagnose sichtbare Schäden am Körper. Der Anteil der Kinder, die schon bei der Diagnose behindert sind, lag 2016 bei 12.800 Fällen.

Doch auch ohne Entstellungen sei es den ehemaligen Leprakranken oft unmöglich, ein normales Leben zu führen, betont Sabine Ludwig. Obwohl Lepra entgegen alter Vorurteile nicht über einfache Berührungen ansteckend ist, würden Betroffene ausgegrenzt - oft noch Jahre oder Jahrzehnte nach der Heilung. "Bei keiner anderen Krankheit werden auch vollständig geheilte Menschen weiter als Kranke bezeichnet", erklärt Ludwig.

Auch Zahra fürchtete, dass ihr Mann sie nach der Diagnose verstoßen würde, erinnert sich die DAHW-Expertin, die die junge Mutter im Winter 2015 während ihres Besuches auf der Krankenstation kennenlernte. Wie viele andere Frauen habe Zahra den Arzt gebeten, ihrem Mann und der Familie die wahre Diagnose zu verschweigen. Dieser habe Zahras Mann stattdessen erklärt, dass seine Frau an einer einfachen Hautkrankheit leide.

Von Patricia Averesch (epd)