Entwicklung
Augenkrankenschwester Sofia Mohammed im Elose Health Center in Äthiopien bei einer Untersuchung.
© epd-bild / CBM /argum / Thomas Einberger
Damit kein Dieb mehr die Sehkraft stiehlt
Äthiopien will eine vergessene Augenkrankheit besiegen
Addis Abeba (epd). Wie sie Angst hatte! Eine Operation an den Augenlidern konnte sich die Äthiopierin Shega Bomeda Nademu überhaupt nicht vorstellen. Doch ihr Leiden wurde immer stärker: "Meine Augen tränten und brannten", sagt die 50-jährige Witwe, die nicht lesen und schreiben kann. "Ich hatte solche Schmerzen, es war zu viel für mich." So entschloss sie sich vor ein paar Tagen zu dem ambulanten Eingriff im Goflela Gesundheitsposten. Damit hat sie die Gefahr gebannt, wegen der Augenkrankheit Trachom zu erblinden.

Nun kam Bomeda zurück, um sich die Fäden ziehen zu lassen. "Jetzt bin ich schmerzfrei", sagt die Frau, die ein gelbes Tuch um die Schultern trägt, erleichtert. Nur ein wenig Brennen spüre sie noch. Die Frau wohnt bei ihrer unverheirateten Tochter. Zusammen schlagen sie sich als Kleinbäuerinnen durch, mit einem Ochsen, einer Kuh und zwei Schafen. Sie bauen auf einem kleinen Feld das äthiopische Getreide Teef, Sorghum und Mais an.

Im trockenen äthiopischen Hochland, etwa 150 Kilometer südlich von Addis Abeba, sind ärmliche strohgedeckte Lehmhütten in der Landschaft verstreut. Nur ab und zu blitzen neue Wellblechdächer in der Sonne. Wasser ist knapp.

Während Bomeda erzählt, macht sich das mobile Augenmediziner-Team aus der eine Autostunde entfernten Kleinstadt Butajira an die Arbeit, untersucht, operiert, zieht Fäden. Geschickt wurden sie von GTM, einer Partnerorganisation der Christoffel-Blindenmission mit Sitz im südhessischen Bensheim.

Ihr Ziel ist vor allem, das Trachom zu bekämpfen. Die infektiöse Bindehautentzündung wird durch Bakterien ausgelöst, durch Hygiene- und Wassermangel begünstigt. Bei wiederholten Infektionen dreht sich das Lid nach innen, die Wimpern reiben auf der Hornhaut, sie wird trüb. Die Folge ist Blindheit, die nicht rückgängig zu machen ist. Das Trachom wird durch Fliegen übertragen. Sie sind fast überall, vor allem auf Kindergesichtern.

"Kinder sind die Bakterienschleudern", sagt der Augenarzt und Tropenmediziner Martin Kollmann nüchtern. Bei den Kindern infizieren sich die Mütter. Wie bei der Witwe Bomeda taucht ein Trachom im fortgeschrittenen Stadium oft im Alter ab 40 Jahren auf. Die Infektion wird zu den 18 vernachlässigten Krankheiten gezählt, gegen die die Staatengemeinschaft besonders vorgehen soll.

"Es sind die Krankheiten vernachlässigter Menschen", die die Ärmsten in den ärmsten Regionen treffen, sagt Kollmann. Das Trachom habe fatale Folgen: "Blindheit ist in Afrika eine tödliche Krankheit. Wir wissen, dass die Menschen zehn Jahre früher sterben." Kollmann hofft, dass die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer bei ihrem G20-Gipfel am 7./8. Juli in Hamburg sich zur energischen Bekämpfung dieser Krankheiten verpflichten. Die Bundesregierung will sich besonders für eine Stärkung der Gesundheitssysteme einsetzen, wie ein Sprecher des Entwicklungsministeriums sagt.

Äthiopien hat sich zum Ziel gesetzt, das Trachom bis 2020 auszumerzen: Die Aufgabe ist gewaltig. 790.000 Menschen bräuchten eine Operation, um ihre Erblindung zu verhindern. 2016 wurden mehr als 15.000 Menschen mit Hilfe der Christoffel Blindenmission operiert. Die Strategie umfasst aber auch Hygiene, Brunnenbau, Vergabe von Antibiotika und Aufklärung, um Infektionen zu verhindern oder im Frühstadium zu behandeln. Eine Operation kostet etwa 22 Euro und ist selbst unter einfachsten Bedingungen machbar. In Gebieten, in denen das Trachom sehr verbreitet ist, erhält die gesamte Bevölkerung zudem das Mittel Zithromax, das von dem Pharmakonzern Pfizer gespendet wird.

Der Krankenpfleger Gizachew Abebe im weißen Kittel wirbt am Gesundheitsposten für Hygiene. In drastischen Bildern beschreibt er das Trachom: "Es ist wie ein Dieb, der euer Augenlicht stiehlt." Die Schäden seien unumkehrbar. "Die Wimpern sind wie Speere, die eure Sehkraft töten", ruft er seinem Publikum zu, das zu seinen Füßen sitzt. Darunter sind alte Männer mit Hirtenstöcken und junge muslimische Mütter, die ihre Babys stillen.

Eindringlich ruft Abebe zu Hygiene auf. Trotz Wasserknappheit sei es wichtig, Hände und Gesicht mehrmals täglich zu waschen. "Wenn Euer Gesicht nicht sauber ist, ist es wie ein süßer Kuchen für die Fliegen." Die Krankenschwester Sofia Mohammed, 28, wendet sich im nahe gelegenen Dorf Elose ganz praktisch an die Frauen: "Wir müssen herausfinden, woher die Fliegen kommen: Von den Abfällen und den Toiletten. Also müssen wir die Abfälle loswerden und die Toiletten weiter weg anlegen."

Von Elvira Treffinger (epd)