Entwicklung
Der ehemalige Landarbeiter Reginaldo hatte Lepra. Längst ist die Krankheit geheilt, die Folgen aber bleiben.
© epd-bild / Danilo Ramos
Brasiliens vergessene Krankheit
Lepra ist noch längst nicht besiegt
São Paulo (epd). Reginaldo rutscht unruhig in seinem Bett hin und her. Heute schmerzen seine verformten Füße besonders. Es ist ein stechender Schmerz, gegen den keine Medikamente helfen. Den Fernseher will der 80-Jährige noch nicht anmachen, erst abends. Es verbleiben noch viele Stunden, die Reginaldo wie jeden Tag verbringt - ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne Besuche, ohne Abwechslung. Der Brasilianer hatte Lepra. Längst ist sie geheilt, die Folgen aber bleiben.

Der ehemalige Landarbeiter wohnt seit mehr als 50 Jahren in Mogi das Cruzes im Bundesstaat São Paulo. Als er erkrankte, wurde er zwangsweise dorthin gebracht: Mogi das Cruzes war eine Kolonie der Aussätzigen. Heute ist Reginaldo einer der wenigen Ex-Patienten, die noch in solchen ehemaligen Kolonien leben.

In Mogi das Cruzes hat er auch seine inzwischen verstorbene Frau kennengelernt und geheiratet. Die gemeinsamen Kinder wurden ihnen weggenommen. Kontakt mit ihnen hat er fast keinen. "Ich kann hier nicht weg. Ich denke, Gott hat uns vergessen", sagt der hagere Mann mit leerem Blick.

An sein Schicksal will im offiziellen Brasilien keiner mehr erinnert werden. Seit den 1940er Jahren wurden Kolonien für Zehntausende von Lepra-Patienten eingerichtet, erst in den 90er Jahren wurden sie geschlossen. Nach Schätzungen der Selbsthilfegruppe Morhan in Rio de Janeiro leben derzeit noch rund 3.500 ehemalige Patienten in den Heimen, weil sie keine Familien mehr haben. Auf Druck von Betroffenen hat Brasilien die Zwangsinternierung von Lepra-Patienten als Verbrechen des Staates anerkannt. Den Opfern werden eine geringe Rente und eine Entschädigung zuerkannt.

Weltweit gibt es jährlich rund 220.000 Neuerkrankungen. Brasilien ist nach Indien das Land mit den meisten Lepra-Infektionen. Im vergangenen Jahr wurden rund 28.000 Erkrankungen erfasst, wie Manfred Göbel von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW berichtet. Die Dunkelziffer, so schätzt er, liegt doppelt so hoch. Grund sei vor allem eine große Unkenntnis auch bei Ärzten über die Symptome.

Lepra äußert sich in der Regel zuerst durch Flecken und gefühllose Stellen auf der Haut. Die Krankheit wird durch Bakterien übertragen und kann mit einer Antibiotika-Kombination behandelt werden. Wird Lepra rechtzeitig erkannt, stehen die Chancen gut, dass keine dauerhaften Behinderungen zurückbleiben. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile ist Lepra nicht hochinfektiös, und rund 90 Prozent der Menschen weltweit haben eine angeborene Abwehrkraft gegen den Erreger.

Besonders alarmierend ist für Göbel aber, dass sich jährlich rund 2.000 Kinder in Brasilien infizieren. "Denn wo Kinder erkranken, gibt es auch Erwachsene, die nicht behandelt wurden", sagt er. Lepra-Hochburgen sind die armen Bundesstaaten im Norden und Nordwesten Brasiliens. "Lepra ist eine Armutskrankheit, die sich besonders unter schlechten hygienischen Bedingungen ausbreitet. Der Zusammenhang ist ganz klar", sagt Göbel.

Auch wenn es staatliche Aufklärungskampagnen gibt, werden Erkrankte weiter diskriminiert und stigmatisiert. Oft werden sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen, selbst wenn die Infektion längst geheilt ist. Göbel berichtet von einem 15-jährigen Mädchen, das eine Stütze aufgrund einer durch Lepra verursachten Fußfehlstellung tragen muss. Ihren Freunden erzählte sie, sie habe sich den Fuß verletzt. Sonst würden sie sich abwenden. "Das zeigt, was für eine enorme psychische Belastung diese Krankheit für Kinder ist", sagt Göbel.

Die Gesellschaft wolle nichts von und über Lepra wissen, sagt Euzenir Sarno von der staatlichen Gesundheitsstiftung FioCruz: "Die Krankheit taucht nicht in den Medien auf und die meisten Infektionsmediziner haben kein Interesse." Der Epidemiologe beklagt, dass viele Ärzte falsche Diagnosen stellten. Bei 85 Prozent der Patienten, die von FioCruz-Spezialisten betreut werden, seien Diagnose und Behandlung falsch oder unzureichend gewesen.

Eigentlich könnte die Krankheit in Brasilien schon längst ausgerottet sein, betont Sarno. Es werde zu wenig in Forschung investiert, beispielsweise um endlich einen Impfstoff gegen Lepra zu finden. "Wir kämpfen dafür, dass Lepra nicht vergessen wird", betont Göbel. Schicksale wie das von Reginaldo darf es nicht mehr geben.