Entwicklung
Kindersoldat in Uganda (Foto von 2005).
© epd-bild / Frank Schulze
Bündnis Kindersoldaten will Exportstopp von Kleinwaffen durchsetzen
Studie: Gewehre aus Deutschland gehen auch an Kindersoldaten
Berlin (epd). Michael Davies war 16, als er von Rebellen im westafrikanischen Sierra Leone gezwungen wurde, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Er erlebte, wie Kinder verschleppt, zwangsrekrutiert, vergewaltigt und getötet wurden. Er sah Misshandlungen und Demütigung. Und er sah Waffen aus deutscher Produktion, etwa das Sturmgewehr G3 von Heckler & Koch.

Weil die Gewehre klein, einfach zu bedienen und robust sind, werden sie in Konflikten oft an Kinder ausgegeben. Das Deutsche Bündnis Kindersoldaten, dem Kinderhilfsorganisationen angehören, forderte deshalb am 9. Februar in Berlin einen vollständigen Exportstopp von Kleinwaffen.

Ihre Forderung untermauert das Bündnis mit der Studie "Kleinwaffen in Kinderhänden. Deutsche Rüstungsexporte und Kindersoldaten", die sie zusammen mit "Brot für die Welt" zum Red Hand Day am 12. Februar herausgab. Der Aktionstag soll auf den Missbrauch von Kindern als Soldaten aufmerksam machen.

Der Studie nach gelangen Kleinwaffen aus Deutschland auch in Länder, die Kindersoldaten einsetzen, etwa nach Indien, Pakistan, in den Nahen Osten, den Jemen, in den Irak und nach Kolumbien. Dem Bündnis zufolge werden in Kriegen rund 90 Prozent der Zivilisten durch Kleinwaffen getötet. "Deutschland ist mit verantwortlich für die Eskalation von bewaffneten Konflikten und das Leid vieler Kinder in diesen Ländern", sagte Bündnissprecher Ralf Willinger von terre des hommes.

Schätzungen zufolge gibt es weltweit rund 250.000 Kindersoldaten. Sie werden laut Willinger zumeist zwangsrekrutiert. Teils seien sie erst sechs oder acht Jahre alt und erhielten Aufgaben, die Erwachsene nicht übernehmen wollten, etwa Minenfelder räumen. Mädchen würden häufig sexuell missbraucht, zunehmend aber auch als Selbstmordattentäterinnen verpflichtet. "Der Anteil von Mädchen bei Kindersoldaten steigt deutlich an", sagte Frank Mischo von der Kindernothilfe. Die massiven Menschenrechtsverletzungen seien eine "schwere Hypothek für jede Gesellschaft".

Auch die Caritas unterstützt einen Exportstopp. Zwar könne humanitäre Hilfe in Einzelfällen Kindersoldaten zurück ins Leben führen. Eine grundsätzliche Lösung sei aber nur durch Politik und Justiz erreichbar, erklärte der Leiter von Caritas International, Oliver Müller.

Die Langlebigkeit der Waffen und ihr einfacher Transport potenzierten das Problem und machten ihren weltweiten Einsatz auf Dauer unkontrollierbar, argumentiert das Bündnis. Deshalb kämpfen die Hilfsorganisationen für ein Waffenexportgesetz, das den Handel mit Kleinwaffen auch mit Nato-Staaten wie den USA oder der Türkei verbindlich reglementieren soll. Denn die Studie zeigt laut Willinger, dass viele Kleinwaffen aus Partnerländern stammen und über Umwege in die Konfliktregionen gelangen.

Die Chancen für ein solches Gesetz wertet Willinger als "realistisch", es gebe eine "ernsthafte Diskussion" auch, weil Kleinwaffen etwa bei Heckler & Koch nur einen kleinen Teil am Gesamtumsatz ausmachten. Allerdings spielten strategische und diplomatische Überlegungen ebenfalls eine Rolle, räumte er ein.

Kritik übte das Bündnis auch an der Bundeswehr, die Jugendliche ab 16 Jahren rekrutiert. "Menschen unter 18 haben weltweit nichts in einer Armee verloren", sagte Frank Mischo von der Kindernothilfe. "Von der Signalwirkung ist das ganz schrecklich."

Michael Davies kam durch Zufall nach dem Bürgerkrieg in Sierra Leone nach Deutschland, wo er professionelle Unterstützung fand und heute als Musiker und Autor über seine Erfahrungen als Kindersoldat berichtet. "Man hat mir eine zweite Chance gegeben", sagt er, "aber viele von uns bekommen diese Chance nicht."

Von Christina Denz (epd)