Kirche
"Auf Wiedersehen, Karl" - Tausende bei Trauerfeier für Kardinal Lehmann
Mainz (epd). Die gepflasterte Augustinergasse inmitten der Mainzer Altstadt ist von Menschen gesäumt. Am frühen Nachmittag des 21. März wird es still, die nahe Domglocke läutet. Weihrauch ist zu riechen, der Trauerzug verlässt die Augustinerkirche. Hinter den Fahnenträgern folgen die weiß-schwarz gekleideten Messdiener, Jung und Alt, Frauen und Männer. Auch die Priester sind weiß-schwarz gekleidet, viele haben violette Stolen umgelegt. Die evangelischen Bischöfe und Kirchenpräsidenten tragen den schwarzen Talar, die katholischen Bischöfe das purpurne Gewand, die Kardinäle das rote.

Dem weißen Leichenwagen voraus werden die Insignien von Kardinal Karl Lehmann getragen, seine Bischofsmütze, der Stab und das Heilige Lektionar. Im verglasten Wagen ist ein einfacher Holzsarg mit einem Kruzifix darauf zu sehen. Angehörige und Mitarbeiter in dunklem Zivil beschließen den Zug. Die schweigenden Trauergäste am Straßenrand schließen sich an, nur wenige zücken ein Handy zum Fotografieren. Der am 11. März im Alter von 81 Jahren gestorbene frühere Mainzer Bischof wird unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt.

Martina Bugert ist eigens aus Worms zur Trauerfeier angereist. Lehmann habe sie 1987 als katholische Gemeindereferentin gesegnet, erzählt sie. Bei den Begegnungen sei der Bischof immer sehr menschlich gewesen. Als sie einmal den Bischofskaplan in Mainz besuchen wollte, habe Lehmann selbst die Tür geöffnet und ihren Kinderwagen über die Schwelle hineingetragen. Auch Bugerts Tochter Anne-Kathrin will bei der Beisetzung dabei sein. Der Bischof habe sich immer bemüht, alle katholischen Theologiestudierenden in Mainz zu kennen, berichtet die Studentin.

Als der Trauerzug den Dom erreicht, bevölkern viele Menschen den Marktplatz und den benachbarten Liebfrauenplatz. Rund 8.000 Menschen hätten sich zur Beisetzung von Kardinal Lehmann eingefunden, schätzt die Polizei. Von einem Polizeikorso begleitet fahren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) als Vertreterin der Bundesregierung sowie die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg an, Malu Dreyer (SPD), Volker Bouffier (CDU) und Winfried Kretschmann (Grüne). Am Liebfrauenplatz sammeln sich schätzungsweise 1.500 Menschen vor einer Großleinwand, auf der der Gottesdienst aus dem Dom übertragen wird.

Für Karl-Heinz Siegel war es klar, aus dem benachbarten Nackenheim anzureisen. Als früherer Mainzer Nachbar auf der anderen Straßenseite habe Lehmann ihn immer gegrüßt: "Er hatte immer ein freundliches Grüß-Gott auf den Lippen." Reinhard Tiemann aus dem ostwestfälischen Bad Driburg ist evangelisch und aus anderem Anlass in Mainz, aber auch ihm "ist es wichtig, hier zu sein". Mit Lehmann verbindet er als erstes dessen "Demütigung durch Rom" mit dem päpstlichen Nein zur Schwangerenkonfliktberatung und der erst späten Berufung zum Kardinal.

Im Innern des Doms wird Lehmanns Sarg an den Stufen zum Altar ein letztes Mal aufgebahrt. Bischöfe und Kardinäle bilden zum Abschied einen Halbkreis, langjährige Weggefährten ebenso wie einstige Widersacher. Lehmann habe sein Leben lang Brücken bauen wollen, auch zwischen den einzelnen Gruppen innerhalb der Kirche, sagt sein Nachfolger Peter Kohlgraf in seiner Predigt. Dabei sei er der Kirche immer loyal verbunden geblieben: "Er hat sich dem päpstlichen Lehramt gefügt und persönliche Niederlagen eingesteckt, ohne zu verbittern."

Für die eigene Beisetzung hatte Lehmann zu Lebzeiten keine Vorgaben gemacht. In einem bereits vor Jahren aufgesetzten "geistlichen Testament" notierte er lediglich, in der katholischen Kirche gebe es "viele gute Bräuche". Und irgendwie wird das Requiem trotz Fernsehkameras und all den Kardinälen, Bischöfen und Politikern zu einem persönlichen Abschied. Ein mit Lehmann befreundetes Ehepaar spielt Cello, einstige enge Mitarbeiterinnen wirken am Gottesdienst mit und auch Bischof Kohlgraf wird in seiner Predigt persönlich. Er glaube an eine Begegnung mit dem Verstorbenen im Jenseits: "Ja, Karl, das möchte ich auch dir sagen: Auf Wiedersehen."

 

Von Jens Bayer-Gimm und Karsten Packeiser (epd)