Soziales
Die wenigsten Arztpraxen in Deutschland sind für Rollstuhlfahrer problemlos zugänglich.
© epd-bild / Meike Böschemeyer
Arztbesuch mit Hindernis
Der Weg zum Arzt ist für Menschen mit Behinderung oft sehr beschwerlich
Karlsruhe (epd). Im Prinzip eckt der Schwerbehinderte aus Lörrach immer wieder an derselben Stelle an: Die Gänge in zahlreichen Arztpraxen sind für seinen speziellen Rollstuhl zu eng. Er kann nicht einfach zu einem Arzt fahren, sondern muss erst herumtelefonieren, welche Praxis "barrierefrei" ist, wie es im Fachjargon heißt.

Diese Situation sei eine klare Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen, sagt Jutta Pagel-Steidel vom Landesverband Baden-Württemberg für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung. Diskriminiert würden nicht nur Menschen mit einer angeborenen Behinderung, sondern auch eine wachsende Zahl älterer Menschen. Aber auch der junge Hobby-Kicker, der sich das Bein bricht und deshalb vorübergehend in seiner Mobilität eingeschränkt ist.

Zwar habe sich Deutschland in der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, barrierefreie Arztpraxen zu ermöglichen, sagt Christina Jäger, Sprecherin der Bundesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen. Ein Gesetz gebe es aber bislang nicht. Erschwert wird die Situation für die rund 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer und geschätzte drei Millionen Rollator-Nutzer in Deutschland durch ein weiteres Problem: "Es gibt noch keinen gültigen Kriterienkatalog, wann eine Praxis als barrierefrei gilt", sagt Cornelia Jurrmann vom Sozialverband VdK Deutschland. Nach allgemeinem Verständnis gehören dazu etwa ein rollstuhlgerechter Eingang und Toiletten, Behindertenparkplätze und auch Orientierungshilfen für Menschen, die schlecht sehen.

Vergleichsweise glücklich schätzen können sich die Menschen in den großen Städten. In München, Hamburg und Düsseldorf haben Personen mit Behinderung die Möglichkeit mehr als 26 barrierefreie Arztpraxen in 20 Kilometern Umgebung aufzusuchen. In den ländlichen Regionen Westdeutschlands gibt es teilweise nur eine Handvoll barrierefreier Praxen in 20 Kilometern Umgebung. Richtig bitter stellt sich die Situation in Ostdeutschland dar: Ganze Landkreise in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern weisen keine einzige barrierefreie Arztpraxis auf.

Nach Angaben der Stiftung Gesundheit haben von den rund 182.000 Arztpraxen in Deutschland 9.300 einen barrierefreien Zugang und 12.400 weisen Behindertenparkplätze aus. In 4.500 gibt es Orientierungshilfen für Sehbehinderte, 375 bieten Gebärdensprache an.

"Wir fordern, dass alle Arztpraxen barrierefrei sind", sagt Stefan Pfeil vom Sozialverband VdK Baden-Württemberg. Aber es sei natürlich klar, dass man nicht in alle Häuser einfach einen Fahrstuhl einbauen kann. "Sei es Denkmalschutz, statische Probleme oder ungeklärte Eigentumsrechte - bei bereits stehenden Bauten stößt man schnell an Grenzen." Der VdK Deutschland fordert daher vom Bund, 80 Millionen Euro für den barrierefreien Umbau zur Verfügung zu stellen.

Anders sieht es - jedenfalls theoretisch - bei Neubauten aus: Die Bauordnung schreibt zwar bei öffentlich zugänglichen Neubauten sowie Neubauten mit Kundenverkehr Barrierefreiheit vor. Diese rechtliche Vorschrift sei in der Praxis jedoch nur ein bedingt wirksames Instrument, heißt es vom VdK. Denn: "Die Bauordnung kann leicht ausgehebelt werden." Werde etwa ein Gebäude als Bürokomplex geplant, ziehe aber am Ende eine Arztpraxis ein, könne dies dem Mieter nicht angelastet werden.

Die Situation könne sich nur verbessern, wenn es finanzielle Unterstützung gibt, sagt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). So fordern die niedergelassenen Ärzte ein Förderprogramm für den barrierearmen Umbau bestehender Praxen. "Dies ist auch im 2016 entstandenen Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur UN-Behindertenrechtskonvention vorgesehen, wird bisher allerdings nicht umgesetzt", erklärt KBV-Sprecher Roland Stahl. Außerdem müsse die Vergütungsordnung berücksichtigen, dass es Ärzte mehr Zeit kostet, einen Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung zu behandeln.

Der junge Rollstuhlfahrer aus Lörrach hat inzwischen einen geeignete Arztpraxis gefunden: Sie ist barrierefrei, und er kann sie daher problemlos aufsuchen.

Von Leonie Mielke (epd)