Entwicklung
Mecit Zada (16) aus Kobane in Syrien ist mit seiner Familie und Oma Amina (re.) in die tuerkische Grenzstadt Akcakale geflohen (Foto vom 28.06.2016). Der heute 16-Jaehrige begann vor zwei Jahren, fuer eine Baeckerei zu a
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Arbeit statt Schule
Viele syrische Flüchtlingskinder in der Türkei müssen zum Unterhalt der Familie beitragen
Sanliurfa (epd). Khalil trägt stolz das Trikot von Real-Madrid-Verteidiger Sergio Ramos. Am liebsten kickt der 13-Jährige mit seinen Freunden, wie viele Jungen in seinem Alter träumt er von einer Karriere als Fußballer. Aber in den monatelangen Sommerferien hat der syrische Flüchtlingsjunge aus Kobane keine Zeit fürs Spielen. Er muss den ganzen Tag in einem Kleiderladen in der Großstadt Sanliurfa im Südosten der Türkei arbeiten, damit seine Familie finanziell über die Runden kommt.

Khalil ist kein Einzelfall: Mindestens ein Drittel der Hunderttausenden Flüchtlingskinder in der Türkei geht arbeiten, schätzt die Hilfsorganisation Support to Life (STL): in kleinen Geschäften, der Gastronomie, der Textilindustrie oder der Landwirtschaft. Kinderarbeit in der Türkei ist nach Einschätzung von STL ein gesamtgesellschaftliches Problem und nicht auf Flüchtlinge beschränkt, doch ist das Problem bei ihnen wegen ihrer oft prekären Lage wohl besonders ausgeprägt.

"Das Geld reicht nicht, manchmal müssen wir uns was leihen", sagt Khalils Vater Abulatif. 400 Türkische Lira (120 Euro) muss er monatlich allein an Miete für eine karge Drei-Raum-Wohnung zahlen. Er selber hat keine Arbeit, Khalil verdient rund 140 Lira (42 Euro) pro Monat - weniger als ein Zehntel des offiziellen Mindestlohns. Sein 18-jähriger Bruder Mahmut bringt als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau 30 Lira (neun Euro) nach Hause für jeden Tag, an dem er Arbeit gefunden hat.

Laut der Diakonie Katastrophenhilfe, deren Hilfsprogramme in der Region mit ihrer Partnerorganisation STL trotz der angespannten politischen Situation im Land weiterlaufen, lebt die Mehrheit der insgesamt drei Millionen Flüchtlinge in der Türkei unter der Armutsgrenze. Bei vielen seien "Zeichen von Mangelernährung" erkennbar. Die allermeisten Flüchtlinge sind nicht in den staatlichen Lagern untergebracht, wo die Versorgungslage gut ist, sondern weitgehend auf sich allein gestellt. Da müssen dann auch die Kinder zum Unterhalt beitragen.

Khalil erzählt, dass ein 14 Jahre Freund jeden Tag in einem Restaurant arbeiten müsse, weil dessen Vater gestorben sei. "Ich selbst mag meine Arbeit", versichert der Junge. Denn sein Freund Hamid, den er aus seiner Heimat kennt, der syrischen Grenzstadt Kobane, ist im gleichen Laden beschäftigt. Als die Terrormiliz "Islamischer Staat" 2014 die kurdische Stadt angriff, brachten sich viele Familien über die türkische Grenze in Sicherheit.

Auch die Familie von Mecit hat es aus Kobane nach Sanliurfa verschlagen. Der 16-Jährige begann vor zwei Jahren, für eine Bäckerei zu arbeiten. Er liefert Brot an Kunden aus, anfangs für nur zehn Lira (drei Euro) am Tag. Inzwischen verdient er das Doppelte - "weil ich hart arbeite", sagt der schlaksige Jugendliche mit dem ernsten Gesicht.

Khalil hat Glück, denn er kann in Sanliurfa zur Schule gehen - wie rund andere 20.000 Flüchtlingskinder in der südosttürkischen Provinz. Für weitere 160.000 Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren aber gibt es laut STL keinen Platz in den wenigen arabischsprachigen Schulen.

Kinder, die keine Kinder mehr sein können: Für sie und ihre Familien haben Support to Life und die Diakonie Katastrophenhilfe in Sanliurfa ein Begegnungszentrum als "schützenden Raum" eingerichtet. In einem Musikkurs singt der zwölfjährige Ardar inbrünstig ein syrisches Lied, seine Lehrerin Saha ist auch ein Flüchtling. Nebenan malen Kinder mit Wasserfarben ein Bild aus. Die kleine Midea besucht einen Türkisch-Kurs, um in ihrer neuen Umgebung besser klarzukommen.

Daneben bietet das von Diakonie Katastrophenhilfe und dem Auswärtigen Amt finanzierte Begegnungszentrum psychosoziale Unterstützung für die oft traumatisierten Flüchtlinge sowie praktische Informationen etwa über die Rechte der Flüchtlinge oder Hilfe bei Behördengängen. Spielerisch-kindgerecht hat auch Khalil im Begegnungszentrum seine Flucht-Erfahrungen verarbeiten können. Beim Video-Kurs "The Happiness Sessions" spielte er mit seinem Freund Mudschahid ihre wahre Geschichte nach: Auf der Flucht aus Syrien verloren sich beide aus den Augen und lebten zwei Jahre in Sanliurfa, bis sie sich eines Tages zufällig in der Stadt wiedertrafen.

"Das war der glücklichste Augenblick meines Lebens", sagt Khalil. Und so nannten die beiden ihren Film: "Das Glück kommt, wenn Du es am wenigsten erwartest."

Von Uwe Gepp (epd)