Medien
Antisemitismus-Doku im Ersten und Streit bei "Maischberger"
Mansour: Film spricht Tabu des muslimischen Antisemitismus an
Frankfurt a.M./Köln (epd). Nach heftiger Kritik an WDR und Arte hat das Erste eine von beiden Sendern abgelehnte TV-Dokumentation über Antisemitismus am späten Abend des 21. Juni doch gezeigt. In einer anschließenden Runde bei "Maischberger" wurden der umstrittene Film "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" und das Verhalten von WDR und Arte diskutiert. WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn wies erneut auf "gravierende journalistische Mängel" hin. Der Historiker Michael Wolffsohn nannte den Film trotz möglicher Fehler "sehr gut".

Schönenborn unterstrich, eine gründliche Prüfung des Beitrags habe sieben Persönlichkeitsrechtsverstöße und 25 inhaltliche oder journalistische Fehler ergeben. Journalistische Standards seien nicht eingehalten worden, so sei etwa angegriffenen Personen keine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben worden.

Der WDR habe an acht Stellen korrigierend eingegriffen, hieß es, dazu wurden kurze Stellungnahmen in den Film schriftlich eingeblendet. Zudem gab es online einen WDR-Faktencheck zur Doku, der Fehler richtigstellen sollte. Der Sender hatte auch die ursprüngliche Entscheidung, den Beitrag nicht zu senden, mit handwerklichen Mängeln begründet.

Der Historiker Wolffsohn wollte dies nicht gelten lassen. Der WDR habe Monate lang Zeit gehabt, vermeintliche oder tatsächliche Fehler zu klären und mit den Filmemachern zu reden. Er habe aber "nichts getan". Auch habe es beim WDR schon Dokus gegeben, "die vor Fehlern strotzten", und gesendet worden seien, etwa über den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders oder die Bank Goldman & Sachs, so Wolffsohn. Er warf dem Sender so "doppelte Standards" vor, der WDR sei auf Boykott aus gewesen.

Laut Schönenborn hat es dagegen keine Sendepause zwischen dem WDR und den Produzenten des Films, Joachim Schroeder und Sophie Hafner, gegeben. Vielmehr sei man in "ständigem Kontakt" gewesen. "Es passiert, dass ein Film nicht gelingt", sagte der Programmchef und warb um "Vertrauen". Es laufe ihm "kalt den Rücken runter", wie oft hierzulande von Zensur gesprochen werde, während in vielen anderen Ländern Medien tatsächlich unterdrückt würden. Er verwies auf eine "hohe Glaubwürdigkeit der Medien in Deutschland" und das Recht der Pressefreiheit. Es dürfe nicht soweit kommen, dass Druck und Kampagnen in der Öffentlichkeit darüber entschieden, wie Medien berichten.

Der WDR und Arte als Auftraggeber des Films hatten sich erst dazu entschieden, den Film zu zeigen, nachdem "bild.de" ihn für 24 Stunden präsentiert hatte - "rechtswidrig", wie Schönenborn betonte. Wie der WDR mitteilte, erreichte die Doku einen Marktanteil von 6,7 Prozent (1,19 Millionen Zuschauer); bei "Maischberger" waren es 7,1 Prozent (610.000 Zuschauer).

Unter den Diskutanten der "Maischberger"-Runde gingen die Meinungen zum Film stark auseinander. Der Berliner Extremismusexperte und Filmberater Ahmed Mansour, selbst palästinensischer Herkunft, lobte den Film, weil er das tabusierte Thema des muslimischen Antisemitismus anspreche. Junge Muslime bekämen Antisemitismus schon in der familiären Erziehung eingetrichtert, sagte Mansour.

Rolf Verleger, früheres Mitglied im Zentral der Juden in Deutschland, und die Journalistin Gemma Pörzgen hielten die TV-Doku dagegen für "propangandistisch". Israel-Kritik und Antisemitismus würden darin vermischt und gleichgesetzt, sagte Verleger. Pörzgen sagte: "Die Reporter hatten eine klare Agenda." Sie hätten schon vorher gewusst, welche Richtung der Film nehmen sollte.

Der frühere Bundesminister Norbert Blüm (CDU) kritisierte Unausgewogenheit. Er hätte erwartet, dass der Film den Terror von beiden Seiten zeige, sagte Blüm. "Ich bin kein Antisemit, wenn ich Israel kritisiere", fügte er hinzu.

Der Film zeige rechten, linken und muslimischen Antisemitismus sowie seine Verflechtungen im Nahen Osten, sagte Wolffsohn. Dies sei so selten zu sehen, "bei allen Nachteilen, die der Film auch hat". Eine Studie von 2015 belege, dass rund 16 Prozent der deutschen Bevölkerung antisemitische Einstellungen hätten, aber 56 Prozent der Muslime in Deutschland.

Kritik an der Dokumentation äußerte am Mittwochabend auch "Brot für die Welt". Das evangelische Hilfswerk wies Vorwürfe des Antisemitismus gegen seine Partnerorganisation B'Tselem in Jerusalem zurück. Unter anderem hieß es, die Organisation werfe Israel "Nazi-Methoden" vor. "Es gab allerdings keine Anfrage an 'Brot für die Welt' und keine Chance zur Kommentierung der Äußerungen", erklärte die Hilfsorganisation.

Eine Mitarbeiterin von B'Tselem habe der israelischen Regierung ein Jahr vor ihrer Anstellung bei B'Tselem auf einem privaten Blog "Nazi-Methoden" vorgeworfen. Nach dem Bekanntwerden 2010 habe die israelische Menschenrechtsorganisation dies öffentlich verurteilt und die Mitarbeiterin habe gekündigt.