Soziales
Digitale Medien haben Suchtpotenzial.
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Abgeschottet von der Wirklichkeit
Frankfurt a.M. (epd). Computerspielsucht. So lautet oft die Diagnose von Eltern, die auffälliges Verhalten bei ihren Kindern feststellen. Auch Tina S. hat den Verdacht, dass bei ihrem Sohn Uwe etwas aus dem Ruder läuft. Er ist 22 Jahre alt. Er geht einem Beruf nach, lebt aber noch immer zu Hause. Was er verdient, gibt er für Online-Spiele aus.

Mehrmals schon überzog er in den vergangenen fünf Jahren sein Konto. Wie intensiv er abends, nachts und am Wochenende spielt, weiß seine Mutter nicht: "Ich will ihn nicht kontrollieren." Allerdings fällt ihr auf, dass Uwe seine Freizeit kaum noch außer Haus verbringt.

Früher ging Uwe regelmäßig zum Sport. Das hörte vor drei Jahren auf: "Er sagte, dass ihm das angeblich noch nie Spaß gemacht habe." Nun hockt er die meiste Zeit zu Hause. Höchstens einmal im Monat geht er weg, um Bekannte zu treffen.

Ende vergangenen Jahres wandte sich Tina S. an eine Suchtberatungsstelle, weil sie nicht mehr weiter wusste. Seither nimmt sie an einer Angehörigengruppe teil. Uwe ist bereit, sich parallel einzeln von einer Suchtberaterin begleiten zu lassen. Tina S. hofft, dass er einsieht, wie problematisch sein Verhalten ist: "Wobei ich natürlich nicht weiß, ob er nur mir zuliebe zur Beratung geht."

An vielen Hochschulen beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, welche Auswirkungen ein hoher Konsum digitaler Medien hat. "Immer mehr Menschen verlieren sich in virtuelle Welten", sagt Pflegewissenschaftlerin Vanessa Jakob vom Institut für Medizinökonomie der Rheinischen Fachhochschule Köln. Unter ihrer Koordination entstand die BLIKK-Medienstudie 2017, in die knapp 5.600 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 15 Jahren einbezogen wurden. Ein Ergebnis war, dass fast 17 Prozent aller 13- bis 15-Jährigen zugeben, Probleme mit der Kontrolle ihres eigenen Internetkonsums zu haben.

Christoph Möller, Leiter der Therapiestation "Teen Spirit Island" für suchtkranke junge Menschen im Kinderkrankenhaus Auf der Bult in Hannover, kritisiert massiv, dass die Kindheit immer stärker digitalisiert wird. "Facebook und Twitter erzeugen ein stärkeres Verlangen als Tabak und Alkohol", ist der Kinder- und Jugendpsychiater überzeugt. ADHS und "emotionale Einsamkeit" sieht er als Folgeerscheinungen eines zu exzessiven Medienkonsums.

In Hannover wurden im Jahr 2010 die bundesweit ersten Plätze zur Behandlung von Internetsucht geschaffen. Die betroffenen Jugendlichen brauchen eine klare Tagesstruktur, sagt Möller. "Sie müssen weg von der Tag-Nacht-Umkehr." Für die Patienten der Therapiestation "Teen Spirit Island" heißt das zum Beispiel, dass alle jeden Morgen pünktlich am Frühstückstisch erscheinen müssen. "Klappt das bei einem nicht, müssen alle abends früher ins Bett."

Holger Faust, Leiter der Drogenberatungsstelle der Stadt Würzburg, bestätigt, dass Jugendliche, die kaum mehr aus der virtuellen Welt auftauchen, eine feste Tagesstruktur und vor allem Ideen für eine alternative Freizeitgestaltung brauchen. Bei ihm sei gerade der 15 Jahre alte Fabian in Beratung. Der Junge wechselte vor wenigen Monaten die Schule. In seiner neuen Klasse findet er keinen Anschluss. Im exzessiven Online-Spiel holt er sich Spannung, Befriedigung und Anerkennung.

"Er spielte täglich acht bis zehn Stunden", schildert Faust. Am Wochenende war Fabian mit kurzen Unterbrechungen 16 Stunden am Computer. Irgendwann hielt seine Mutter es nicht mehr aus. Sie überzeugte Fabian davon, zur Drogenberatung zu gehen. "Im Moment arbeitet er daran, seinen Spielekonsum auf vier Stunden täglich zu beschränken." Nun hat er auch Spaß am Schwimmen und Skateboarden.

Für Erwachsene ist es wichtig zu verstehen, welche Faszination digitale Medien haben, sagt Andreas Gohlke, Experte für Mediensucht aus dem hessischen Mühltal. "Es ist sehr leicht, der Faszination der digitalen Medien zu erliegen", sagt der Sozialarbeiter, der rund 20 Menschen mit Internetsucht pro Monat begleitet und behandelt. Wer einem Jugendlichen sagt "Schalt doch einfach aus", habe das nicht begriffen. So einfach sei es nun mal nicht.

Von Pat Christ (epd)