Entwicklung
Das Erdwärme-Kraftwerk Olkaria in Kenia
© epd-bild / Natalia Matter
Ökostrom mit Nebenwirkungen
Kenias größtes Geothermie-Kraftwerk gefährdet seltene Tierarten
Nairobi (epd). Ein Zischen, Brummen und Fauchen bestimmt die karge, hügelige Landschaft der kenianischen Savanne. "Sie testen die Bohrlöcher", erläutert Reuben Langat, Ingenieur der staatlichen Energiegesellschaft KenGen. Dampfsäulen steigen in den Himmel, es riecht nach Schwefel. Aus dem Bohrlöchern schießt 300 Grad heißes Wasser und Dampf aus der Erde in baumstammdicke Rohre. Mehr als 300 dieser Löcher gibt es derzeit im Rift Valley im Westen Kenias. Das Geothermie-Kraftwerk Olkaria, etwa zwei Stunden nordwestlich der Hauptstadt Nairobi, gilt als Vorzeigeprojekt für die Erzeugung erneuerbarer Energien. Aber es ruft auch massive Kritik hervor, denn es liegt inmitten eines Nationalparks mit seltenen Tierarten.

Olkaria hat eine Kapazität von rund 600 Megawatt und erzeugt etwa 35 Prozent des gesamten Stroms in dem ostafrikanischen Land. Nach dem Willen der Regierung soll das noch deutlich steigen. Denn nur etwa die Hälfte der Bevölkerung hat Elektrizität, häufige Stromausfälle machen Einwohnern und der Wirtschaft zu schaffen. Die Energie aus Dieselgeneratoren, mit denen die Ausfälle überbrückt werden, ist deutlich teurer und vor allem klimaschädlicher. Energie aus Geothermie ist hingegen weitgehend emissionsfrei und im Rift Valley, wo nur zwei bis drei Kilometer tief gebohrt werden muss, günstiger zu produzieren.

"Schon jetzt ist Kenia ein Vorreiter in der Nutzung erneuerbarer Energien", sagt Klaus Liebig, Landesdirektor der deutschen KfW-Bankengruppe, die das Land seit vielen Jahren bei der Erschließung der Geothermie unterstützt. Für die Ausweitung der Stromerzeugung setze Kenia vor allem auf erneuerbare Energie.

Für Naturschützer ist Olkaria hingegen ein Beispiel dafür, wie man die Dinge nicht tun sollte. Denn die tosenden und dampfenden Anlagen mit ihrem Labyrinth aus kilometerlangen Rohren liegen in geschütztem Gebiet. Im Nationalpark, der wegen der vulkanischen Aktivität "Hell's Gate" - "Tor zur Hölle"- heißt, leben unter anderem Giraffen, Zebras, Antilopen, Büffel, Affen und seltene Vogelarten. "Die Energiefirmen sind im Park eingefallen und haben ihn ohne Rücksicht auf Verluste annähernd zerstört", kritisiert Darcy Ogada von der internationalen Tierschutzorganisation "The Peregrine Fund". Zwei seltene Raubvogelarten seien bereits ausgerottet worden.

"Die Straße, die durch den Park verläuft, hat Verkehr wie eine Autobahn", beschreibt Ogada. Die Tiere würden verschreckt, immer wieder würden welche überfahren. Zudem werde der Zugang nicht kontrolliert. "Jeder kann herein und tun und lassen, was er will. Es gab Fälle von Wilderei." Ähnliche Pläne gebe es für andere Reservate. "Die Regierung plant viele Infrastrukturprojekte in Parks, weil es der Weg des geringsten Widerstands ist", erläutert die Tierschützerin. Am Rande der Parks lebten Menschen, die umgesiedelt werden müssten, was viel koste und für Negativschlagzeilen sorge.

Philip Juma, der für Umweltschutz zuständige Ingenieur bei der staatlichen Energiegesellschaft KenGen, räumt ein, dass es bei zunehmender Expansion von Olkaria zu einem Konflikt mit dem Tierschutz kommt. "Aber bevor eine neue Anlage gebaut wird, prüfen wir die Auswirkungen auf die Natur." So würden die Routen der Tiere nachgezeichnet und die Rohre bei Bedarf unterirdisch oder in Form eines Torbogens verlegt, damit die Tiere drunter durchkönnten. "Gegen den Lärm setzten wir seit einiger Zeit Dämpfer ein, die das Geräusch von 120 auf 100 Dezibel senken", sagt Juma, der seit 2010 bei KenGen arbeitet. 50 Meter entfernt sinke der Pegel auf etwa 70 Dezibel, so laut wie ein Rasenmäher.

Nigel Hunter ist skeptisch. "Noch vor etwa zwei Jahren haben es Behörden und Energiefirma aus Kostengründen abgelehnt, Rohre zu vergraben", sagt der Ökologe, der damals einer Kommission angehörte, die die Behörden in Tierschutz beriet. Die Rohre störten nicht nur die Tiere auf ihren Routen, sondern verschandelten die Landschaft und vertrieben die Touristen. "Auch das Versprechen, an bestimmten Stellen nicht zu bohren, haben die Verantwortlichen gebrochen." Und ein Bohrloch, das wegen der Gefährdung einer seltenen Geierart geschlossen werden sollte, werde immer noch genutzt. "Ihr Nistplatz, einer von zweien in Kenia, könnte jederzeit überflutet werden."

Dabei sei es leicht, die Tiere zu schützen, betonte der langjährige Leiter der Ostafrikanischen Tierschutzgesellschaft. "Man muss gutes Gerät verwenden, das nicht leckt, an bestimmten Orten darf nicht gebohrt werden, und die Rohre müssen unter die Erde." Vor allem aber müssten alle diese Maßnahmen vertraglich festgelegt werden.

"Es ist nicht so, dass wir gegen Energie-Erzeugung sind, schon gar nicht gegen grüne Energie", betont Tierschützerin Ogada. Kenia brauche mehr Strom. Aber der müsse so produziert werden, dass es keinen Schaden anrichte. "Denn was nützt es, saubere Energie zu produzieren, wenn man dabei die Natur zerstört?"

Von Natalia Matter (epd)