Die Kirche kann nach Überzeugung des Münchner Kardinals Reinhard Marx "selbstverständlich" auch ohne Kirchensteuer überleben. Bei einem Wegfall der Kirchensteuer müsse allerdings überlegt werden, "welche Aufgaben für das Gemeinwesen die Kirche künftig nicht mehr schultern soll", sagte Marx in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit". Die Vorstellung, die katholische Kirche würde ohne Kirchensteuer untergehen, nannte er abenteuerlich". "Dann müsste die Weltkirche ja längst untergegangen sein."
Zugleich hob der Erzbischof von München und Freising hervor: "Wir werden nicht vom Staat unterhalten, sondern wesentlich durch das, was die Gläubigen finanziell aufbringen." Als Mitglied der Kirche könne man nicht sagen, man gehöre zwar der Gemeinschaft an, wolle sich aber finanziell nicht beteiligen.
Der Kardinal erinnerte daran, dass die Kirche auch historisch gewachsene Aufgaben habe. "Da kann man nicht einfach sagen: Die Hälfte eurer Kindergärten sollt ihr aufgeben." Es sei selbstverständlich, dass die Kirche wie auch viele Gläubige am Wohlstand teilnehme. Entscheidend sei, was die Kirche mit dem Geld tue, das ihr zufließe.
Über kirchliche Geldanlagen sagte Marx, es liege auch im Interesse der Kirchensteuerzahler, dass die Kirche die Rendite nicht völlig aus dem Blick verliere. "Wichtig ist, dass unsere Anlagen ethisch verantwortbar sind." Der Kardinal räumte ein, dass die Kirche durch die verlässliche finanzielle Ausstattung in Deutschland auch träge werden könne. "Vom Geld kann durchaus eine Gefährdung in diese Richtung ausgehen", sagte Marx.
Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch für eine "Entweltlichung" der Kirche plädiert. In Freiburg sagte er, damit die Kirche ihren Auftrag erfüllen könne, müsse sie immer wieder auf "Distanz zu ihrer Umgebung" gehen, sie habe sich gewissermaßen zu "entweltlichen". Dies war als Kritik am deutschen Kirchensteuersystem interpretiert worden.
Vor Marx hatte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, die Kirchensteuer gegen Kritik verteidigt. "Wir haben gute Gründe, dieses geschichtlich gewachsene und bewährte System beizubehalten", sagte der Freiburger Erzbischof Ende 2011. Die Kirchensteuer sei keine Zwangsabgabe, sondern ein "Finanzbeitrag der Kirchenmitglieder für ihre Kirche. Sie ist keine staatliche Subvention, sondern ein Mittel der Selbstfinanzierung der Kirche durch ihre Mitglieder entsprechend deren Einkommen." Der Steuereinzug durch die staatlichen Finanzämter werde von den Kirchen bezahlt und sei kein Geschenk.
