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Erzbischof Woelki: Zunehmend ethische Differenzen zwischen Kirchen

Ungeachtet der ökumenischen Ausrichtung der Feiern zum 500. Reformationsjubiläum sieht der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki zunehmende Differenzen zwischen den beiden großen Konfessionen. "Bei aller Freude über gegenseitige Wertschätzung, über theologische Konvergenzen und gemeinsam getragene Projekte der Caritas, Diakonie und Bildungsarbeit gehört zu einer ehrlichen Bilanz auch das freimütige Benennen von Anfragen und Sorgen", schreibt der Kardinal in einem Beitrag für die Monatszeitschrift "Herder Korrespondenz": "Es gibt - so scheint es mir - einen zunehmenden Dissens in moral- und sozialethischen Fragen."

Als Beispiel nennt Woelki unter anderem die "Ehe für alle" und die Positionen zu Abtreibung, Sterbehilfe und Scheidung. "Immer wieder wird ein vormals bestehender Konsens brüchig", bilanziert der katholische Theologe. Wenn hinter diesem Befund die Überzeugung stehe, "dass sich aus dem Evangelium gar keine verbindliche Ethik ableiten lasse, dann muss man ehrlicherweise von einer ethischen Grunddifferenz zwischen beiden Konfessionen sprechen".

Der Kardinal kritisiert zudem, nicht selten könne man lesen, "der konfessionelle Gegensatz sei der zwischen einer demokratisch geordneten Kirche einerseits und einer hierarchisch verfassten Kirche andererseits". Diese Kontrastierung sei schon deshalb unzutreffend, weil sich jede christliche Kirche oder Gemeinschaft auf Jesus Christus und damit auf eine ihr vorgegebene Wahrheit berufe.

Angesichts der vielen Spaltungen des Protestantismus dürfe man "als katholischer oder orthodoxer Christ bezweifeln, dass sich auf Luthers 'Sola scriptura' eine Bekenntniseinheit gründen lässt". Der lateinische Begriff "Sola scriptura" ("allein durch die Schrift") gilt als Alleinstellungsmerkmal der evangelischen Kirche. Nach diesem Kernsatz der Reformation ist die Bibel die einzige Quelle und Norm des christlichen Glaubens.

Woelki kommt zu dem Schluss, heute sei eine "Ökumene des öffentlichen Bekenntnisses" dringlicher denn je: "Wie viel wäre schon gewonnen, wenn in Deutschland beide großen Konfessionen in Fragen der Sozial-, Wirtschafts- und Bioethik erneut mit einer Stimme sprächen", unterstreicht der Kölner Erzbischof.