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Bruderkuss in Havanna - Beim historischen Treffen zwischen Franziskus und Kyrill ging es vor allem um Weltpolitik

Nach fast 1.000 Jahren Kirchenspaltung begann das erste Treffen zwischen den Oberhäuptern der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche mit einer einfachen Frage. «Wie war der Flug?», wollte Kyrill wissen, und der 79-jährige Franziskus antwortete nach der zwölfstündigen Reise: «Sehr gut!» Ebenso gelassen und freudig wie der Tonfall wirkte der Bruderkuss, den die beiden zu Beginn des historischen Treffens austauschten.

Einen Durchbruch in den beiderseitigen Beziehungen stellte bereits das Stattfinden des Treffens an sich dar. Jahrelang hatte sich der Vatikan um die Begegnung bemüht. Kurz vor seiner Landung in Havanna äußerte Franziskus per Twitter seine Vorfreude: «Heute ist ein Tag der Gnade. Die Begegnung mit Patriarch Kyrill ist ein Geschenk Gottes.»

Nach ihrem mehr als zweistündigen Gespräch unterzeichneten die beiden Kirchenoberhäupter eine Erklärung, laut der sie sich nicht mehr als Konkurrenten, sondern als Brüder betrachten wollen. Gemeinsam forderten sie die internationale Gemeinschaft auf, Gewalt und Terrorismus in Syrien und im Irak ein Ende zu setzen und der notleidenden Bevölkerung die notwendige humanitäre Hilfe zukommen zu lassen.

Auch wenn es beim ersten Treffen zwischen dem Papst und dem Moskauer Patriarchen offiziell vorrangig um die gefährdeten Christen im Nahen Osten ging, dürfte das Gespräch auch die große Weltpolitik berührt haben. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. geht es dem amtierenden Oberhaupt der katholischen Kirche beim Dialog mit den Orthodoxen weniger um liturgische und theologische Fragen.

Franziskus entwickelt mit seinem Werben um die russisch-orthodoxe Kirche eine aktive Ostpolitik des Vatikans weiter. Der Kirchenstaat baute bereits unter Johannes Paul II. gute Kontakte in die Länder jenseits des Eisernen Vorhangs auf, die später entscheidend zum Zusammenbruch der Sowjetunion beitragen sollten.

Franziskus betont immer wieder seine Sorge nicht nur um die Christen in Syrien und Irak, sondern um alle Opfer von Gewalt im Nahen und Mittleren Osten. Angesichts der Not der Menschen gilt es im Vatikan als ausgemacht, dass nur umfassende politische Lösungen unter Einbeziehung aller Akteure einschließlich Russlands ein Ende des Blutvergießens und der Flüchtlingsströme erreichen können.

Die Nähe der russisch-orthodoxen Kirche zur Regierung in Moskau macht aus ihr in den Augen des Vatikans einen potenziellen Vermittler zwischen Präsident Wladimir Putin und westlichen Staaten. Dies ist aus römischer Sicht nötig, um dessen Isolierung zu überwinden und ihn besser in die gemeinsame Suche nach einer Lösung des Syrien-Konflikts einzubeziehen.

Kuba verfügt traditionell über gute Beziehungen zu Moskau. Gleichzeitig erinnert Havanna als Ort für das historische Treffen zwischen Papst und Patriarch auch daran, dass Franziskus im vergangenen Jahr die nicht minder historische Aussöhnung zwischen den Erzfeinden Kuba und den USA vermittelte.

So wird die Begegnung der beiden Kirchenführer auch in die Vereinigten Staaten hineinwirken, zu denen der Vatikan intensive Beziehungen pflegt. Denn das eigentliche Ziel der jüngsten Bemühungen des Vatikans auf weltpolitischer Ebene ist eine Annäherung zwischen den beiden Großmächten USA und Russland, die gemeinsam zu einem Ende des Syrienkriegs beitragen sollen.